Ungarisches Gesetz verbietet die Darstellung von LGBTI in Schulen

Ausgerechnet im Juni, also im Pride-Monat, beschloss das ungarische Parlament ein Gesetz, das LGBTI-Menschen in Ungarn diskriminiert. Von Fußballern bis zur Politik erntete der Beschluss scharfe Kritik; EU-Kommissionspräsidentin von der Leyen nannte ihn „eine Schande“ und kündigte ein entschiedenes Vorgehen gegen Ungarn an. Unter dem Deckmantel des Kinderschutzes verbietet das umstrittene Gesetz u.a. die Vermittlung von Inhalten zur „Popularisierung“ von Homosexualität oder trans Identitäten in der Schule. Lehrerinnen und Lehrern ist es somit untersagt mit Jugendlichen über LGBTI-Themen zu sprechen, geschweige denn über diese zu unterrichten. Menschenrechtsorganisationen warnen davor, dass sich solche Maßnahmen gravierend auf die psychische Gesundheit von LGBTI-Jugendlichen auswirken kann.

Schottland: LGBTI-Themen auf dem Lehrplan

Einen ganz anderen Ansatz zu diesen Themen hat Schottland, das als erstes Land in der Welt LGBTI-inklusive Bildung in den Lehrplan integriert hat. Seit 2019 sind staatliche Schulen dazu verpflichtet, Schüler:innen über die Geschichte der LGBTI-Gleichberechtigung und -Bewegungen zu unterrichten. Auf diese Weise möchte das Land Homophobie und Transphobie bekämpfen und den Schüler:innen Raum zur Erkundung ihrer Identität geben. Denn obwohl Schottland als eines der LGBTI-freundlichsten Länder der Welt zählt, fand eine Studie heraus, dass selbst hier 9 von 10 LGBTI-Menschen Homophobie erleben. Könnte Bildung also wirklich dabei helfen, Homophobie zu bekämpfen? Sollte LGBTI-inklusive Bildung europaweit eingeführt werden?

Was denken unsere Leserinnen und Leser?

Unsere Leserin Nefeli glaubt, dass Bildung der einzige Weg ist, um Homophobie zu bekämpfen und wissenschaftliche Erkenntnisse auch denen mitzuteilen, die zum Beispiel aufgrund ihrer Religion Vorurteile haben.

Wir haben Nefelis Kommentar an den Europaabgeordneten Marc Angel von der S&D Gruppe aus Luxemburg weitergeleitet. Er ist Vorsitzender der interparlamentarischen Gruppe für LGBT-Rechte. Was denkt er, sollten europäische Schulen über LGBTQI-Themen unterrichten?

Natürlich ist Bildung sehr wichtig: Bildung in der Schule, aber auch Bildung in den Aktivitäten außerhalb der Schule, die Kinder und auch junge Menschen bekommen und dann auch Bildung in der Familie. Aber nicht jeder hat die Möglichkeit, Themen wie LGBTI-Fragen in seiner Familie anzusprechen. Deshalb müssen die Schule und alle Institutionen rund um die Schule eine wichtige Rolle spielen. Ich denke, LGBTI-Fragen sollten nicht nur ein zusätzliches Fach sein, sondern Teil einer breiteren Erziehung, die auch Sexualerziehung, Gespräche über Liebe, über Beziehungen zu anderen Menschen beinhaltet. Ich denke, wenn man solche Themen in der Schule hat, kann man LGBTIQ-Themen nicht ignorieren.

Für eine weitere Einschätzung haben wir Nefelis Frage auch Rubén Ávila Rodríguez weitergeleitet. Rubén ist Policy & Research Manager bei IGLYO, einer internationalen LGBTQI-Organisation, die sich dafür einsetzt Bildung für alle sicher und inklusiv zu machen.

Vielen Dank, Nefeli, für deine Frage. Ich glaube, dass Bildung eines der stärksten Werkzeuge ist, die wir haben, um das Bewusstsein für Hate Speech und für unsere eigenen Rechte zu schärfen. Ich denke, dass die Einbeziehung von LGBTQI-Menschen, Geschichte und Themen in die Lehrpläne der Schulen die weit verbreitete Homophobie bekämpfen könnte, von der Nefeli spricht, aber auch Bi-Phobie, Trans-Phobie und Intersex-Phobie, mit denen wir in unseren Gesellschaften konfrontiert sind.

Die Aufnahme dieser Art von Inhalten in die Lehrpläne könnte eine sichere Umgebung für Schüler:innen bieten, die ihre eigene sexuelle Orientierung, geschlechtliche Identitäten, geschlechtliche Ausdrücke und Geschlechtsmerkmale erforschen und verstehen wollen. Wir sind in den Schulen überproportional von Mobbing betroffen, daher wäre es sehr hilfreich, dies in einer sicheren Umgebung diskutieren zu können.

All das in die Schulen einzubeziehen, ist für die Schüler:innen sehr vorteilhaft, aber auch die Art und Weise, wie dies präsentiert wird, ist sehr wichtig. Wir wissen, dass den Lehrer:innen manchmal das Selbstvertrauen fehlt, das Thema in die Schule einzubringen und auch das Wissen, wie man das macht. Es ist sehr wichtig, dass sie geschult werden, um diese Anti-Bias-Linse zu haben, so dass sie die Vielfalt feiern können, wenn es darum geht, LGBTQI zu sein. Und das sollte auch beinhalten, dass Lehrer keine Vorurteile haben, wenn es um Rassismus oder Sexismus geht. Also ja, ich stimme Nefeli völlig zu, Bildung ist eines der stärksten Werkzeuge, das wir haben, aber wir müssen daran arbeiten, wie wir es in der Schule umsetzen.

Einen weiteren Kommentar erhielten wir von Teodora. Sie argumentiert, dass Sexualerziehung in Schulen in ganz Europa verpflichtend sein sollte, und sie wies darauf hin, dass das Bewusstsein für LGBT-Themen und deren Inklusion in den Lehrplan in dieser Hinsicht besonders wichtig seien.

Was würde Rubén Ávila Rodríguez von IGLYO Teodora antworten?

Ich stimme Dir vollkommen zu, Teodora. Bei IGLYO haben wir mehrere Ressourcen veröffentlicht, immer mit jungen Menschen in der Verantwortung, und inklusive Sexualerziehung war immer einer der Mindeststandards, die wir immer gesehen haben. Wir denken, dass eine inklusive Bildung verpflichtend sein sollte. Wir glauben, dass der Unterricht sich auf Beziehungen konzentrieren sollte, und nicht nur auf reproduktive Funktionen und Gesundheitsrisiken, was oft der Fall ist. Und diese Diskussion sollte vielfältig bleiben in Bezug auf Geschlecht und Geschlechtsmerkmale. Auf diese Weise wäre jeder in der Lage, sexuelle Gesundheit zu verstehen und gleichzeitig eine positive Darstellung seiner eigenen sexuellen Orientierung, Geschlechtsidentität, Geschlechtsausdrücke und Variationen der Geschlechtsmerkmale zu haben. Auch hier würde ich sagen, dass Lehrer:innen sensibel für die Tatsache sein sollten, dass sie möglicherweise LGBT-Schüler:innen haben, die ebenfalls das Recht haben, diese Bildung auf sinnvolle Art und Weise zu erhalten.

Wir verstehen, dass sexuelle Gesundheit viel weiter gefasst ist als nur reproduktiver oder fortpflanzungsfähiger Sex. Ja, wir müssen über Gesundheitsrisiken sprechen, aber auch darüber, wie man eine positive Erfahrung mit Sex machen kann, und das ist sehr wichtig für LGBTQI-Menschen, und wir müssen sensibel dafür sein, was Sex für manche Menschen auslösen kann, je nach ihren Erfahrungen mit sexueller Orientierung, Geschlechtsidentität, Geschlechtsausdruck und Geschlechtsmerkmalen.

Zuletzt ist unser Leser David ist der Meinung, dass es viele Unterschiede in der Einstellung sowie in der Gesetzgebung gegenüber LGBT-Themen in Europa gibt. Er denkt daher, dass die Bildung zu LGBT-Themen auf nationaler Ebene bestimmt werden sollte, anstatt von der EU aufgezwungen zu werden.

Was würde der Europaabgeordnete Marc Angel David antworten?

Die EU hat sehr wenig Kompetenzen im Bereich Bildung. Und wenn man sich die LGBTQI-Gleichstellungsstrategie anschaut, die von der Kommissarin für Gleichstellung, Kommissarin Dalli, anschaut, da gab es zwar ein Kapitel über Bildung, aber es geht vor allem über den Austausch von Best Practices aus anderen Ländern, und niemand schreibt das vor. Aber was Europa auferlegen muss, sind die Grundrechte und unsere Verträge, wie Artikel 2, wo wir von Rechtsstaatlichkeit, von Grundrechten und von Demokratie sprechen. Man kann LGBTI-Rechte nicht ignorieren und kein Land kann eine Gesetzgebung haben, bei der die LGBTI-Rechte nicht als Menschenrechte angesehen werden. Es ist wie mit den Rechten von Frauen oder mit den Rechten von Behinderten – LGBTI-Rechte sind auch Menschenrechte. Menschenrechte sind unteilbar. In einigen Ländern wie Polen und Ungarn sagen sie, das sei eine „LGBTI-Ideologie“, eine „Gender-Ideologie“. Nein, ich bin keine Ideologie. Ich bin ein schwuler Mann und das ist eine Identität. Eine LGBTI-Person zu sein, hat mit einer Identität zu tun, und es ist sicherlich keine Wahl. Aber homophob oder transphob zu sein – das ist eine Wahl.

Aber ich kann Davids Überlegungen verstehen. Bildung ist keine Zuständigkeit der Europäischen Union, aber ich hoffe, dass wir in jedem Land eine gute Sexualerziehung haben werden. Das ist wichtig für die Zukunft, und es ist auch wichtig, dass Kinder lernen, was Diskriminierung ist, was Mobbing ist, denn all das ist miteinander verbunden. Wenn man weiß, dass „schwul“ keine Beleidigung oder ein Schimpfwort ist, dann benutzt man es auch nicht auf diese Weise. Es geht auch viel um Sprache, und je jünger wir anfangen, desto besser ist es. Aber es gibt diese sehr gut organisierte Anti-Gender-Bewegung in Europa. Sie haben versucht, Gender Studies aus den Universitäten zu verbannen, sie sind gegen Sexualerziehung, sie wollen uns zurück in die patriarchalische Gesellschaft bringen, aber das wollen wir nicht. Deshalb denke ich, dass es wichtig ist, dass Europa die LGBTQI-Rechte vorantreibt, ohne sie aufzudrängen, aber wir müssen die Zivilgesellschaft stärken. Und dort, wo die Gesetzgebung noch nicht so weit ist, müssen wir ein Verbündeter der Zivilgesellschaft sein und sie dazu bringen, die Gesetzgebung voranzutreiben und zu ändern, damit es in diesen Ländern mehr pro-LGBTI-Gesetze gibt. Es wird sicherlich nicht von Brüssel diktiert werden, aber es ist etwas, das von den Menschen kommen muss.

Sollten Schulen über LGBT-Themen unterrichten?

Könnte das Unterrichten von LGBT-Themen in der Schule dabei helfen, Homophobie zu bekämpfen? Wie sollte die EU mit Ungarn umgehen? Was denkt ihr? Schreibt uns!

Foto: Josè Maria Sava on Unsplash



8 Kommentare Schreib einen KommentarKommentare

Was denkst du?

  1. avatar
    Hans

    In liberal freiheitlichen Ländern, in der europäischen Union, sollten LGBT-Themen unbedingt zum den Lernfeldern gehören.
    .
    LGBT-Themen dürfen auf keinen Fall nationalen Gesinnungen überlassen werden.
    Tachauch

  2. avatar
    Kim

    Nein. Schule sollte der Raum sein, in welchem offen über LSBTTIQ-Themen gesprochen werden kann. Ein ideologischer Unterricht hat in der Schule aber nichts zu suchen.

  3. avatar
    Jana

    Dann müssen die Lehrer aber auch richtig geschult sein! wenn ich an meine schulzeit denke, dann hätten die lehrer selbst wenn lgbt themen im lehrplan wären, einen schlimmen unterricht gemacjht

  4. avatar
    Hermann

    Toleranz gegenüber allen Menschen sollte immer auf dem Lehrplan stehen. Aber Aufklärung über sexuelle Inhalte (insbesondere, wenn sie von der Norm abweichen) sollte Eltern vorbehalten bleiben.

    • avatar
      Lena

      es ist doch gerade bei „sexuellen inhalten die von der norm abweichen“ wichtig, dass sie in der Schule angesprochen werden! denn so haben alle kinder zugang zu einer auf wissenschaftlichen fakten basierenden aufklärung haben. denn wer weiß was ihre eltern zuhause für homophobe einstellungen haben

  5. avatar
    Lena

    Ich hätte es mir gewünscht! haben in der schule nie darüber gesprochen, dass es auch noch alternativen zum heterosein gibt. hab mich selbst dann für lange zeit als unnormal gefühlt. inklusive bildung ist definitiv der richtige weg!

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    Andreas

    Das ist ausschließlich Sache der Eltern! Millionen Menschen sind eben anderer Meinung und das haben die anderen zu akzeptieren in einem angeblich demokratischem Rechtsstaat!

  7. avatar
    Sebastian

    Gleiche Rechte? Auf jeden Fall, in der Schule unterrichten? Nein. Man kann nicht jeder Minderheit alles recht machen. Wo würden wir dann die Grenze ziehen was in der Schule Thema sein sollte und was nicht ?

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