Bald beginnt die Fußball-Weltmeisterschaft!

Doch anstatt der sonst üblichen Vorfreude auf das Turnier dominiert Kritik am Gastgeberland Katar die öffentliche Debatte. Am Wochenende riefen Fanorganisationen mehrerer Vereine bei Bundesligaspielen erneut zu einem Boykott der WM auf. Warum ist die WM in Katar so umstritten? Neben den dubiosen Umständen rund um die WM-Vergabe stehen vor allem die massiven Menschenrechtsverstöße in Katar in der Kritik. Bei den Bauarbeiten für die WM-Stadien kam es zu einer Mehrzahl von vermeidbaren tödlichen Unfällen und Verletzungen. Als Reaktion führte die katarische Regierung Reformen ein, die von Menschenrechtsorganisationen jedoch als unzureichend und als „PR-Gag“ eingestuft werden. Besorgniserregend ist auch die Sicherheit von LGBTQI-Fans: erst vor Kurzem bezeichnete der katarische WM-Botschafter Homosexualität als „geistigen Schaden“. Die Aussage stoß auf große Kritik, auch von Seiten der Nationalspieler Manuel Neuer und Leon Goretzka, die die Äußerung als „inakzeptabel“ und als „Menschenbild aus einem anderen Jahrtausend“ bezeichneten.

Ist ein Boykott der WM angesagt?

Menschenrechtsorganisationen und einige Fanverbände hatten angesichts der Kritik am Gastgeberland immer wieder zu einem Boykott der WM durch die Nationalmannschaften aufgerufen. Der norwegische Verband hatte einen Boykott ernsthaft erwägt – sich dann allerdings nicht zur WM-Teilnahme qualifiziert. Für einen Boykott durch die Mannschaften ist es höchstwahrscheinlich zu spät. Doch was ist mit den Fans? Laut einer Umfrage würden es 65 Prozent der Deutschen befürworten, wenn in Deutschland Public Viewing-Veranstalter und Bars die Übertragung boykottieren würden. Ein Boykott würde ein starkes Signal senden, doch wie erfolgreich wäre er tatsächlich? „Ein Fernsehboykott bewirkt überhaupt nichts“ mit Hinsicht darauf, Veränderungen im Gastgeberland anzustoßen, so Bundesinnenministerin Nancy Faeser. Wie siehst Du das? Wirst Du die WM in Katar im Fernsehen schauen?

Was denken unsere Leserinnen und Leser?

Ihr habt uns EURE Fragen und Kommentare zugeschickt und wir haben sie an den DFB, einen Nahostexperten und einen Fan-Vertreter weitergeleitet! Ihre Antworten findet ihr im Video oben!

  • Steffen Simon ist Mediendirektor des Deutschen Fußball-Bunds
  • Sig Zelt ist der Pressesprecher der Fanvereinigung „Pro Fans„, ein Interessenbündnis von 48 Fan- und Ultragruppen in Deutschland.
  • Robert Chatterjee ist der stellvertretende Chefredakteur des Nahost-Magazins „Zenith

Zunächst hat uns Leserin Mareike diesen Kommentar zugeschickt:

Sollte Deutschland die Fußball-WM in Katar boykottieren? Was spricht eigentlich dagegen? Klar, es ist ein mega Ereignis, aber wenn ein Land wie Deutschland nicht mitmachen würden, würden vielleicht auch andere mitziehen und es würde sich endlich langfristig mal was ändern. Aber ich kann mir auch vorstellen, dass es Verträge gibt, die weit im Voraus vereinbart und dann nicht einfach so fallen gelassen werden können. Was würde passieren, wenn zum Beispiel die Spieler alle streiken würden?

Was würden unsere Experten Mareike antworten`? Ist es überhaupt möglich, die WM jetzt noch zu boykottieren? Schaut Euch die Antworten des DFB-Mediendirektors Steffen Simon und des Nahostkenners Robert Chatterjees oben im Video an!

Wie sieht der Fan-Vertreter Sig Zelt das?

Gegen einen Boykott spricht, dass der Sport Völker verbindet, nicht deren Regierungen. Dennoch hielte ich im Falle der WM in Katar zumindest einen Teilnahmeverzicht für richtig, auch wenn der DFB dann Vertragsstrafen zu zahlen hätte. Denn die Menschenrechtsverletzungen sind unmittelbar mit dem Turnier verbunden. Es wird in Stadien gespielt, für deren Errichtung Menschenleben geopfert wurden. Es wird in Hotels gewohnt, deren Angestellte unter höchst diskriminierenden Bedingungen arbeiten. Und es können auch nicht Fans aus aller Welt die Spiele besuchen: Für israelische Fußballfreunde wird es nicht möglich sein, in Katar einzureisen. 

Ein Rückzug des DFB hätte auf jeden Fall das Potential gehabt international eine Welle auszulösen. Dafür scheint es jetzt tatsächlich zu spät. Protest kann viele Formen haben. Wenn der DFB meint, es reiche aus, plakativ, im Rahmen eines Kongresses und in unverbindlichen Gesprächen Menschenrechte einzufordern, sollten wir Fußballfans umso deutlicher zeigen, was wir davon halten.

[ Anmerkung der Redaktion: Ende letzter Woche hat das Emirat verkündet, dass nun doch eine Möglichkeit die WM zu besuchen für Fußballfreunde mit israelischem Pass gibt, die im Besitz von Eintrittskarten und eines speziellen „Fan-Ausweises“ sind, zur WM nach Katar einreisen können.]

Wie haben andere Länder eigentlich auf die WM in Katar reagiert? In seinem Kommentar weist Leser Robert auf das Beispiel des norwegischen Fußballverbands hin. Er schreibt:

Ich habe gelesen, dass die Präsidentin vom norwegischen Fußballverband zu einem Boykott der WM aufgerufen hat. Gut, wenn sich dein Land eh nicht sportlich qualifiziert hat, geht dir sowas natürlich leichter von den Lippen. Aber andererseits scheint es doch den großen Fußballnationen einfach an Mut zu fehlen für so einen Schritt, oder? Oli Kahn meinte mal, es bräuchte Eier. Wo sind jetzt die Eier vom DFB?

Scheut der DFB die möglichen Konsequenzen eines Boykotts? Das haben wir den Mediendirektor des DFB Steffen Simon und den Nahost-Kenner Robert Chatterjee gefragt. Ihre Antworten könnt Ihr oben im Video sehen!

Und wie sieht der Fan-Vertreter Sig Zelt das? Scheut der DFB die möglichen Konsequenzen eines Boykotts?

Da stimme ich zu. Traurig ist, dass der DFB sogar den Vorschlag abgelehnt hat, ein Votum der ihm über die Vereine mittelbar angehörigen Fußballfreunde einzuholen und zu berücksichtigen.  Der Verband hat nie seine Teilnahme auch nur leise infrage gestellt, sondern zieht sein Ding unbeirrt durch und entfernt sich immer mehr von der (Umfragen zufolge) Mehrheit der Fußballfreunde in Deutschland, die diese WM ablehnt. Selbst einem relativ milden, aber dennoch deutlichen Protest wie vom dänischen Verband  geplant, der neben verbaler Positionierung seine Teilnahme auf das Notwendigste beschränken wird, zeigt sich der DFB nicht aufgeschlossen.

Unser Leser Ronny findet die Debatte um einen WM-Boykott scheinheilig und gibt einen weiteren Aspekt zu bedenken. Er schreibt uns:

Ach wisst ihr, das ganze Rumgedruckse rund um die WM, mitmachen oder nicht, das ist doch irgendwie Heuchelei. Ich bin echt kein Freund von Kommerz bis zum Umfallen und Ausbeutung und allem. Aber ich komme aus Sachsen und auch wenn der RB-Didi sicher seine Leichen im Keller hat, immerhin haben wir jetzt Real und PSG in Leipzig und du musst nicht mehr bis München oder Dortmund gurken zur Champions League. Und dass der Rubel rollt, kommt auch dem kleinen Mann hier zugute.

Sicher war die WM in Katar irgendwie gekauft (das war ja auch nicht das erste Mal…) und dass Stadien in die Wüste gepflanzt werden, wo auch noch Leute bei draufgehen, ist nicht im Sinne des Erfinders. Aber der Nahe Osten freut sich doch sicher, dass endlich mal so ein Event dort hinkommt. Schau dir an, was in Südafrika damals los war. Kann mir auch gut vorstellen, dass auch die Wirtschaft da noch auf Jahre von profitieren kann.

Wie reagieren der Mediendirektor des DFB Steffen Simon und der Nahost-Kenner Robert Chatterjee auf Ronnys Meinung? Ihre Antworten könnt Ihr oben im Video sehen! Würde ein Boykott überhaupt Sinn machen? Oder würde ein Fernbleiben von der WM vielleicht gar die Falschen treffen? Das haben wir auch den Fan-Vertreter Sig Zelt gefragt. Er schrieb uns:

Geldverdienen und Ausbeutung bis zum – leider wortwörtlich – Umfallen sind zwei verschiedene Paar Schuhe. In anderer Weise ist der Vergleich mit RB jedoch sehr treffend! Tatsächlich gibt es im Leipziger Raum viele Menschen, die sich über hochkarätigen Fußball freuen, nachdem die dortigen Traditionsvereine, auch mangels Sponsoren, darniederliegen. Aber ist Fußball nicht mehr als nur Unterhaltung?

Wie steht es mit der Mitgestaltung und Mitbestimmung im Verein? Und ist es spannend, wenn mit viel Geld sportlicher Erfolg regelrecht gekauft wird, so dass in acht Jahren der Aufstieg von der fünften Spielklasse in die Champions-League gelingt und die einzige Überraschung dabei ist, dass es doch so lange dauerte? Kann man als Leipzigerin und Leipziger stolz darauf sein, von einem fremden milliardenschweren Konzern abhängig zu sein, dem es mit seinem Investment in den Sport weder um die Stadt, noch um die Fans geht, sondern der letztlich nur sein Markenimage, seinen Umsatz, seinen Gewinn stärken will?

Ähnlich in Katar: Das Engagement im Fußball hat nicht das Motiv, die Fußballfreunde des Landes zu erfreuen, die es dort, im Gegensatz zu Ländern wie Iran oder Aserbaidschan, kaum gibt. Vielmehr will das Land seine internationale Reputation verbessern und die FIFA will kassieren. Der Sport wird dabei nur als Vehikel benutzt. Kann man dafür Fan sein?

Auch Leserin Simone sieht Boykotte im Sport kritisch. Sie schreibt:

Von Boykotten im Sport halte ich gar nichts. erstens bringen sie nix (du kannst mir doch nicht erzählen, dass ein Boykott der deutschen Nationalmannschaft auf einmal die Qatarischen Machthaber davon überzeugt, Menschenrechte zu beachten und sich zur Demokratie zu wandeln). und zweitens trainieren Sportler jahrelang auf Großereignisse wie WM und Olympia hin. Denen die Chance zu nehmen, sich zu beweisen, nur weil die FIFA korrupt ist, ist doch nicht Sinn der Sache.

Ist Simones Sorge berechigt? Würde ein Boykott die Sportler bestrafen? Das haben wir den Mediendirektor des DFB Steffen Simon und den Nahost-Kenner Robert Chatterjee gefragt. Ihre Antworten könnt Ihr oben im Video sehen!

Und wie sieht der Fan-Vertreter Sig Zelt das? Würde ein Boykott die Sportler bestrafen?

Ja, für jede Sportlerin und jeden Sportler ist die Chance auf einen Weltmeistertitel und auch schon die Teilnahme an so einem Turnier ein ganz besonderer und motivierender Höhepunkt.  Allerdings: Wir sprechen von Profisport. Gerade Spitzenfußballer empfangen Vergütungen „jenseits von gut und böse“, die alle Widrigkeiten in ihrem Sport mehr als fürstlich ausgleichen. Da kann man erwarten, dass sie auch professionell damit umgehen können, wenn einmal ein Engagement aus wichtigem Grund scheitert. Zumal auch von den Sportlern viele sehr gemischte Gefühle dabei haben.

Und ja, für die Wanderarbeiterinnen und Arbeiter in Katar würde ein Boykott nichts verbessern. Aber er wäre ein Signal an Andere. Er würde die Botschaft verbreiten, dass es künftig nicht mehr ausreicht, nur ein paar kosmetische Verbesserungen der Menschenrechte in Gang zu bringen, wenn man ein rauschendes Fest der Nationen ausrichten, für sich werben und sich im Licht der internationalen Öffentlichkeit sonnen will.

Zuletzt haben wir einen Kommentar von Leserin Anni erhalten, die sich klar gegen die WM in Katar ausspricht:

Diese WM ist schändlich von A bis Z! Wie kann man nur so unmoralisch sein, buchstäblich über Leichen zu gehen, damit ein paar hohe Herren bei der FIFA und ihre Freunde im Emirat noch ein paar Nullen mehr auf dem nächsten Kontoauszug haben? Das ist zynisch und widerlich! Hat eigentlich mal jemand an die Leute in Katar gedacht, die das ausbaden müssen?“

Wie stehen der Mediendirektor des DFB Steffen Simon und der Nahost-Kenner Robert Chatterjee zu Annis Meinung? Steht die Winter-WM in Katar sinnbildlich dafür, dass sich der Fußball immer mehr von den normalen Menschen entfremdet?

Wie sieht der Fan-Vertreter Sig Zelt das?

Wie es der Osnabrücker Künstler Volker Johannes Trieb ausdrückt: Menschen sterben für unser Pläsier, für unser Vergnügen. – Wie kann man da Freude an dem Turnier haben? Wir wollen einen Fußball, der nicht nur Unterhaltung ist, sondern als dessen wichtigere Werte die soziale Integration, die Solidarität, demokratische Teilhabe und Mitbestimmung im und um den Verein gelebt werden. Tatsächlich sehen wir, wie die Verbände sich immer mehr davon entfernen, wie sie sich gleichzeitig als Moralhüter geben und doch ganz anders handeln, und wie auch manche Vereine als oberstes Ziel nur mehr die Sicherung des Investments verfolgen. Ich kann gut verstehen, wenn Menschen beginnen sich vom Fußball abzuwenden. Andere wollen die wichtigen Werte dieses schönen Sports bewahren und kämpfen darum. Ich würde mich freuen, Sie, Anni, dazuzählen zu dürfen.

Sollte Deutschland die WM in Katar boykottieren?

Sollte der DFB härtere Kritik an Katar üben? Wie wirksam wäre ein Boykott überhaupt? Zeigt die WM in Katar, dass sich der Fußball immer mehr von normalen Menschen entfremdet? Schreib uns einen Kommentar und wir leiten ihn an Politiker:innen und Expert:innen weiter!

Foto: shakeelms

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9 Kommentare Schreib einen KommentarKommentare

Was denkst Du?

  1. avatar
    Paul

    ja. es ist ein kriminelles regime, das menschenrechte mit füßen tritt.

  2. avatar
    Lukas

    ich finde die ganze debatte heuchlerisch. vor 4 jahren war die wm in russland – auch nicht gerade ein paradies für menschenrechte 🤣

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      Filip

      Isso 😅

  3. avatar
    Fabian

    Sport ist Sport und Politik ist Politik. Die zwei sollte man nicht vermischen ✌️

    • avatar
      Leonie

      So ist es eben nicht. Das Regime in Katar benutzt die WM ganz strategisch um sein Image in der Welt zu verbessern. Die WM wird damit zum Teil der Propaganda eines menschenverachtenden Regimes

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    Jonas

    Fakt ist: Die WM hätte nie nach Katar gegeben werden dürfen, aber dank der korrupten #FIFA ist es jetzt so. Wir sollten den Spielern jetzt nicht die möglichkeit nehmen, eines der Highlights ihrer Karriere zu erleben. ABER: in der Zukunft darf so etwas nicht nochmal geschehen!

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    Mara

    JA! Ich werde mir den Driss nicht im Fernsehen anschauen und der korrupten & kriminellen WM damit auch noch eine gute Fernsehquote sichern

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    Martin

    Die Binde nicht zu trage war ein feiges Zeichen. Aber Arbeitsverweigerung ist natürlich ein viel stärkeres :D

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    Michael

    Wir haben doch schon extra verloren dann können wir am Ende der Vorrunde Boykottiert

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