Musik, Glitzer, Kuriositäten – und Politik?  

Am Samstagabend schaut ganz Europa nach Rotterdam zum Finale des Eurovision Song Contest und kann trotz strikter Coronaauflagen ein Spektakel von Musik, Glitzer und Kuriositäten erwarten – typisch Eurovision eben. Welcher Act wird dieses Jahr die meisten Punkte einheimsen? Ein Land jedenfalls hat dieses Jahr schon im Vorhinein seine Chance auf die „Douze Points“ verspielt. Weissrussland wurde von der Europäischen Rundfunkunion, die den ESC ausrichtet, disqualifiziert, da die Liedtexte der weissrussischen Band die Proteste gegen den autoritären Präsidenten Alexander Lukaschenko verspotteten. Obwohl der „Grand Prix“ eigentlich ein reiner Musikwettbewerb ist, war das nicht das erste Mal, dass der ESC politisch wurde.

Politische Statements beim ESC

Von Wahlen für Nachbarländer über Ausschlüsse vom Wettbewerb oder politischen Statements auf der Bühne, der Eurovision Song Contest hatte schon immer politische Elemente. 2017 zum Beispiel untersagte das Gastgeberland Ukraine der russischen Sängerin die Einreise, da sie zuvor die besetzte Krim besucht hatte und in einigen Wettbewerben haben Kandidaten und heimische Moderatoren den ESC genutzt, um auf Demokratie- und Menschenrechtsverstöße in Gastgeberländern aufmerksam zu machen. Außerdem gilt der „Grand Prix“ schon seit Jahrzehnten als Fest der Diversität und LGBT-Event, das LGBT-Künstler*innen und ein Meer von Regenbogenflaggen selbst in normalerweise nicht LGBT-freundlichen Länder bringt.

Was denken unsere Leserinnen und Leser?

Unsere Leserin Dzintra stellt in Frage, inwieweit es bei der Eurovision wirklich um Musik geht, da sie das Gefühl hat, dass die Politik eine zu große Rolle im Wettbewerb spielt.

Ihren Kommentar haben wir an Dr. Irving Wolther weitergeleitet. Er ist studierter Sprach- und Kulturwissenschaftler und der Verfasser der ersten Doktorarbeit über den Eurovision Song Contest. Seit Jahren ist er der deutsche Experte für den Eurovision Song Contest und auf den Sozialen Medien findet man ihn als „Dr. Eurovision“. Also, was würde der Experte für den ESC sagen? Geht es bei der Eurovision um Musik oder um Politik?

Hallo Dzintra, das ist eine sehr interessante Frage, die genau in den Kern der Eurovision geht. Wie könnte ein Wettbewerb, bei dem Länder übereinander abstimmen und sich gegenseitig Punkte geben, eigentlich nicht politisch sein? Nun, von Anfang an war der Eurovision Song Contest in gewisser Weise politisch, denn er wurde für die europäischen öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten als Plattform zur Zusammenarbeit geschaffen, so dass es auf dieser Ebene auch um Medienpolitik geht. Am Anfang ging es tatsächlich mehr um Musik als heute, denn auf der Anzeigetafel standen die Namen der Lieder und nicht die Länder. Aber weil die BBC den Wettbewerb ein bisschen spannender machen wollte, haben sie eingeführt, dass die Ländernamen auf der Anzeigetafel stehen. Und von da an entwickelte er sich mehr und mehr zu einem nationalen Wettbewerb im wahrsten Sinne des Wortes.

Für eine weitere Perspektive haben wir Dzintras Kommentar auch Alexandr Chahovski weitergeleitet. Seine Organisation Belarusian Culture Solidarity Foundation besteht aus 1500 weißrussischen Künstler:innen und Musiker:innen, die sich gegen die Repressionen des Lukashenka-Regimes gegen Künstler:innen einsetzt. In diesem Zuge führte die Organisation auch eine Kampagne gegen den regime-treuen Fernsehsender durch, die zum Ausschluss Belaruses vom ESC 2020 führte. Auf Basis dieser Erfahrungen, was denkt Alexandr Chahovski, geht es beim ESC um Musik oder um Politik?

Nun, zunächst einmal danke Dzintra, für deine Frage. Im Allgemeinen sollten sich Kunst und Musik aus der Politik heraushalten. Aber es gibt keine Kunst ohne Freiheit. Wenn man in einem Land Zensur hat oder Musiker politische Gefangene sind, wie wir es in Belarus haben, kann man Kultur und Politik nicht trennen. Unsere demokratischen Proteste, die im August 2020 begannen, waren sehr kulturell inspiriert und in dieser Zeit sind über 600 Protestlieder entstanden. Diese Musik- und Kunstseele gibt uns Weißrussen die Hoffnung, in einem freien, demokratischen Land zu leben.

Der Eurovision Song Contest hatte immer schon politische Skandale. Unser Ziel bei der „Belarusian Culture Solidarity Foundation“ ist es, belarussischen Künstlern, Musikern und Schauspielern zu helfen und sie zu unterstützen. Denn im Moment tun die Behörden alles, um „aufzuräumen“, was bedeutet: „Wenn du nicht mit dem Regime zusammen bist, dann geh weg, wir kümmern uns nicht um dich.“ Und bei unserer Kampagne zum ESC ging es darum, Solidarität mit der Mehrheit der Belarussen zu zeigen. Die Mehrheit der Belarussen mag den ESC wirklich, und wir haben auch eine Menge wirklich talentierter Künstler und Musiker, die das Land repräsentieren können.

Die Regeln schreiben vor, dass der Broadcaster auswählt, wer das Land repräsentieren darf. In Weißrussland ist der Sender ein Befürworter des Regimes, also gibt es natürlich eine Zensur. Ursprünglich sollte die Band „VAL“ zur Eurovision gehen, aber als die Band die Proteste unterstützte und das Regime kritisierte, disqualifizierte der nationale Sender sie einfach. Dann wurde eine neue Auswahl gestartet, aber offensichtlich sind viele belarussische Künstler nicht zur Auswahl gegangen. Am Ende hatten sie nur ein paar Künstler, die alle „Lukaschenko-Freunde“ waren. Das war also zu 100% politisch.

Als nächstes erhielten wir einen Kommentar von John, der besorgt ist, dass einige Teilnehmer den Eurovisionswettbewerb nutzen, um „sektionale, spaltende Interessen zu fördern“. Warum wurde die weißrussische Gruppe vom Wettbewerb ausgeschlossen? 

Diese Frage haben wir an Alexandr Chahovski von der Belarusian Culture Solidarity Foundation gestellt, der sich mit einer Kampagne für den Ausschluss Weissrusslands aus dem ESC eingesetzt hat. Wir würde er John antworten?

John, herzlichen Dank für Ihre Frage. Aufgrund der Vorschriften der Europäischen Rundfunkunion entscheidet der Sender, wer das jeweilige Land repräsentiert. Aber der Sender repräsentiert nicht die Mehrheit der Belarussen, denn der Sender repräsentiert das Regime. Wir begannen die Verhandlungen mit der Europäischen Rundfunkunion mit der Erklärung, dass der belarussische Sender gegen alle möglichen und unmöglichen journalistischen Ethikstandards verstößt, zum Beispiel durch Zensur von Kunst.

Wir wollten einen alternativen Kandidaten anbieten, aber die Regeln ließen das nicht zu. Also schlugen wir stattdessen vor, den Sender zu verbieten, ihn zu disqualifizieren. Aber als der Sender seine Wahl bekannt gab, waren wir eigentlich froh, denn diese Band war nicht einmal eine Garagenband, sie war so lächerlich, dass wir eigentlich wollten, dass sie zum Wettbewerb geht, weil es so peinlich für den Sender und für das Regime gewesen wäre. Wir hätten alles getan, um deutlich zu machen, dass diese Band nicht das Land, sondern das Regime repräsentiert. Aber die Entscheidung, den Sender zu verbieten, war absolut die richtige Entscheidung, denn die Teilnahme dieser Band wäre eine Schande für den Eurovision Song Contest gewesen. Dieser bestimmte Sender und diese bestimmte Musikband sollten nicht die Ehre haben, das Land beim Song Contest zu vertreten. Die Entscheidung, den Sender zu disqualifizieren, war also absolut richtig.

Zuletzt erhielten wir einen Kommentar von Alexandra. Sie findet denEinfluss, den die Eurovision auf die europäische Kultur hat, toll und denkt, dass dies ein verbindendes Element für die Europäer sein kann. Sie fragt: „Wie könnte die Eurovision weiter zum Austausch von kulturellen Elementen zwischen den Ländern beitragen?“

Was denkt „Dr. Eurovision“ Irving Wolther? Wie kann der Eurovision Song Contest noch mehr zum kulturellen Austausch in Europa beitragen?

Alexandra, du triffst einfach den Nagel auf den Kopf. Das ist genau das, worum es bei der Eurovision für mich geht. Es geht darum, nationale Kultur zu vermitteln, uns mit der Vielfalt der verschiedenen Kulturen innerhalb Europas vertraut zu machen, sie zu umarmen und nicht alle gleich zu machen. Im Moment befürchte ich ein wenig, dass einige Länder dazu neigen, Lieder auszuwählen, die allen gefallen sollen, ohne eine Vorstellung davon zu vermitteln, was dieses Land, was seine Kultur ausmacht. Daher denke ich, dass dieser Aspekt der Vermittlung von nationaler Kultur, nationaler Musikkultur in der Eurovision der wichtigste ist. Ich persönlich würde mir wünschen, dass die Organisatoren eine der ursprünglichen Regeln, die bis Mitte der 2000er Jahre galten, wieder einführen würden, nämlich dass der nationale Beitrag eine Art nationalen kulturellen Geschmack haben sollte. Leider haben sie das aus den Regeln herausgenommen, aber ich wünschte, dass mehr Länder sich trauen würden, die Eurovision für diesen Zweck zu nutzen.

Geht es beim Eurovision Song Contest um Musik oder um Politik?

Welche Rolle spielt Politik beim ESC? Warum wurde Weissrussland vom Wettbewerb ausgeschlossen? Und kann der ESC zum kulturellen Austausch in Europa beitragen? Was denkt ihr? Schreibt uns!

Foto: NPO/NOS/AVROTROS NATHAN REINDS. Portrait: © NDR, Christian Spielmann



30 Kommentare Schreib einen KommentarKommentare

Was denkst du?

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    Vecenaj

    CROATIA , Russland , Aserbaidschan

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      Heike

      All lives Matter!

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      Patrick

      all lives matter

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      Julian

      Boah seid ihr schlau

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    Gudi

    Der ESC ist doch schon seit Jahren eine Freak-Show.

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    Björn

    Die Frage stellt sich doch jedes Jahr und ja Deutschland hat wirklich oft sehr langweilige Beiträge

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    Jennie

    ich hasse seit Jahren diesen Eurovision Song Contest und gucke es immer wieder, bin ich krank?

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      Jennie

      geht mir genauso. 🤣

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      Marcus

      ja

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      Björn

      ja 😂😂

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    Horst

    Wird Zeit, dass Deutschland endlich mal Helge Schneider schickt

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      Minniva

      ne gibt bessere Bands oder sänger

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    Michael

    Ich gebe mal eine gewagte Prognose ab: Deutschland kackt ab und der beschissenste Beitrag gewinnt. Also alles wie immer…

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      Minniva

      fast richtig nur beschissenster Beitrag ist hier anders

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      Michael

      stimmt. Aber das konnte man tatsächlich nicht ahnen🤷‍♂️🤣

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    Sarty

    Musik?Bei den was da auftritt?Das würde mich doch sehr wundern

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    Rich

    Ist doch nur Politik, jedes Jahr gewinnt doch se LGBTQ-Kacke, da war Finnland grad mal ne nette Abwechslung!

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      Jan

      Måns Zelmerlöw mit Heroes, darauffolgend Jamala mit 1944 und darauffolgend Salvador hatten irgendwie gar nichts mit LGTBQ zu tun und haben trotzdem gewonnen.

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    Marten

    Wenn ich so die ehemaligen „GUS“ Länder bzw. die Länder Ex Jugoslaviens beim ECS sehe kann ich nur sagen Pack schlägt sich, Pack verträgt sich. Wenn es um die Abstimmungen und Punkteverteilung geht halten die zusammen. Mit Musik hat das nichts zu tun.

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      Sven

      , was fällt dir ein Menschen aus anderen Staaten als Pack zu bezeichnen? Bei deinen Eltern scheinst du keinerlei Erziehung genossen zu haben.
      Für Menschen wie dich sollte sich die eigene Nation in Grund und Boden schämen.

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      Marten

      Es ist eine Redewendung/Sprichwort. Wenn du das nicht kennst tust du mir Leid liegt wohl an der fehlenden Bildung. Es gibt auch Politiker wie ein Sigmar Gabriel die Menschen als Pack bezeichnen.

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    Dennis

    Um Musik geht’s da schon lange nicht mehr…

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    David

    Anscheinend wieder mehr um Musik, sonst wäre der deutsche Kandidat nicht so krachend gescheitert…

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    eizerenman

    Politik kann eine Rolle spielen, warum Land X Land Y so viele Punkte gibt oder ganz umgekehrt. Nachbarn geben einander viele Punkte, das ist kein Geheimnis, Im Sport hat man auch oft Sympathien für den Nachbar. In den meisten Fällen gewinnt doch laut dem Publikum und der Jury das beste Lied. Wenn ich mit den letzten 10 Jahren vergleiche ist außer Aserbaidschan 2011 (gekauft) und Ukraine 2016 (Sympathie wegen der Krim), die Gewinner meiner Meinung nach nicht „politisch“ gewählt. In diesem Jahr wird es keinen politischen Gewinner geben

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