Eine Soldatin im österreichischen Bundesheer

Nur 11,1 % des Militärpersonals in der EU sind Frauen

Lange waren die Armeen Europas reine Männerwelten, denn Frauen war es in vielen Ländern gesetzlich verboten, Dienst an der Waffe zu leisten. Das änderte sich erst im Jahr 2000 mit einem Urteil des Europäischen Gerichtshof, das Frauen uneingeschränkt alle militärischen Laufbahnen eröffnete. Doch trotzdem sind wir auch heute in den meisten europäischen Ländern noch weit von einem ausgeglichenen und vielfältigen Heer entfernt. Das zeigt der #SHEcurity Index, der den Anteil von Frauen in der Außen- und Sicherheitspolitik, im Militär, in der Polizei sowie in der Diplomatie und der Rüstungsindustrie in den EU-Mitgliedsstaaten und G20-Ländern untersucht. Die Ergebnisse des Index, den die Europaabgeordnete Hannah Neumann initiierte, wurden zuletzt bei der Veranstaltung „Post-patriarchal security: inclusion and equity for the other 55 %“ des Think Tanks Friends of Europe vorgestellt und diskutiert. Aber ist mehr Vielfalt in den Armeen überhaupt wünschenswert?

Körperliche Unterschiede und Diskriminierung

Natürlich gibt es biologische Unterschiede zwischen Frauen und Männern, und tatsächlich bestehen Frauen manche der anspruchsvollen körperlichen Tests für das Militär mit geringerer Wahrscheinlichkeit. Doch bis vor Kurzem waren selbst jene Frauen, die die gleichen physischen Standards erfüllten wie ihre männlichen Kameraden, von bestimmten Positionen in der Armee ausgeschlossen. In Großbritannien zum Beispiel waren bis 2016 drei von zehn Positionen in der Armee für Frauen gesperrt – ein klarer Fall von geschlechtsspezifischer Diskriminierung. Doch Frauen sind nicht die einzige Gruppe, die im Militär Diskriminierung erfährt, denn noch immer sind Homo-und Transphobie in der Bundeswehr weit verbreitet und die hohe Anzahl von rassistischen Verdachtsfällen wirft die Frage auf, ob die Bundeswehr ein strukturelles Problem mit Rassimus und Rechtsextremismus hat.

Welche Vorteile könnte ein vielfältigeres Heer haben?

Lange Zeit bestanden Bedenken, dass es gemischtgeschlechtlichen Teams an Zusammenhalt mangeln würde. Doch Studien zeigen, dass solche Probleme durch Training und Führung überwunden werden können und dass diverse Teams langfristig gesehen sogar besser funktionieren als homogene Teams. Außerdem gehört es zu der der alltäglichen Arbeit von Soldat:innen dazu, Beziehungen zu der lokalen Bevölkerung aufzubauen, die aus vielfältigen Menschen besteht. In Afghanistan zum Beispiel gelang es den Koalitionstruppen erst durch den Einsatz von Soldatinnen wichtige Informationen von einheimischen Frauen zu erhalten, da diese nicht mit den männlichen Soldaten sprechen wollten. Sollten wir uns also um mehr Diversität in der Armee bemühen?

Was denken unsere Leserinnen und Leser?

Unsere Leserin Anna denkt, dass Frauen eine bedeutende politische Stimme im Militär haben und in der Aufsicht über die Streitkräfte haben sollten, denn schließlich sind Fraen 50% der Bevölkerung.

Wir haben Annas Kommentar an Dr Hannah Neumann weitergeleitet. Sie ist eine deutsche Europaabgeordnete von den Europäischen Grünen. Anlässlich des 20-jährigen Jubiläums der UN-Resolution zum Thema Frauen, Frieden und Sicherheit initiierte Hannah Neumann in Zusammenarbeit mit verschiedenen Sicherheits-Think Tanks und -Organisationen den #SHEcurity Index. Stimmt Dr Hannah Neumann Anna zu, dass Frauen eine bedeutende Stimme im Militär haben sollten?

Ich denke Anna hat vollkommen Recht. Frauen sind 50 % der Bevölkerung, warum sollten sie also nicht 50 % des Militärs sein? Und wir wissen, dass das Militär sehr wichtige Entscheidungen trifft. Es trifft besonders wichtige Entscheidungen in unserer Außenpolitik, in der Art und Weise, wie Mandate geführt werden, wie sie mit Zivilisten in anderen Ländern umgehen. Und gerade da ist unser Wert der Gleichberechtigung der Geschlechter etwas, das wir mit unserem Militär genauso ins Ausland tragen sollten wie mit unserer Diplomatie.

Unser/e User/in mit dem Namen JBRS findet, dass das Militär in die Gesellschaft integriert werden sollte, und ein Teil von ihr sein sollte. Er sagt: „Die Bürger sollten das Militär nicht als Feind sehen. Das Militär sind wir.“ Wenn das der Fall ist, sollten unsere Armeen dann nicht auch die Vielfalt unserer Gesellschaften widerspiegeln?

Diese Frage haben wir an Clare Hutchinson weitergeleitet, die als NATO -Sonderbeauftragte für Frauen, Frieden und Sicherheit für die Gleichberechtigung der Geschlechter in den Streitkäften der NATO-Alliierten arbeitet. Würde sie JBRS zustimmen, dass unsere Streitkräfte die Vielfalt unserer Gesellschaft wiederspiegeln sollten?

Danke für deine Frage, JBRS. Und du sagst es genau richtig. Das ist genau das, was es sein sollte: die Idee, dass unsere militärischen Kräfte uns als Gesellschaft widerspiegeln und mit uns zusammenarbeiten. Sie sind nicht getrennt von uns, sie sind kein fremdes Phänomen da draußen, wie wir an all der großartigen Arbeit gesehen haben, die das Militär während der Coronapandemie geleistet hat, an der Unterstützung, die wir beim Krisenmanagement in jedem Teil der Welt geleistet haben. Das Militär aus jeder Nation spiegelt die Menschen darin wider. Und deshalb müssen 52 % der Bevölkerung vertreten sein. Nicht jeder will zum Militär, natürlich nicht. Aber die Möglichkeit sollte für Frauen da sein, ihren Beitrag zu leisten, der Nation zu dienen und eine Karriere in den Streitkräften machen zu können, wenn sie wollen. Ich glaube also, dass du Recht hast. Einer der Bereiche, an denen die NATO arbeitet, ist der Versuch, alle Positionen für Frauen zu eröffnen und Frauen zu begrüßen. Und dass jeder, der dienen will – und mit großem Respekt vor all denen, die dienen -, das auch dürfen sollte. Denn unsere Gesellschaft besteht nicht nur aus Männern.

Wir haben JBRS’s Frage auch an Dr Hannah Neumann weitergeleitet. Was denkt sie, sollten unsere Armeen die Vielfalt unserer Gesellschaft widerspiegeln?

Ich meine, natürlich sind die Soldat:innen in ihrem Privatleben Bürger:innen. Und wir wollen, dass die Soldat:innen die Werte widerspiegeln, die wir als Demokratie haben, oder das Mandat, das ihnen vom Parlament oder dem Präsidenten erteilt wird (je nachdem, in welchem Land man ist und was die Verfassung sagt). Deshalb denke ich -und das ist wirklich das, was ich im Militär sehen möchte – sollten das Militär und natürlich auch die Soldat:innen so vielfältig sein wie die Gesellschaft, für die sie stehen, und wie die Parlamente, deren Mandate sie umsetzen.

Als letztes haben wir einen Kommentar von Bruce erhalten. Er argumentiert, dass eine Möglichkeit, um unsere Armeen vielfältiger zu machen, ist, die Wehrpflicht auch für Frauen einzuführen, wie Schweden es im Jahr 2017 getan hat. Was hält Clare Hutchinson von diesem Vorschlag?

Nun, Bruce, ich könnte nicht mehr mit Ihnen übereinstimmen. Ich glaube, dass Gleichheit absolut das ist, und wenn wir etwas für Männer vorschreiben, sollten wir es auch für Frauen vorschreiben. Wir wissen, dass es auf der Welt neun Nationen gibt, die eine Dienstpflicht für Frauen und für Männer haben. In der NATO war unser jüngster Verbündeter Norwegen, das die Dienstpflicht eingeführt hat. Und ich denke, wenn wir die Gleichberechtigung vorantreiben und anerkennen wollen, dass Frauen nicht nur das tun können, was Männer tun können, sondern dass es auch eine Erwartung geben sollte, dass wir Frauen und Männer nicht aufgrund von irgendetwas voneinander trennen, sondern dass wir Möglichkeiten eröffnen und Frauen und Männern den gleichen Respekt entgegenbringen sollten, dass wir Frauen und Männern die gleichen Möglichkeiten geben sollten. Wenn wir also eine Wehrpflicht haben, warum sollten wir dann nicht auch Frauen einbeziehen und ihnen die Möglichkeit geben, den Militärdienst zu erleben und eine militärische Laufbahn einzuschlagen. Also ja, bei der Gleichberechtigung geht es um Chancen, und bei der Gleichberechtigung geht es sowohl um Frauen als auch um Männer.

Sollten wir mehr Vielfalt im Militär anstreben?

Welche Vorteile könnte ein vielfältigeres Heer bringen? Wie können wir Diskriminierung im Militär verhindern? Sollte die Wehrpflicht, in den Ländern in denen es sie noch gibt, auch auf Frauen ausgeweitet werden? Was denkt ihr? Schreibt uns!

Foto: Flickr (c) Bundesheer Fotos Portrait: © European Union 2020



11 Kommentare Schreib einen KommentarKommentare

Was denkst du?

  1. avatar
    Raziel

    Als ich zum Wehrdienst gezwungen wurde, verfluchte ich auch die Ungerechtigkeit, dass Frauen nicht auch dazu gezwungen sind, ihre Chancen beim Arbeitsmarkt zu verlieren. (dann wäre der Scheiß vielleicht schneller abgestellt)
    Aber allgemein ist es ein fragwürdiger Blödsinn, wenn in der Armee, Frauen oder sogar LGBTQ diskriminiert werden.
    Ich meine einfach wozu?
    Brauchen Kriegstreiber nicht möglichst viele Idioten die als Kugelfutter sterben?
    Weder eine Kugel, eine Granate noch eine Rakete macht einen Unterschied ob sie einen Mann oder eine Frau zerfetzt.
    Bei beiden ist es scheiß egal!

    • avatar
      Holger

      interessant, in meinen Geschichtsbüchern steht eher sowas auf dem Niveau von: Deutschland hat alle paar Jahrzehnte einen unnötigen Krieg angefangen und dank haufenweise strategischer Fehlentscheidungen der Chefs am Ende haushoch verloren.

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    Peter

    Schau mal in Europas Geschichte Diggi, Schland wurde alle paar Jahrzehnte dem Erdboden gleichgemacht, weil es nicht wehrfähig war. Fun fact: Wir sind zz nicht wehrfähig.

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    Jöns-Peter

    Das allererste Ziel sollte die Einsatzfähigkeit der Bundeswehr sein, denn dafür unterhalten wir sie.

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    Peter

    ustig das die entscheidende Frage fehlt. Ich schreibs mal für euch um damit es Sinn ergibt: Welche Vorteile könnte ein wehrfähiges Heer bringen? Wie können wir Niederlagen der Bundeswehr verhindern? Was macht es mit der wehrfähigkeit, wenn die Wehrpflicht, in den Ländern in denen es sie noch gibt, auch auf Frauen ausgeweitet wird? Was denkt ihr?

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    Iris

    Als ich mitte der 90er Abi gemacht habe fand ich das schon ungerecht, dass die „Jungs“ zur Bundeswehr oder zum Zivildienst mussten und wir „Mädchen“ sofort mit Ausildung oder Studium durchstarten konnten.
    Ich fände eine „Pflicht zum Dienst an der Allgemeinheit“ für alle sinnvoll. ´“Dienststellen“ könnten dann Bundeswehr, THW, Rotes Kreuz, Feuerwehr, Altenheime, Tafeln, Förderschulen etc. sein.

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    Maria

    es ist ok Frauen werden dafür 80% der unbezahlten betreuungsarbeit übernehmen, sie werden oft den Job nicht bekommen weil sie schwanger werden könnten und verdienen nach wie vor weniger Geld selbst im gleichen Beruf… Auch Chancen auf führungspositionen bleiben ihnen viel häufiger verwehrt….
    Ich habe nichts an nem allgemeinen Dienst… Zum wohl aller… Den auch alle leisten… Aber dann möge das mit der Glechstellung auch in allen anderen Ebenen funktionieren.. Ansonsten sind die Frauen wiedermal mehr benachteiligt obwohl doch alles so gleich klingt… 🤷‍♀️ Wird bei dem Thema Frauen und wehrdienst oft übersehen

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    Sebastian

    Das einzige, was wirklich wichtig ist, ist die Einsatzbereitschaft. Rasse, Religion, Geschlecht und Weltanschauung sollten hierbei keinerlei Rolle spielen.

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    Luis

    Statt sich ständig auf Diversity zu fokussieren sollte der Grundsatz sein: Durch Leistung überzeugen. Dann spielen auch Geschlecht, Rasse, Religion und Sonstiges keine Rolle mehr.
    Außerdem muss die eigentliche Frage lauten: Wie machen wir diese Armee besser, schneller, fitter und härter, also einsatzfähiger? Und nicht, wie sie zeitgeistgerechter wird.

  9. avatar
    Sebastian

    Es sollten nur Dinge angestrebt werden, die einen militärischen Mehrwert bieten.

    • avatar
      Nardo

      Das bringt doch einen militärischen Mehrwert.

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