
Wir wissen noch nicht, welche Auswirkungen die Corona-Pandemie haben wird.
Es gibt bisher kaum gesicherte Erkenntnisse zum Virus, wie lange wir noch Kontaktsperren brauchen, wie viele noch erkranken werden und wann es Medikamente und Impfstoffe geben wird. Täglich gibt es neue Erkenntnisse, aber auch neue Fragen. Es ist jedoch bereits jetzt klar, dass die wirtschaftlichen Auswirkungen von COVID-19 enorm sein werden. Die Maßnahmen der Bundesregierung sind drastisch und wären noch vor Wochen ausgeschlossen worden: Für das Hilfspaket von 750 Milliarden Euro wird nicht mehr länger an der schwarzen Null festegehalten, Deutschland macht neue Schulden.
Viele Menschen stehen jetzt ohne Einkommen da
Restaurants, Geschäfte, Konzerthallen und Friseur- und Kosmetikstudios sind geschlossen. Gefährdet das Coronavirus nicht nur unsere Gesundheit, sondern auch unseren Wohlstand und Arbeitsplätze? Ist Europa gewappnet, die wirtschaftlichen Konsequenzen abzufedern?
Was denken unsere Leser?
Wir haben einen Kommentar von Julia erhalten, die sich schon vor der Corona-Pandemie Sorgen gemacht hat, dass es in Europa „so viel Armut“ gibt. Was sagen die Zahlen? Wie viel Armut gibt es in Europa, und nimmt sie zu?
Für eine Antwort auf Julias Frage sprachen wir mit dem Bundestagsabgeordneten und Co-Vorsitzenden der Linken Dietmar Bartsch.
Ja, auch in Europa nimmt die Armut zu. Das hat vor allem damit zu tun, dass es in vielen Ländern eine hohe Arbeitslosigkeit gibt, in der Eurozone sind über 12 Millionen Menschen arbeitslos. Ein Drittel aller Beschäftigten in Europa arbeitet in unterbezahlten und ungesicherten Verhältnissen, vor allem Frauen. Es gibt sicher noch größere Probleme in Mali und Bangladesch, aber auch in Europa geht die Schere immer weiter auseinander und das in fast allen Ländern.
Das große Projekt Europa darf nicht nur ein Projekt der Wirtschaftseliten sein, es muss auch ein soziales, kulturelles und natürlich ein Friedensprojekt sein. Wir brauchen europaweite Sozialstandards und müssen in Arbeitsplätze und damit in die Zukunft investieren. Wir brauchen Mindestlöhne und stärkere Gewerkschaften, damit die Spaltung der Gesellschaft und Europas nicht weiter fortgesetzt wird. Es ist um unser selbst willen wichtig, dass wir Maßnahmen ergreifen: große Unternehmen muss man europaweit einheitlich besteuern – gerade die Googles und Facebooks – Riesenvermögen müssen einheitlich besteuert werden und kleine und mittlere Einkommen entlastet werden.
Lange Rede kurzer Sinn – selbst in den entwickelten Industriestaaten geht die Schere weiter auseinander, gibt es Armut. Selbst im reichen Deutschland gibt es Obdachlose, gibt es Kinder in Armut, gibt es Rentnerinnen und Rentner, die Flaschen sammeln müssen. Das kann sich eine Gesellschaft eigentlich „nicht leisten.“
Für eine weitere Perspektive sprachen wir mit Zsolt Darvas, Senior Fellow an der Denkfabrik Bruegel, der die EU-Maßnahmen gegen Armut von Europa 2020 untersucht hat. Was würde er zu Julia sagen?
Die allererste Frage lautet: Was verstehen wir unter Armut? Denn wenn man den Lebensstandard der Europäischen Union mit dem Lebensstandard in Afrika, Südasien oder Lateinamerika vergleicht, dann haben Menschen, die in Europa relativ arm sind, immer noch ein viel besseres Leben als Menschen, die anderswo arm sind.
Aber das bedeutet nicht, dass es in Europa keine Menschen gibt, denen es wirklich an Ressourcen mangelt – es gibt eine Reihe sehr armer Menschen in Europa, in vielen Ländern, vor allem in den mittel- und osteuropäischen Mitgliedstaaten, in Griechenland, in Italien, in Südeuropa. Aber es gibt auch einige dieser Menschen in weiter entwickelten Ländern wie Frankreich oder Deutschland.
Wenn man sich die Trends anschaut, dann sehen wir in den meisten Ländern relativ wenig Veränderung, aber was Sie auch sehen, ist, dass die mittel- und osteuropäischen Mitglieder der Europäischen Union sich ziemlich schnell an das Niveau in Westeuropa annähern, die Zahl der armen Menschen in diesen Ländern geht tatsächlich zurück.
Ich denke, was in Mittel- und Osteuropa geschieht ist eine gute Nachricht, aber was in Italien oder in Griechenland geschieht, ist wirklich eine schlechte Nachricht, denn in den südeuropäischen Ländern sind immer mehr Menschen mit großen, großen Einschränkungen ihres Lebensunterhalts konfrontiert, die Einkommen sinken. Ich denke also, die Entwicklungen sind nicht universell in Europa, sondern sollten zwischen, sagen wir, dem Osten und dem Süden unterschieden werden.
Wächst Armut in Europa?
Warum hat die EU ihre Ziele zur Armutsbekämpfung für Europa 2020 nicht erreicht? Wird alles durch die Corona-Pandemie noch schlimmer oder reichen die Regierungsmaßnahmen? Schreibt uns Eure Fragen und Kommentare in das untenstehende Formular und wir werden sie an politische Entscheidungsträger und Experten weiterleiten, damit diese darauf reagieren können!
Foto: Unsplash (cc) Mihály Köles; Portrait: Bartsch (c) DBT
Ja, auch in Europa nimmt die Armut zu. Das hat vor allem damit zu tun, dass es in vielen Ländern eine hohe Arbeitslosigkeit gibt, in der Eurozone sind über 12 Millionen Menschen arbeitslos. Ein Drittel aller Beschäftigten in Europa arbeitet in unterbezahlten und ungesicherten Verhältnissen, vor allem Frauen. Es gibt sicher noch größere Probleme in Mali und Bangladesch, aber auch in Europa geht die Schere immer weiter auseinander und das in fast allen Ländern.
Die allererste Frage lautet: Was verstehen wir unter Armut? Denn wenn man den Lebensstandard der Europäischen Union mit dem Lebensstandard in Afrika, Südasien oder Lateinamerika vergleicht, dann haben Menschen, die in Europa relativ arm sind, immer noch ein viel besseres Leben als Menschen, die anderswo arm sind.
2 Kommentare Schreib einen KommentarKommentare
Ist diese Frage wirklich ernst gemeint?
So lange kein Impfstoff hergestellt ist bleibt Pandemie da sie nicht wirksam Bekämpft und ausgerottet wird.Das heißt sollten die Maßnahmen gelockert werden steigt wieder das Risiko.