Auch um Kondensstreifen ranken sich Mythen.

Verschwörungstheorien sind sicher nichts Neues

Sie scheinen jedoch in Krisenzeiten oder Zeiten der Verunsicherung einen generellen Popularitätsschub zu erhalten. Das Verlockende ist sicher, dass sie sehr komplexe Zusammenhänge sehr einfach erklären. Hinter einer Krise muss ein Akteur mit böser Absicht stecken. Das ist sicher einfacher zu begreifen, als dass es manchmal eine Reihe von dummen Zufällen gibt, die am Ende Menschenleben kosten. Soweit sind Verschwörungstheorien harmlos, sie können aber auch gefährlich werden, wenn ein konkretes Feindbild geschaffen wird. Antisemitische Verschwörungstheorien über eine jüdische Weltherrschaft gehören sicher zu den ältesten Vorurteilen, die zu Gewalt und Mord geführt haben.

Auch Verschwörungstheorien zu Krankheiten sind nicht neu, an der Pest sollen im Mittelalter Hexen und Juden schuld gewesen sein, Ebola eine Waffe aus dem Labor und für Corona soll die chinesische Regierung, die Pharmaindustrie oder Bill Gates persönlich verantwortlich sein. Gegen Fakten und Argumente scheinen Verschwörungstheorien immun, wie kommt das?

Was denken unsere Leserinnen und Leser?

Leser Piotr fragt sich, warum es so viele Verschwörungstheorien gibt, vor allem da es keine wissenschaftlichen Belege für sie gibt. Sind sie in Krisenzeiten besonders beliebt?

Wir fragten bei Professor Michael Butter von der Universität Tübingen nach. Als Projektleiter von „Populism and Conspiracy Theory (PACT)“ erforscht er die Bedeutung von Verschwörungstheorien für populistische Bewegungen. Wie antwortet er auf Piotrs Frage?

Das sind zwei Fragen, zum einen gibt es Verschwörungstheorien, weil sie ein starkes Sinn- und Bedeutungsangebot machen und weil sie „gefräßig“ sind, das bedeutet, dass man an Verschwörungstheorien immer etwas Neues anbauen kann. Es gibt eigentlich kein bedeutendes Ereignis in den letzten Jahrzehnten – sei es Corona, die Finanzkrise oder der Absturz von Flugzeugen – das nicht sofort an bereits bestehende Verschwörungstheorien angebaut wurde. Man muss sich das wie einen Baukasten vorstellen. Es wird einfach das nächste Kapitel mit einem alten Strukturmuster geschrieben. Ich bin mir aber nicht so sicher, ob Verschwörungstheorien nur in Krisenzeiten populär sind; ich glaube, wir sehen sie dann nur besser. Sie sind vor allem eine Antwort auf Unsicherheit, und manchmal bringen Krisen eine fundamentale Unsicherheit mit sich. Das sehen wir jetzt gerade in der Corona-Krise. Insbesondere im März und April, aber auch jetzt noch, weiß ja niemand, wie unser Leben in zwei oder in vier Wochen aussehen wird. Verschwörungstheorien bieten dann Antworten: Dieser Bösewicht steckt dahinter, da soll es hinführen und das wird noch passieren. Das bietet eine scheinbare Sicherheit, die einfacher zu akzeptieren ist als Chaos und Zufälle. Krisen und Verschwörungstheorien gehen oft zusammen, aber nicht immer. Das beste Beispiel sind die Anschläge vom 9. September. Man wusste wer schuld war, wer dahintersteckte, daher gab es auch kaum Verschwörungstheorien. Sie blühten erst Jahre später auf, als dem Irakeinsatz eine Identitätskrise der USA und damit große Unsicherheit folgte.

Unser Leser HJo ist dagegen der Meinung, dass man sich im Internet über seriöse Quellen gut informieren könnte. Hat das Internet nicht aber alles schlimmer gemacht, wenn man jetzt jede Art von „Beweisen“ online finden kann? Wir fragten bei Dr. Daniel Jolley nach, der die psychologischen Folgen von Verschwörungstheorien an der Universität Northumbria untersucht. Wie schätzt er den Einfluss des Internets ein?

Verbreiten sich Verschwörungstheorien in Krisenzeiten besser?

Haben wir ein Bedürfnis nach einfachen Erklärungen? Hat das Internet Verschwörungtheorien aufblühen lassen oder ist durch das Netz die Suche nach Fakten einfacher geworden? Was denkt Ihr? Schreibt uns Eure Fragen und Kommentare!

Foto: Bigstock © appsky; Portrait: Butter © privat



Noch keine Kommentare Schreib einen KommentarKommentare

Was denkst Du?

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Notify me of new comments. You can also subscribe without commenting.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.

By continuing to use this website, you consent to the use of cookies on your device as described in our Privacy Policy unless you have disabled them. You can change your cookie settings at any time but parts of our site will not function correctly without them.