Wie werden anonyme Bewerbungen durchgeführt?

Auf den ersten Blick scheint der Gedanke absurd

Wie soll ich mit meiner Persönlichkeit herausstechen, wenn Bewerbungsverfahren anonymisiert werden? Andererseits ist es traurige Realität, dass viele Anwärter um einen Job bereits auf den ersten Blick auf Grund ihres Alters, Herkunft oder Familienstands aussortiert werden. Wenn nicht die Qualifikation, sondern der Nachname, Alter oder Geschlecht den Ausschlag geben, für ein Bewerbungsgespräch eingeladen zu werden, ist das ungerecht.

Es sollte aber vor allem die Qualifikation eine Rolle spielen

Eine Möglichkeit, diese vielleicht sogar ungewollte Diskriminierung zu umgehen, bieten anonymisierte Bewerbungen. Der eingereichte Lebenslauf sieht aus wie gehabt, nur dass Jahreszahlen, Foto, Herkunft, Adresse und Familienstand weggelassen werden. Untersuchungen haben gezeigt, dass vor allem in der Vorauswahl diskriminiert wird. Ohne diese Angaben spielt in der ersten Auswahlrunde dagegen ausschließlich die Qualifikation des Bewerbers eine Rolle. In der zweiten Runde mit Vorstellungsgesprächen werden die zurückgehaltenen Daten dann freigegeben. Erste Pilotprojekte haben gezeigt, dass im anonymisierten Verfahren deutlich mehr Frauen und Menschen mit Migrationshintergrund eingestellt werden.

Viele Länder sind bereits überzeugt

Anonymisierte Bewerbungen in den USA und Kanada sind längst die Regel, Belgien stellt so seine Mitarbeiter im öffentlichen Dienst ein, Schweden arbeitet mit Modellversuchen. Ein Pilotprojekt in Deutschland soll Arbeitgeber überzeugen, ihre Einstellungskultur zu überdenken. Können die Statistiken aber überzeugen?

Was denken unsere Leser?

Wir erhielten einen Kommentar von Judith. Der Boss ihrer Mitbewohnerin hat abfällig bemerkt, dass er sie nie eingestellt hätte, wenn er gewusst hätte, dass sie eine Frau war. Das sei ihm nicht einmal peinlich gewesen. Wie kann man so etwas verhindern?

Wir fragten bei Emanuela Pozzan nach, die Spezialistin für die Gleichstellung der Geschlechter und Diskriminierung bei der Internationalen Arbeitsorganisation ist. Was rät sie unserer Leserin?

Es ist wirklich unglücklich, dass diese Art von Einstellung und Kommentaren noch Teil von Einstellungsprozessen sind. Es wird offensichtlich, dass Manager oder Personaler, die solche Kommentare verbreiten, viele Vorurteile haben – in diesem Fall gegen Frauen. In den meisten Ländern sind solche Vorurteile nicht akzeptiert. Internationales Arbeitsrecht und insbesondere das Übereinkommen 111 über die Diskriminierung in Beschäftigung und Beruf soll das verhindern. Jemand, der solch eine Einstellung hat und für Bewerber verantwortlich ist, ist eindeutig fehl am Platz. Viele Firmen sind heute sehr auf ihr Image bedacht und wollen betonen, wie inklusiv sie sind. Ich würde Judith als Arbeitssuchende raten, dass sie vor der Bewerbung prüfen sollte, für wen sie arbeiten will.

Unsere Leserin Necula fordert, dass Bewerbungen anonymisiert werden sollten, um freuenfeindliche und rassistische Vorurteile zu veringern.

Wir haben in den letzten zehn Jahren viele Fortschritte mit „blinden“ Einstellungen sehen können. Wenn persönliche Merkmale wie Name, Alter, Geschlecht, Religion im ersten Schritt der Auswertung geschwärzt sind, hat das zu sehr positiven Entwicklungen geführt. Es wurden neue Talente eingestellt und diversere Arbeitnehmer gefunden. Wie läuft eine anonyme Bewerbung konkret ab? Schon in der Ausschreibung sollte keine geschlechtsspezifische, sondern vielmehr eine inklusive Sprache genutzt werden, die sehr unterschiedliche Kandidaten zu einer Bewerbung auffordert. Zunehmend entfernen Firmen demografische und akademische Angaben, weil sie Vorurteile hervorrufen, und konzentrieren sich nur noch auf die Qualifikation der Kandidaten. Anonymisierte Tests und Interviews werden immer attraktiver. Natürlich muss man sich auch irgendwann persönlich vorstellen, das sollte aber der letzte Schritt im Bewerbungsverfahren sein, damit niemand vorab diskriminiert wird. Aber selbst dann hilft es, wenn die Personaler selbst divers zusammengestellt sind. Am besten wären bei Interviews Männer, Frauen und Minderheiten zugegen, auch das verhindert, dass die Entscheidung von Vorurteilen beeinflusst und damit so neutral wie möglich wird.

Sollten alle Bewerbungen anonym erfolgen?

Glaubt ihr, Bewerbungsverfahren werden fairer, wenn Angaben wie Alter, Geschlecht und Herkunft erst im Vorstellungsgespräch klar werden? Schreibt uns Eure Einschätzung!

Foto: Bigstock © lolostock; Portrait: Pozzan (c) International Labour Organisation



3 Kommentare Schreib einen KommentarKommentare

Was denkst Du?

  1. avatar
    Nadine

    Diese Idee unterstütze ich! Nur so werden faire Bedingungen für den ersten Schritt,eine Einladung zum Vorstellungsgespräch, geschaffen.
    Hoffen wir, dass der Bewerber dank seiner Qualifikationen derart überzeugt, dass sein Geschlecht / seine Herkunft / seine Religion / sein Alter nach dem persönlichen Gespräch nicht den Grund für eine Absage ausmachen.
    Genauso wie die Namen der Eltern, Geschwister und deren Berufe nichts in meinem Lebenslauf verloren haben sollten.

  2. avatar
    Kristin

    Ich finde, es wäre keine schlechte Idee. Ich selbst bin schon aufgrund meines Alters bei einer Bewerbung diskriminiert worden und weiß von vielen anderen, denen es auch so geht. Allerdings war das innerhalb einer Behörde im öffentlichen Dienst. Aber ich bin mir sicher, dass es eine solche Art von Diskriminierung bei Bewerbungen auch außerhalb dieser Institutionen gibt.

  3. avatar
    Axel

    Nicht die Bewerbung oder die Bewerber müssen sich verändern, sondern die Personalleiter und Arbeitgeber sowie Vermieter müssen ihre Einstellung ändern.

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