Die Coronapandemie hat uns auf brutale Weise daran erinnert, wie wichtig Gesundheitssysteme sind.

Lockdowns und andere „social distancing“ Maßnahmen wurden von der Öffentlichkeit als Mittel akzeptiert, um die Infektionen mit Covid-19 zu verlangsamen und die Kapazitäten unseres Gesundheitswesens zu erhalten. Bilder von überlasteten Intensivstationen und erschöpften Krankenschwestern und Ärzten sind zu einem festen Bestandteil der COVID-19-Krise geworden, und das Gesundheitspersonal wurde zu Anfang der Pandemie öffentlich bejubelt und applaudiert.

Wird das Coronavirus eine Debatte über die Zukunft des Gesundheitswesens auslösen? Einige Beobachter erwarten zum Beispiel in den USA die „Europäisierung“ des dortigen Gesundheitsmodells. Aber wie sieht es mit der Debatte in Europa aus? Welche Art von Gesundheitsmodell (oder Modelle) sollten wir nach der Pandemie anstreben?

Was denken unsere Leserinnen und Leser?

Wir hatten einen Kommentar von Jevgeni, der sich zumindest gemeinsame Mindestqualitätsstandards für die Gesundheitsversorgung in der EU wünscht. Sollten europäische Gesundheitswesen einen einheitlicheren Ansatz verfolgen?

Um eine Reaktion zu erhalten, haben wir Jevgenis Kommentar an Tamsin Rose, Senior Fellow for Health bei dem Think Tank Friends of Europe, geschickt. Wie würde sie antworten?

Nun, wie jedes Land seine Gesundheitsversorgung organisiert, ist eine nationale Aufgabe. In unserem modernen Zeitalter wird jedoch immer deutlicher, dass es innerhalb Europas große Unterschiede gibt; welche Art von Verfahren und Behandlungen Patienten in ihrem Land zur Verfügung stehen, ist sehr unterschiedlich und hängt in der Regel davon ab, wie groß ihr Land ist und wie viel Geld es hat, d. h. wie viel es sich leisten kann, für die Gesundheitsversorgung auszugeben.

Die Patienten empfinden das natürlich als ungerecht. Es wäre also sicherlich eine gute Idee, wenn wir einen europäischeren Ansatz hätten. Vielleicht könnten wir uns die Art und Weise ansehen, wie wir mit der sozialen Sicherheit umgehen, wo wir auf europäischer Ebene Mindestniveaus für Mutterschaftsurlaub, Vaterschaftsurlaub, Krankengeld usw. haben.

Natürlich steht es den Ländern frei, großzügiger zu sein, und viele von ihnen sind es auch. Aber wir könnten ein Mindestmaß an Gesundheitsfürsorge einführen, zu dem die europäischen Bürger garantiert Zugang haben werden. Und vielleicht ist das der Ausgangspunkt, von dem wir ausgehen sollten. Das schwierige sind natürlich immer die Details. Wie einigen wir uns auf einen Mindeststandard der Gesundheitsversorgung, den jeder Bürger garantiert erhalten könnte?

Um eine andere Perspektive zu erhalten, haben wir Jevgenis Kommentar auch an Jo Maes, dem Vorsitzenden der grenzüberschreitenden Patientenorganisation European Empowerment for Customised Solutions (EPECS), weitergeleitet. Was würde er sagen?

Um diese Frage zu beantworten, denke ich, dass wir zunächst eine neue Definition von Gesundheit fördern müssen, die die Definition von Gesundheit der Weltgesundheitsorganisation aus dem Jahr 1948 ersetzt. Die neue Definition von Gesundheit sollte auf dem Konzept der „positiven Gesundheit“ basieren [vorgeschlagen von den Forschern des Louis Bolk Instituts Machteld Huber und Marja van Vliet].

Positive Gesundheit ist etwas für Sie und mich, als europäische Bürger. Die positive Gesundheitsdefinition besagt, dass Gesundheit „die Fähigkeit ist, sich anzupassen und selbst zu managen, angesichts der physischen, emotionalen und sozialen Herausforderungen des Lebens“. Und diese neue positive Gesundheitsdefinition sollte die Grundlage für die Implementierung neuer Gesundheitssysteme sein, denn Gesundheitssysteme sind eine Antwort auf Gesundheitsprobleme.

Meine Idee, die Idee von EPECS, die Idee der positiven Gesundheit ist: Das Gesundheitswesen sollte bei den Patienten beginnen, bei dir und mir. Wie können du und ich unsere Gesundheit managen? Und das können wir schon, wenn wir kleine Kinder sind. Also sollte Gesundheit in die Grundschulen integriert werden, sie sollte in alle Dienste integriert werden, einschließlich der Sozialdienste. Denn mit dieser neuen Definition von „positiver Gesundheit“ kann jeder Zugang zu ihr als Werkzeug bekommen und Sie und ich sind eingeladen, unsere eigene Gesundheit zu managen.

Bei positiver Gesundheit geht es auch nicht nur darum, körperlich gesund zu sein, sondern auch um die Frage, ob wir als Menschen wertgeschätzt werden. Sind wir eingeladen, an der Gesellschaft teilzunehmen? Haben wir eine Arbeit? Ich meine, es gibt einen sehr wichtigen Zusammenhang zwischen Gesundheit und ob man einen Job hat. Also, lassen Sie uns an diesem Punkt in Europa ansetzen. Das wäre meine erste Antwort auf diese sehr wichtige Frage, und dann werden die Gesundheitssysteme folgen. Und sie werden sich darauf einstellen, dass du und ich, wir, als europäische Bürger unsere eigene positive Gesundheit in die Hand nehmen und managen.

Brauchen wir ein gemeinsames europäisches Gesundheitssystem?

Sollte die grenzüberschreitende Gesundheitsversorgung in der EU stärker verbreitet sein? Oder sollte das Ziel sein, dass die Bürger eine Gesundheitsversorgung in ihrem Herkunftsland erhalten, die von ihren eigenen Steuern bezahlt wird? Was denkt ihr? Schreibt uns!

Image Credits: Photo by Matthew Waring on Unsplash


6 Kommentare Schreib einen KommentarKommentare

Was denkst du?

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    Kim

    So fascho-mässig, wie das gerade abläuft: Nein. Nicht, bevor die EU aufgelöst wird und durch eine demokratische, korruptions-freie Alternative ersetzt wird.

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    Sebastian

    Nein, die EU sollte sich eher weniger als mehr einmischen.

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    Hans

    Je eher um so besser für alle in der Union.Zaudern ist Rückschritt.Tachauch

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    Jörg

    Wenn wir eine ordentliche und anständige Union mit gemeinsamen Werten WÄREN, dann ja, natürlich. Aber so wie sich der Laden aktuell präsentiert: bitte nicht!

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    Jan

    Klar warum nicht. Dann kippt Deutschland vielleicht noch schneller und dieses pseudo Friedensprojekt kommt endlich zu seinem Ende.

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    Moritz

    Mit der europäischen Krankenkarte wurde der erste Schritt hierzu ja schon gemacht. Vielleicht könnte man sich auf einheitliche Beiträge und Leistungen, die übernommen werden, einigen. Aber wie könnte die EU dann sicherstellen, dass die Qualität der medizinischen Versorgung überall gleich ist und wer würde bei Fehlern und unzureichender Versorgung haften?

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