Auch Männer können Feministen sein.

Männer und Frauen kämpfen gemeinsam für Gleichstellung

In den letzten Jahrzehnten gab es viele Fortschritte für die Rechte von Frauen, nicht zuletzt auch weil Männer und Frauen gemeinsam für Gleichstellung kämpfen. Dabei ist viel erreicht worden, die wichtigste Machtposition in Deutschland bekleidet eine Frau: Kanzlerin Merkel. Manch eine Diskussion erweckt den Eindruck, als wären die Fronten zwischen Männern und Frauen verhärtet, wenn es um Feminismus geht. Allein ein Begriff wie Gender-Pay-Gap erhitzt die Gemüter, als würden Männer weniger verdienen, wenn denn Frauen für die gleiche Arbeit bei gleicher Qualifikation auch das gleiche verdienen.

Welche Themen sind aber betroffen?

Es geht darum, dass jeder für seine beziehungsweise ihre Arbeit den gleichen Lohn erhält, in der Karriere die gleichen Chancen wahrnehmen kann und gesellschaftlich gehört wird. Konkret geht es um ganz reale Dinge wie das eigene Gehalt, eine freie Berufswahl, Aufstiegschancen, Elternzeit und flexible Arbeitsbedingungen für eine Work-Life-Balance. Das alles sollte für Männer und Frauen gelten, so gewinnen alle. Wie dann für den eigenen Lebensweg individuell entschieden wird, bleibt jedem und jeder selbst überlassen.

Was denken unsere Leserinnen und Leser?

Unser Leser Hermann ist der Meinung, dass Männer und Frauen unterschiedlich sind, das sollte akzeptiert und sogar im Sinne aller gefördert werden.

Wir sprachen mit Jens van Tricht über unseren Leserkommentar. Er ist der Leiter von Emancipator und Autor des Buches “Warum Feminismus gut für Männer ist“. Wie reagiert er auf Hermanns Kommentar?

Nein, tut mir leid, Hermann. Ich kann zustimmen, dass Männer und Frauen verschieden sind, aber Hermann und ich sind auch verschieden, und die Männer untereinander sind sehr verschieden, und die Frauen untereinander sind auch sehr verschieden. Das beweisen die Forschungsberichte, die wir über die Unterschiede zwischen Männern und Frauen erhalten. Eigentlich sagen sie alle so etwas wie: Wir sprechen über die Unterschiede zwischen Männern und Frauen, aber wenn wir genau hinsehen, dann gibt es tatsächlich mehr Überschneidungen zwischen Männern und Frauen als Unterschiede, und die Unterschiede zwischen Individuen sind größer als die zwischen den Gruppen. Wir sollten uns also davor hüten, Männer und Frauen als Gegensätze zu homogenisieren und dann die Unterschiede und die Veränderlichkeit von Männern und Frauen selbst zu übersehen.

Diese Diskussion über Biologie und Natur kommt immer wieder auf, und ich denke, es sollte nicht allzu schwierig sein, zu erkennen, wie sehr die Unterschiede, die wir als Gesellschaft machen, in der Art und Weise, wie wir Kinder aufziehen und wie wir soziale, politische und wirtschaftliche Welt gestaltet haben, nachweisbar sind. Wenn wir mit all dem aufhören und die Natur sich selbst überlassen, dann bekommen wir vielleicht eine Vorstellung davon, welche Unterschiede es ursprünglich geben würde. John Stuart Mill schrieb vor Jahrhunderten etwas wie: Es ist unmöglich, über die Natur der Frauen zu sprechen, solange wir Frauen nicht gesehen haben oder Frauen in ihrem natürlichen Seinszustand beobachten konnten. Diese Welt ist weit entfernt von einem natürlichen Seinszustand, diese Welt ist voll von Schöpfung, Konstruktion, kulturellen Einflüssen, Institutionen und Normen und Werten, die nichts mit biologischen Wurzeln zu tun haben. Die vielleicht diese beanspruchen, aber sie wagen es nicht, die Ereignisse selbst geschehen zu lassen, weil sie sie offenbar in Regeln und Strukturen und Vorschriften und Normen umsetzen müssen.

Unser LeserAdhayan glaubt, dass der Feminismus bereits alles erreicht habe, da Frauen heute genauso viel erreichen können wie Männer.

Stimmt das? Wir haben bei Catriona Graham nachgefragt, die bei der European Women’s Lobby für politische Kampagnen verantwortlich ist.

Ich denke, Adhayan hat einen Punkt angesprochen, den wir in der Europäischen Frauenlobby oft von Leuten hören, die sehen, dass es Beispiel von gleichberechtigten Frauen gibt. Ich glaube aber, wir müssen an der Oberfläche kratzen, um zu erkennen, dass zunächst einmal nicht jeder Zugang hat, aber die Wahrnehmung des Zugangs von unseren eigenen Privilegien abhängt. Nur weil man sehen kann, dass eine Frau die „gläserne Decke“ durchbrochen hat und eine Frau Kommissionspräsidentin oder Staatsoberhaupt geworden ist oder in den Umfragen und Charts ganz oben steht oder irgendwo das meiste Geld verdient, ist das noch lange nicht Gleichberechtigung. Wir müssen mehr erwarten. Der Kampf ist nur dann gewonnen, wenn alle Frauen die gleichen Chancen wie Männer haben, wenn die Erfahrungen gleich sind und wenn jeder die Möglichkeit hat, die Art von Leben zu führen, die er oder sie sich wünscht.

Wir müssen erkennen, dass einige der privilegiertesten Frauen es schaffen können, ihre Erfahrungen entsprechen aber noch immer nicht denen der Männer. Es gibt noch immer viele Barrieren für Frauen, so dass sie immer noch keinen gleichberechtigten Zugang haben. Wir wissen, dass Frauen aufgrund ihres Geschlechts, aufgrund von Geschlechterstereotypen, von frühester Kindheit an mit Marginalisierung und Unterdrückung konfrontiert sind, dass sie für ihren Erfolg härter arbeiten müssen. Das Europäische Institut für Gleichstellungsfragen veröffentlicht in regelmäßigen Abständen den so genannten Gleichstellungsindex. Dieser untersucht den Zugang von Männern und Frauen zu traditionellen Formen der Macht, Gesundheitsdiensten, zu Bildung, zu der Menge an Arbeit, die unbezahlt ist. Die Statistik zeigt, dass während Männer 100 Prozent erreichen, Frauen nur zu 67,4 Prozent Zugang haben. Das sind Zahlen, die helfen können. Ich würde aber auch jedem raten, mit den Frauen im eignen Leben zu sprechen und so zu verstehen, welche Ungleichheiten sie erfahren.

Leserin Kicki glaubt, dass auch Männer von Errungenschaften des Feminismus profitieren, da er nicht nur die Geschlechterrollen von Frauen, sondern auch Männern hinterfragt. So wird es zum Beispiel oft noch immer als „schwach“ oder „mädchenhaft“ gesehen, wenn Männer mentale Probleme eingestehen. Suchen sie sich dann keine Hilfe, können Stereotype gefährlich werden. Was sagt Herr van Tricht zu Kickis Argument?

Ja, Kicki, ich danke Dir für Deinen Kommentar. Ich würde sogar sagen, es ist noch schlimmer, denn was ist falsch daran, „schwach“, „emotional“ und „mädchenhaft“ zu sein? Dies ist ein Beweis für unsere Menschlichkeit. Was ist also das Problem mit dem Menschsein? Das hat der Feminismus schon immer gesagt. Der Feminismus ist nicht gegen die Männer, der Feminismus ist für die Männer und hat den Männern Räume eröffnet, damit sie mehr sie selbst sein können, sich mit ihren Gefühlen auseinandersetzen dürfen und ganz unterschiedliche mit anderen Männern, Frauen und Kindern Beziehungen aufzubauen.

Ich möchte an die Rede erinnern, die Emma Watson 2014 vor der UNO hielt und in der sie dazu aufrief, dass Männer sich der Bewegung für die Gleichstellung der Geschlechter anschließen sollen, weil sie für die Rechte der Frauen gebraucht werden, aber auch genau deshalb, weil sie so viele Freunde, Väter und andere Männer gesehen hatte, die unter diesen dominanten männlichen Normen leiden, durch die uns das Patriarchat entmenschlicht.

Also, ja, bitte, lasst uns alle den Feminismus als Bewegung, als analytisches Werkzeug, aber auch als praktische Perspektive annehmen, wie wir uns weiterentwickeln können, indem wir jene Teile in uns selbst und in unserer kollektiven Menschlichkeit annehmen und entwickeln, die so lange unterdrückt, ignoriert, unterbewertet, ja sogar verurteilt wurden.

Ist Feminismus gut für Männer?

Warum ist das Thema so emotional aufgeladen? Die meisten Männer und Frauen halten es für ungerecht, wenn jemand Nachteile auf Grund seines Geschlechts erfährt, können wir nicht alle profitieren? Was denkt Ihr?

Foto: Flickr (cc) Linksjugend NRW

Portraits: van Tricht © Jelmer de Haas; Graham© Sarah Halls Photography & Videography Ltd



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