Kaiser Wilhelm II betrieb eine imperialistische Kolonialpolitik

Der lange Schatten des Kolonialismus

Die Geschichte des europäischen Kolonialismus reichte über 500 Jahre und war geprägt von Ausbeutung, Menschenrechtsverletzungen und Gräueltaten. Die europäischen Kolonialmächte beuteten Menschen vor Ort brutal aus, versklavten und töteten Menschen und raubten Rohstoffe und Kunstartefakte von den Einheimischen. Doch obwohl diese Fakten von Historiker:innen reichlich belegt sind, haben viele ehemalige europäische Kolonialmächte immer noch nicht das volle Ausmaß ihrer historischen Übel eingestanden. Dabei sind die Langzeitfolgen des Kolonialismus immer noch zu spüren: Sie prägen die ökonomischen Realitäten in den ehemaligen Kolonien und sind die Basis für die bestehenden globalen Ungleichheiten und Machtverhältnisse; der zugrunde liegende Rassismus beeinflusst noch heute die Leben von People of Color in Europa. Letzteren Punkt erkannte auch die EU 2019 in einer Entschließung an, in der sie eine ganzheitliche Perspektive auf den Kolonialismus und Sklaverei forderte. Wie sollte Europa seine koloniale Vergangenheit aufarbeiten?

Deutschlands Umgang mit dem Völkermord an den Herero und Nama

Erst 2016 erkannte die Bundesregierung an, dass der Vernichtungskrieg in Namibia von 1904 bis 1908, bei dem bis zu 90.000 Herero und Nama von deutschen Truppen getötet wurden, ein Kriegsverbrechen und Völkermord war. Seitdem ist die Bundesregierung mit Namibia im Gespräch über eine gemeinsame Zukunft und eine würdige Erinnerungskultur. Deutschland plant eine offizielle Entschuldigung, doch auch die kann das Unrecht, das die deutschen Kolonialherrscher den Herero und Nama zugefügt hat, nicht entschädigen. Deswegen fordern Aktivist:innen Entschädigungszahlungen für die Nachkommen der Opfer, die noch heute unter den Folgen der deutschen Kolonialisierung leiden. Die schloss die Bundesregierung erst komplett aus, später lehnte die namibische Regierung ein Entschädigungsangebot von zehn Millionen als „nicht akzeptabel“ ab. Wie sollte Europa mit den Ländern umgehen, die unter der europäischen Kolonialisierung gelitten haben? Sollte Deutschland auf die Reparationsforderungen eingehen?

Statuen, Straßennamen, Museumsobjekte

Spuren der kolonialen Geschichte gibt es auch heute noch überall in Europa. Zum Beispiel finden sich vielen deutschen Städten Straßen, die nach Kolonialherrschern benannt wurden. Nach jahrelangen Kampagnen von Bürgerinitiativen und Aktivist:innen wurden in Berlin einige dieser Straßen umbenannt. Auch in anderen europäischen Ländern werden Traditionen hinterfragt: Zum Beispiel wurden die „Zwarte Piet“ in den Niederlanden bei den Nikolausparaden nach jahrelangen Protesten zum ersten Mal mit Kaminruß geschminkt, anstatt des „Black Face“, das von Vielen als rassistisch und degradierend empfunden wird. Wie sollten wir mit Traditionen, die aus der Kolonialzeit stammen, umgehen?

Was denken unsere Leserinnen und Leser?

Bruno hat uns einen Kommentar geschickt, in dem er argumentiert, dass die Europäer sich nicht mit ihrer Geschichte des Kolonialismus und der Sklaverei auseinandersetzen müssen, weil diese schon vor Jahrhunderten endete.

Wir haben Brunos Kommentar an Dr. Valika Smeulders weitergeleitet. Sie ist die Leiterin der Abteilung Geschichte im niederländischen Rijksmuseum, wo sie eine Ausstellung zur Sklaverei geschaffen hat. Was würde sie Bruno antworten?

Es wurde versucht, nicht darüber zu sprechen. Lange Zeit war die koloniale Vergangenheit Europas kaum ein Thema in Museen, und wir sehen, dass sie in der heutigen öffentlichen Debatte sehr wohl ein wichtiges Thema ist. Ich denke, dass das Verschweigen nicht funktioniert hat. Was wir in den Medien und sozialen Medien sehen, zeigt, dass dieses Thema für viele Menschen sehr relevant ist.

Ich denke, um die heutigen Gesellschaften in Europa zu verstehen, müssen wir mehr über diese Vergangenheit wissen. Im Fall der Niederlande dauerte die Kolonialzeit 250 Jahre. Die Beziehung zwischen dem europäischen Teil des niederländischen Königreichs und dem karibischen Teil ist 400 Jahre alt und besteht immer noch. Indem man über alle Aspekte der gemeinsamen Geschichte spricht, bauen die Länder ein gemeinsames Gefühl der Verbundenheit auf.

Auf der anderen Seite meint unser Leser Bernard, dass sich alle Europäer mit der Geschichte des Kolonialismus auseinandersetzen müssen, weil sich die europäischen Nationen auf Kosten anderer Länder und Menschen bereichert haben.

Wir haben seinen Kommentar an den Bundestagsabgeordneten Dr. Karamba Diaby weitergeleitet. Er ist der Integrationsbeauftragte der SPD-Bundestagsfraktion, Mitglied im Ausschuss für Bildung, Forschung und Technikfolgenabschätzung und setzt sich gegen Rassismus und Hassrede besonders im Internet ein. Würde er Bernard zustimmen?

Also es ist richtig, dass man wenn man das Thema aufgreift, nicht nur an Deutschland denkt, denn Deutschland war nicht das einzige Land. Länder wie Frankreich, Portugal usw. waren auch beteiligt. Also alle diese Länder sollten gemeinsam Konzepte erarbeiten, wie man die Geschichte aufarbeiten kann. Ich denke dabei wirklich auch an eine kooperative Zusammenarbeit mit den Ländern. Dass man gemeinsam mit den Ländern in die Zukunft schaut und das wir einfach gucken, wie kann man eine Erinnerungskultur allgemein, also nicht nur für Deutschland, sondern auch alle anderen europäischen Länder, schaffen.

Das koloniale Unrecht muss von allen Seiten anerkannt werden, als Teil der Erinnerungskultur und die Verankerung dessen in Lehrbüchern, in den Museen, aber auch in den Darstellungen jeglicher Art. Klischeefrei muss dann diese Kolonialgeschichte aufgearbeitet werden. Da sehe ich schon alle Länder gefragt und ich denke diese Perspektive, die ich gerade beschreibe, deutet darauf, dass man keinen eurozentrischen Blick darauf hat, sondern, dass man immer wieder den Blick darauf hat, dass die Länder, die kolonialisiert waren, auch mitreden möchten. Man sollte versuchen, gemeinsam mit ihnen im Dialog, im internationalen Austausch eine Lösung zu finden und nach vorne zu schauen.

Unser Leser Rick glaubt, dass viele Traditionen in Europa, wie der „Zwarte Piet“ in den Niederlanden, eine direkte Folge des Kolonialismus sind. Sollten wir diese Traditionen abschaffen oder verändern? Wie sieht die Expertin für kulturelles Erbe und Kolonialismus, Dr. Valika Smeulders, das?

Diskriminierung ist etwas, das universell ist. Sie fand und findet überall auf der Welt statt, zu jeder Zeit, aber während der Kolonialzeit geschah etwas noch nie Dagewesenes: Der Rassismus wurde institutionalisiert. Sklaverei hat es immer gegeben, aber in der Kolonialzeit wurde Rassismus benutzt, um die Sklaverei zu legitimieren. Er wurde benutzt, um eine Hierarchie zwischen Europa und Afrika und anderen Teilen der Welt zu schaffen.

Seit dieser Ära sehen wir, dass Schwarze Menschen in der Kunst besonders dargestellt werden. Sie wurden stereotypisiert, sie wurden als Diener in Porträts dargestellt. Als die Sklaverei endete, wurde der Rassismus weiterhin als Legitimation für das, was vorher geschah, verwendet, und nun geschah dies durch Pseudowissenschaft. In diesem Zusammenhang wurde die Figur des „Zwarte Piet“ geschaffen. Also ja, ich denke, dass es an der Zeit ist, diese Tradition zu verwerfen und neu zu überdenken. Eigentlich denke ich, dass es bereits geschehen ist. Ich denke, wir feiern Sinterklaas bereits auf eine viel umfassendere Art und Weise, indem wir die Idee des Zwarte Piet hinter uns lassen. In dieser neuen Form kann jeder die Festlichkeiten genießen.

Filipe widerum findet, dass wir die europäische Geschichte nicht mit der heutigen Moral beurteilen sollten. Wie sieht Dr. Karamba Diaby das?

Natürlich kann man die europäische Geschichte mit der jetztigen Moral beurteilen, aber man muss auch in der Lage sein einen anderen Vorschlag zu machen. Wie wollen wir denn die Geschichte beurteilen, die passiert ist, wo die Kinder, Enkelkinder und Nachfahren von Völkern existieren, die Unrecht erlebt haben? Zum Beispiel die Geschichte mit Namibia, dem Unrecht und der Vernichtung der Nama und Herero – ich würde das als Genozid bezeichnen. Und auch in der Kolonialzeit ist sehr viel Unrecht passiert. Das kann man nicht relativieren. Also man kann nicht sagen, dass war richtig in der damaligen Zeit und heute falsch. Nein, Unrecht ist Unrecht, man kann nicht sagen, das eine schwerwiegender als das andere.  Wir müssen das Ganze offen angehen, kritisch damit umgehen, damit wir wirklich gleichberechtigt in der Welt auch gemeinsam im internationalen Dialog bleiben können.

Wie sollte Europa mit seiner kolonialen Vergangenheit umgehen?

Wie sollten wir mit Traditionen, die aus der Kolonialzeit stammen, umgehen? Kann man die Vergangenheit mit heutigen moralischen Standards beurteilen? Was denkt ihr? Schreibt uns!

Foto: „Kaiser Wilhelm II, 1905. By Eric Bieber“ by Royal Opera House Covent Garden is licensed under CC BY 2.0. Portait: Ute Langkafel



4 Kommentare Schreib einen KommentarKommentare

Was denkst du?

  1. avatar
    Ede

    Die englische Vergangenheit sollte dabei nicht vernachlässigt werden. Sie wirkt bis heute weltweit am stärksten.

  2. avatar
    Thomas

    Warum? Ist doch schon so lange her

  3. avatar
    Jana

    Wir müssen damit anfangen überhaupt darüber zu reden! Und uns mit den Nachfahren der Opfer in den ehemals kolonisierten Gebieten zusammen setzen und darauf hören was sie zu sagen haben, was sie von uns fordern.

  4. avatar
    Marlene

    Ich finde es krass wie wenig in Deutschland über die koloniale Vergangenheit geredet wird. Immerhin hat deutschland an den herero und nama einen völkermord begangen – und ich glaube viele leuten wissen das nicht einmal. Das muss in der Schule aber auch in der gesellschaft richtig angesprochen werden.

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