Schwedens Coronavirus-Chefstratege Andres Tegnell

„Hört auf die Wissenschaft!“

2020 ist ein Jahr, in dem viele Dinge geschehen sind, die man sich vorher nicht vorstellen konnte. Wer hätte vor diesem Jahr gedacht, dass Virologen, Epidemiologen und andere Gesundheitsexperten mal zu echten Prominenten werden? Und doch ist genau das passiert: Hierzulande hat es der Virologe Prof. Dr. Christian Drosten mit seinem Coronavirus-Update in die Podcast-Top Rankings geschafft, während Dr. Mai Thi Nguyen-Kim mit ihrem Wissenschaftsjournalismus auf YouTube begeisterte. Der US-amerikanische Immunologe Dr. Anthony Fauci wurde als Leiter der Coronavirus-Taskforce der Trump-Präsidentschaft sogar weltweit bekannt. Nie zuvor war das Interesse an Experten Einschätzungen höher als zuvor und immer wieder forderten Bürger:innen, dass die Politik den Empfehlungen der Wissenschaftler:innen des Robert-Koch-Instituts oder der Leopoldina folgen sollte. Ein Land, das die Ratschläge seiner Wissenschaftler vielleicht am genauesten befolgte, war Schweden.

Wer leitet Schwedens Corona-Strategie?

Während eines Großteils der Pandemie war der staatliche Epidemiologe Anders Tegnell das öffentliche Gesicht der Corona-Strategie von Schweden. Monatelang hat sich die schwedische Regierung auf seinen Rat verlassen, und weitestgehend auf freiwillige öffentliche Maßnahmen gesetzt, auch als die meisten europäischen Nachbarn strikte Lockdowns einführten. Doch Einige, wie zum Beispiel Schwedens früherer Staatsepidemiologe Johan Giesecke warnten davor , dass Tegnell möglicherweise „zu viel Macht“ bekommen habe. Erst als die Corona-Fälle im November auf Rekordhöhe schossen, machte die schwedische Regierung eine Kehrtwende und führte strengere inschränkungen für öffentliche Versammlungen ein. Heißt das, dass die Regierung jetzt aufgehört hat, auf die Wissenschaft zu hören?

Was denken unsere Leserinnen und Leser?

Unser Leser Proactive argumentiert, dass Wissenschaftler beraten sollen, aber letztendlich Politiker die Entscheidungen treffen müssen. Er denkt, dass zu viele Politiker „während der COVID-19-Pandemie auf eine positive Führungsrolle verzichtet und sich hinter ‚der Wissenschaft‘ versteckt haben.“

Für eine Reaktion auf Proactives Kommentar haben wir mit Sara Cerdas gesprochen, sie ist eine protugiesische Ärztin und Politikerin, die Europageordnete für die S&D-Fraktion ist. Was denkt sie?

Diese Pandemie  hat jedem Bürger, auch wenn er keinen wissenschaftlichen Hintergrund hat, einen kleinen Einblick gegeben, wie wissenschaftlicher Fortschritt gemacht wird. Bei wissenschaftlichen Konferenzen werden die neuesten Erkenntnisse präsentiert. Manchmal widersprechen sich die Erkentnisse, manchmal passen sie gut zusammen. Für alles braucht man eine Menge Beweise. Es ist wie ein Puzzle: jeder hat ein Teil und wir müssen alles zusammensetzen. Deshalb gibt es viele Meinungsverschiedenheiten, aber letztendlich wachsen sie zusammen.
Was Politiker betrifft, so müssen sie auf den wissenschaftlichen Rat hören und auf ihn achten. Ich komme aus der Wissenschaft, und bin an erster Stelle Medizinerin, noch bevor ich Politikerin bin. Ich versuche, die Erkenntnisse, die es gibt, zu nutzen und in meine Rolle als Politikerin einfließen zu lassen, weil ich glaube, dass ich auf diese Weise einen Beitrag leisten kann. Hinter einigen wissenschaftlichen oder technischen Entscheidungen hat man sich etwas versteckt. Zum Beispiel basierte die schwedische Antwort nicht auf der Wissenschaft, sondern auf technischen Aspekten. Jetzt haben sie gesagt, dass es nicht nach Plan gelaufen ist, wie viele andere in der wissenschaftlichen Gemeinschaft auch, aber so ist das nun einmal mit der Wissenschaft. Was wir tun sollten, ist, den Wissenschaftlern ein größeres Rampenlicht und größere Bühnen zur Kommunikation mit der Öffentlichkeit zu geben. In Portugal habe ich zum Beispiel so viele politische Kommentatoren gesehen, die epidemiologische Kurven analysiert haben, und ich sitze da vor dem Fernseher und zittere in meinem Stuhl, weil ich so viele Kollegen kenne – Epidemiologen, Mediziner – die die technischen Mittel haben, um diese Mittel zu analysieren, die diese politischen Kommentatoren nicht haben. Wissenschaft ist also nichts, worüber einfach jeder reden kann, und wir als Politiker müssen sicherstellen, wer die Botschaft an die Öffentlichkeit vermittelt, sonst werden wir eine Menge Fehlinformationen erhalten, und so viele Menschen verbreiten bereits ungenaue Informationen über die Pandemie. Wir müssen die Informationen auf die durchsetzungsfähigste Weise vermitteln, das ist meine Botschaft. Ich glaube, dass wir denjenigen die Bühne geben müssen, die am qualifiziertesten sind, um über verschiedene Themen zu sprechen.

Wer sollte über COVID-19-Maßnahmen entscheiden: Wissenschaftler oder Politiker?

Treffen Politiker Entscheidungen oder „verstecken“ sie sich hinter der Wissenschaft? Wie kann wissenschaftlicher Rat am besten in den politischen Entscheidungsprozess eingebunden werden? Was denkt ihr? Schreibt uns?

Foto: WikiMedia (CC-BY-SA) Frankie Fouganthin; Portrait: Cerdas – (cc) Circwork

Diese redaktionell unabhängige Debatte wurde von der Cariplo Stiftung finanziert. Mehr dazu in unserem FAQ.

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17 Kommentare Schreib einen KommentarKommentare

Was denkst du?

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    Michel Voss

    Sowohl Wissenschaftler wie auch Politiker verbreiten falsche Behauptungen. Studien sollten entscheiden. Alter ist KEIN unabhängiger Risiko-Faktor – allerdings sind im Alter besonders viele zu dick. „The need for invasive mechanical ventilation was associated with severe obesity and was independent of age sex, diabetes, and hypertension.“ online 10.6.20
    https://onlinelibrary.wiley.com/doi/epdf/10.1002/oby.22831. Seitdem sind 6 Monate von den „Experten“ vertrödelt worden, ohne Maßnahmen zu ergreifen, die gegen fast alle Krankheiten helfen, die Freiheit nicht beschränken & der Wirtschaft nicht schaden: „achieved greater weight loss at 6 and 12 months than any other trial“ 20.3.17 https://www.nature.com/articles/nutd20173

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    Fight Corona

    Die Wissenschaft impliziert, dass es in der Wissenschaft keine Meinungsvielfalt geben würde. So einfach ist es aber nicht wie man am Streit der deutschen Virologen sehen kann.

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    Raphael

    Scientokratie? Nein danke.
    Wie Euthanasie und Versuche im Dienste der Wissenschaft aussieht, steht in den Geschichtsbüchern

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    Lisa

    In der ersten Welle hat Merkel genau das richtig gemacht: sie hat auf die Wissenschaft gehört, die richtigen Maßnahmen ergriffen und Deutschland ist gut durch die erste Krise gekommen. In der zweiten Welle haben leider Minister und Ministerpräsidenten mit sehr viel Ego aber deutlich weniger wissenschaftlichem Verstand als die Kanzlerin, veranlasst, dass wir jetzt 30.000 Corona Fälle pro Tag haben. Hätten sie doch nur wieder auf die Wissenschaft (und auf Merkel) gehört!!

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    Philip

    Man kann keiner einzelnen Personengruppe alleine die Entacheidungskompetenz in irgendeiner Sache übertragen. Sie haben immer nur ihre eigenen Interessen im Sinn und vergessen die Belange einer Mehrheit der Menschen. Wissenschaftler müssen aber an jeder solchen Entscheidung mitwirken, ebenso Politiker, Juristen, und Ärzte (ich differenziere sie von Wissenschaftlern weil praktizierende Ärzte eher selten aktiv Forschung betreiben, dafür aber eher in der praktischen Logistik und Ökonomie der Gesundheit involviert sind)

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    Heinrich

    Ein Gremium von den besten. Solche haben wir noch in Deutschland, aber die kommen nicht zum zuge.

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    ssaminds

    welche Wissenschaftler:innen denn? Einer, wie der Drosten, der Experte ist (woran misst man das, allgemein, konkret?), einer wie der Streeck, der das auch ist, aber mehr öffentlichkeitsarbeit für sich selbst betreiben möchte und dafür auch die wissenschaftliche Erkenntnis benutzt, ein Gremium und wenn ja wie soll das zusammengesetzt werden? Wann wird entschieden, wann die Entscheidungsbefugnis auf dieses Gremium oder die Einzelperson übergeht und wann wieder zurück und wie soll das demokratisch legitimiert werden? Und was machen wir mit Wissenschaftlern, die Stuß erzählen, aber in Gremien sitzen?

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      b_lumenkraft

      Sorry, aber wenn Leute nicht zwischen einem wie Streeck (im Bett mit Werbeagenturen, trägt das Wasser für Politiker, war mit jeder getroffenen Vorhersage daneben) und einem Drosten (der annerkanntermassen der weltweite Experte für SARS ist, der sich an wissenschaftlichen Papern abarbeitet und sie tatsächlich lesen und übersetzen kann, der niemals Vorhersagen trifft, aber immer objektiv beschreibt, was passieren kann) dann wundert mich gar nix mehr.

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    klexomat3000

    Wissenschaftlicher sollten die Situation und die absehbaren Konsequenzen von Maßnahmen beleuchten. Politiker sollten auf Basis dessen und in Rücksprache mit ihren Wählern darüber entscheiden, welche Maßnahmen getroffen werden.

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      Inner_Paper

      „in Rücksprache mit ihren Wählern“ ist in D gar nichts geschehen. Stattdessen wurden die Bürger einfach mit autoritären Anordnungen und einer moralinsauren Propagandakampagne überfahren, mit ständigen Verweisen auf „wartet erst mal, was euch erst bei den Klimaschutzmaßnahmen zugemutet werden wird“. Und dann beschweren die sich auch noch, wenn dann Proteste entstehen.

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      RoRoSa

      Wie stellst du dir das vor? Das jeder Abgeordnete die Leute in seinem Wahlkreis anruft?

      Wir haben ja gerade deshalb eine repräsentative Demokratie, und keine direkte. Bei der nächsten Wahl entscheidet dann wieder das Volk darüber, welcher Vertreter bleiben darf und welcher nicht.

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      Inner_Paper

      „Wir haben ja gerade deshalb eine repräsentative Demokratie“

      Und die hat sich in der Krise als sehr mißbrauchsfähig erwiesen. Wenn dir ein als Demokratie getarntes Obrigkeitsregime genügt, bitteschön. Aber warum bist du dann nicht konsequent und forderst die Wiedereinführung der Monarchie? Ich meine ja nur.

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      RoRoSa

      Wo war der Mißbrauch? Es gab kaum Entscheidungen, hinter denen nicht die Mehrheit der Bevölkerung stand.

      Den schwachsinnigen Kommentar zur Monarchie hättest du dir sparen können, oder kapierst wirklich nicht den Unterschied zwischen einem Absolut auf Lebenszeit und gewählten Politkern?

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      Inner_Paper

      „Wo war der Mißbrauch? Es gab kaum Entscheidungen, hinter denen nicht die Mehrheit der Bevölkerung stand.“

      Weil sie unter dem Einfluß einer perfiden Angstkampagne standen. Mit Propaganda kann man bei deutschen Untertanengeistern vieles durchsetzen, auch neoliberale Politik gegen ihre eigenen Interessen, wenn sie als alternativlos verkauft wird. Haben wir doch jahrelang erlebt.

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    Ralph

    Weder noch, sondern eine zufällige Auswahl von Bürgern, die sich von Wissenschaftlern ihrer Wahl beraten lassen – siehe z. Bsp. bürgerrat.de. Politikern geht es im Grunde nur um Machterhalt und Wissenschaftler können nicht über ihr Fachgebiet hinaus denken.
    Unsere parlamentarische Demokratie im Zusammenspiel mit den Medien einschließlich ARD/ZDF und Co. sind ohnehin nicht daran interessiert, das Leben für alle Menschen lebenswert zu gestalten.

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    hardolf

    Vielleicht mal etwas Grundlegendes !

    Eine Pandemie ist systemrelevant, mit negativem Vorzeichen.
    Ihre Beurteilung, Bearbeitung und Bekämpfung gehört in zentrale kompetente Hände.

    Gruß hartmut

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    Hardy

    Guten Morgen !
    Ich vermisse auch HIER wieder meinen gestrigen Beitrag !
    freundliche Grüße !
    hartmut

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