
„In Vielfalt geeint“ ist das offizielle Motto der Europäischen Union.
In Europa lebten schon immer Minderheiten; zu keinem mythischen Zeitpunkt in der langen Geschichte Europas hatten die Staaten eine homogene Bevölkerung – bis zum 18. Jahrhundert noch nicht einmal Nationalstaaten. Doch im 20. Jahrhundert sollte die Idee von homogenen Bevölkerungen im eigenen Staatsgebiet mit Gewalt erzwungen werden, die Folgen waren millionenfacher Mord, Gewalt und Vertreibung.
Heute leben in der Europäischen Union mehr als 400 Minderheiten, Volksgruppen und Nationalitäten, die mehr als 125 Sprachen sprechen. Jeder siebte gehört einer Minderheit an. Europa hat sich zum Motto gemacht, dass wir alle von der Vielfalt profitieren und sie zu schätzen wissen. Es wird aber trotzdem oft behauptet, Diversität sei ein Grund für Spannungen und Konflikte. Ist da was dran?
Was denken unsere Leser?
Unser Leser Craig ist der Meinung, dass ein Mangel an „ethno-nationaler Identität“ zu Spannungen und Konflikten führen muss. Menschen seien „fest darauf programmiert“, sich mit einer Gruppe zu identifizieren.
Um zu erfahren, ob das so stimmt, fragten wir bei Professor Klaus Schlichte vom Institut für Politikwissenschaft an der Universität Bremen, nach. Er befasst sich mit der Frage, wie Konflikte entstehen. Was sagt er zu Craig?
Nein, das denke ich nicht. Ich finde schon den ersten Satz nicht ganz richtig, dass das Fehlen einer ethno-nationalen Identität zu Konflikten und Spannungen führen würde. Denn wir wissen ja, dass es eine historisch relativ junge Erscheinung ist, dass Menschen sich mit großen Gruppen identifizieren oder dazu zugehörig fühlen. Kollektive Identitäten sind über Jahrtausende eigentlich sehr kleinräumig gewesen und bei vielen Menschen sind sie das auch heute noch. Es ist ja nicht so, als würden sich alle Menschen auf der Welt zu großen Nationen zugehörig fühlen. Deshalb glaube ich nicht, dass das Nichtvorhandensein einer nationalen Zugehörigkeit automatisch eine Spannung oder ein Problem darstellt. Ich glaube auch nicht an den zweiten Teil der Frage, dass der Mensch programmiert ist. Also programmiert ist der Mensch jenseits der Stoffwechselphysiologie relativ wenig, jedenfalls unter den Aspekten, die wir als geistig oder mental bezeichnen. Wir wissen ja vor allen Dingen aus der Ethnologie, aber auch aus der Geschichte, wie vielgestaltig der Mensch sein kann – von der Art wie man die Welt auffasst und wie man überhaupt von sich als einem Individuum denkt. Deshalb glaube ich nicht, dass es so eine Programmierung gibt. Ich halte das auch für empirisch falsch. Dass es Spannungen gibt um ethnischer Zugehörigkeit und Konflikte zwischen Nationen gibt, ist ein historisch junges Phänomen und es ist auch vor allem überhaupt nicht unausweichlich.
Unser Leser Javier meint, die Frage, ob Ethnizität Konflikte verursacht, sei „saudumm“, denn alles könne Konflikte verursachen. Er meint, es sei eine gefährliche Frage, die wir nicht stellen sollten. Stimmt ihm Professor Schlichte zu?
Ja, man kann auch diese Frage stellen. Im öffentlichen Raum muss jede Frage erlaubt sein, auch wenn manche sie dumm finden. Ich glaube auch nicht, dass die Thematisierung dieser Frage jetzt automatisch zu politisch gefährlichen Konsequenzen führt. Ich fände es ehrlich gesagt eher umgekehrt gefährlich, denn wenn man irgendwie die Fragebedürfnisse von anderen unterdrückt, dann würden sich mutmaßlich die Ressentiments gegen die Wissenschaft oder auch gegen die Medien weiter nähren. Man muss die Fragen schon zulassen und man muss sich auch mit ihr auseinandersetzen. Da führt kein Weg dran vorbei, auch wenn man findet, dass die vielleicht unterkomplex ist. Ich glaube auch nicht, dass jetzt wirklich alles Ursache von Konflikt sein könnte. Wir haben uns mittlerweile von diesem Faktorendenken etwas entfernt und denken über Konflikte eher als Prozesse nach. Darüber hinaus gibt es nicht den einen Faktor oder sieben Faktoren, die zu Konflikten führen. Wir müssen betrachten, was in Konflikten passiert. Natürlich können ethnische oder nationale Identifizierung in Konflikten relevant werden. Aber wir wissen alle, dass es auch ohne geht. Man muss jetzt nicht weit in die Geschichte zurückgehen, um Kriege und Auseinandersetzungen zu finden, in denen das Nationale gar nicht auftauchte. Vor dem Zeitalter des Nationalismus, im 18. Jahrhundert etwa, gab es große Kriege in Europa. Die wurden aber nicht um die Frage von Nationen geführt, sondern das waren letztlich Kriege zwischen unterschiedlichen Herrscherhäusern. Es gibt nie den einen Faktor oder eine bestimmte Zahl von Faktoren, die in ihren Kombinationen zu Konflikten führen.
Mir wäre es darüber hinaus wichtig darauf hinzuweisen, dass wir ja nicht grundsätzlich gegen Konflikte sind, vor allem deshalb, weil sich Konflikte nicht vermeiden lassen und weil Konflikte ja auch etwas Produktives sind. Worum es in der Diskussion eigentlich geht, ist die Frage, wie diese Konflikte ausgetragen werden, und besonders um die Frage, ob dabei Gewalt eingesetzt wird oder nicht. Dass Menschen sich streiten oder Menschen diskutieren, das sind ja alles Situationen von Konflikten, die wir nicht an sich verabscheuungswürdig finden würden, sondern es geht immer um die Frage, ob man diese Konflikte so austragen kann, dass dabei kein größerer Schaden und keine größeren Verletzungen entstehen. Zu diesem Zweck haben wir Institutionen erfunden, in denen wir Konflikte austragen. Das klassische Beispiel dafür ist das Parlament, wo diskutiert wird und danach eine Entscheidung kommt, wo aber die Rede und Gegenrede natürlich Konfliktverhalten sind. Und um diese Frage, dass wir unsere Konflikte sozusagen in institutionalisierten Bahnen halten, dass die Konflikte unter Regeln ausgetragen werden.
Schafft ethnische Vielfalt Konflikte?
Sind Konflikte gut, solange sie ohne Gewalt gelöst werden können? Profitieren wir von Diversität oder sorgt sie für Spannungen? Ist „Einheit in Vielfalt“ zu Recht Europas Motto? Was ist Eure Meinung? Schreibt sie uns!
Foto: Unsplash (cc) Sharon McCutcheon
Nein, das denke ich nicht. Ich finde schon den ersten Satz nicht ganz richtig, dass das Fehlen einer ethno-nationalen Identität zu Konflikten und Spannungen führen würde. Denn wir wissen ja, dass es eine historisch relativ junge Erscheinung ist, dass Menschen sich mit großen Gruppen identifizieren oder dazu zugehörig fühlen. Kollektive Identitäten sind über Jahrtausende eigentlich sehr kleinräumig gewesen und bei vielen Menschen sind sie das auch heute noch. Es ist ja nicht so, als würden sich alle Menschen auf der Welt zu großen Nationen zugehörig fühlen. Deshalb glaube ich nicht, dass das Nichtvorhandensein einer nationalen Zugehörigkeit automatisch eine Spannung oder ein Problem darstellt. Ich glaube auch nicht an den zweiten Teil der Frage, dass der Mensch programmiert ist. Also programmiert ist der Mensch jenseits der Stoffwechselphysiologie relativ wenig, jedenfalls unter den Aspekten, die wir als geistig oder mental bezeichnen. Wir wissen ja vor allen Dingen aus der Ethnologie, aber auch aus der Geschichte, wie vielgestaltig der Mensch sein kann – von der Art wie man die Welt auffasst und wie man überhaupt von sich als einem Individuum denkt. Deshalb glaube ich nicht, dass es so eine Programmierung gibt. Ich halte das auch für empirisch falsch. Dass es Spannungen gibt um ethnischer Zugehörigkeit und Konflikte zwischen Nationen gibt, ist ein historisch junges Phänomen und es ist auch vor allem überhaupt nicht unausweichlich.
5 Kommentare Schreib einen KommentarKommentare
Normalerweise nicht.
Unbeweglichkeit und Einseitigkeit kann zu Konflikten führen.
Eine Kultur, die lediglich im Faustrecht ihre Legitimation sieht und die Säkularisierung nicht akzeptiert, ist nicht mit der europäischen Zivilisation zu vereinbaren.
Heuchlerische Fragen mal wieder von euch!
Ethnische Vielfalt schafft nicht mehr oder weniger Konflikte als jeder andere Zustand menschlichen Zusammenlebens
Ja,mörderisch