Nationalistische Proteste in der Ukraine

Heute begehen wir den Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus.

Er bezieht sich auf den Tag, an dem das Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau am 27. Januar 1945 von der Roten Armee befreit wurde. Der Gedenktag wurde 1996 in Deutschland mit der Begründung eingeführt, das auch zukünftige Generationen die Verbrechen des Nationalsozialismus nicht vergessen dürfen, um einen weiteren Holocaust zu verhindern. Bis heute machen die Verbrechen fassungslos, gleichzeitig wird die Erinnerungskultur in Deutschland angegriffen und kritisiert. Kommt mit dem Vergessen Rassismus zurück?

Was denken unsere Leser?

Unser Leser Tony hat den Eindruck, dass Europa zunehmend rassistischer wird. Er sagt: „Ich bin ein Migrant und habe in mehreren Ländern gewohnt. Ich bin bisher nur in der EU diskriminiert worden.“

Für eine Einschätzung von Tonis Kommentar sprachen wir mit Anetta Kahane. Sie ist Mitgründerin und Vorsitzende der Amadeu Antonio Stiftung, die sich gegen Rechtsextremismus, Fremdenfeindlichkeit und Antisemitismus einsetzt. Hat sie auch eine Zunahme von Rassismus in Europa beobachtet?

„Ich glaube nicht, dass Europa rassistischer als andere Kontinente ist. Ich denke, es gibt auch in Asien, Nord- und Südamerika einen sehr, sehr heftigen Rassismus; aber es sind jeweils andere Kontexte. Insgesamt würde ich über Europa sagen, dass es zwei parallele Bewegungen gibt: Zum einen wird Rassismus deutlicher benannt und dadurch, dass er benannt und diskutiert wird, entsteht eine ermutigende Spirale, wiederum andere rassistische Vorfälle zu thematisieren. Dadurch entsteht der Eindruck, dass Rassismus wächst. Ob das wirklich absolut so ist, im Vergleich zu den fünfziger, sechziger, siebziger, achtziger Jahren, das glaube ich ehrlich gesagt nicht. Denn gleichzeitig gibt es in allen europäischen Ländern eine sehr viel gemischtere Gesellschaft. Im Vergleich zu den fünfziger Jahren ist Einwanderung zumindest in Westeuropa eine große Normalität geworden. Natürlich hat das zu einer viel diverseren Gesellschaft geführt. Meine Meinung ist, dass es im Verhältnis gesehen weniger Rassismus gibt. Ich denke, dass die absoluten Zahlen sehr hoch sind. Das müssen wir unbedingt ahnden und ächten und mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln bekämpfen. Im Kontext ist Rassismus aber verhältnismäßig und im Verständnis was Recht und Unrecht ist, weniger geworden.

Für eine weitere Perspektive fragten wir bei Ojeaku Nwabuzo nach. Sie ist Wissenschaftliche Mitarbeiterin bei dem Europäischen Netzwerk gegen Rassismus. Wie schätzt Frau Nwabuzo Tonys Beobachtung ein?

Es ist wichtig zu bedenken, dass Rassismus eine europäische Erfindung und ein europäisches Konzept ist, das eng mit der Kolonialgeschichte und Missionarisierung aus dem 18. Jahrhundert verknüpft ist. Diese ganze Idee von „Rassen“ kommt aus Europa und hat auch die europäische Identität geprägt. Das kann zum Teil erklären, warum in Europa Rassismus sehr stark wahrgenommen wird, weil es diese Geschichte gibt. Heute ist der Rassismus vielleicht weniger direkt als früher, aber noch gibt es institutionalisierten Rassismus und bestimmte Gruppen glauben an eine „weiße Vorherrschaft“, die ihnen vermeintlich Rechte über andere gibt. Daher glaube ich auch, dass Rassismus ein Problem in Europa ist, auch wenn natürlich nicht jeder Europäer ein Rassist ist.

Gabriel hat uns geschrieben, dass er das Problem in der europäischen Mentalität begründet sieht. Er sagt: „Das große Problem mit der europäischen Mentalität ist, dass wir uns selbst mit so etwas wie Heimat in Verbindung bringen. So wird jeder Immigrant ein Eindringling oder ein unerwünschter Gast. In Amerika ist das anders, dort sind alle irgendwann eingewandert. Unsere Mentalität fördert den Rassismus.“ Stimmt ihm Frau Kahane zu?

„Ja, da ist etwas dran. Ich würde das besonders auf Deutschland beziehen – die Themen Nationalstaat, Regionalismus und Heimat spielen in Deutschland eine größere Rolle als in anderen europäischen Ländern. Das hat historische Ursachen: eine sehr späte Herausbildung eines Nationalstaats und immer wieder verschiedene andere Faktoren. Gabriel hat natürlich Recht, Gesellschaften in Europa sind historisch anders gewachsen und entwickeln sich erst langsam zu so etwas wie verfassungspatriotischen Einheiten. In Amerika orientiert man sich an der Verfassung, das heißt an bestimmten Rechten, Pflichten und Werten. Aus. Punkt. Ob derjenige, der sich danach richtet nun diese oder jene Hautfarbe hat oder diesen oder jenen Einwanderungshintergrund spielt dabei vom Prinzip her keine Rolle. Das heißt nicht, dass es keinen Rassismus in Amerika gibt. Es bedeutet nur, dass man sich an einer Verfassung orientiert und nicht an einer ethnischen Norm. Keine Einwanderungsgesellschaft kann ethnische, sondern nur Verfassungsnormen haben. Im Grunde wünsche ich mir für Deutschland so eine Art Verfassungspatriotismus. Patriotismus ist immer ein schwieriges Wort, aber für eine Orientierung am Grundgesetz ist es völlig egal, welche Art von Hintergrund man hat. Aber das ist ein Prozess. In Deutschland gab es ja erst 1989 ein neues Staatsbürgerschaftsrecht, wo wenigstens ein bisschen klar wurde, dass auch ein Mensch der nicht deutschen Blutes ist, auch eventuell Deutscher sein kann. Das ist ja eine ganz kleine Reform gewesen, die schon ziemlich große Wirkung gehabt hat. Das heißt, wir sind auf dem Weg. Was wir jetzt von der AfD hören, ist eine Gegenbewegung zum Verfassungspatriotismus.

Nimmt Rassismus in Europa wieder zu?

Was denkt Ihr? Verhindert unsere Erinnerungskultur ein Widerkehren von Rassismus oder kommt er Mitten in die Gesellschaft zurück? Hat Rassismus in Europa andere historische Gründe als auf anderen Kontinenten?

Foto: Bigstock (c) palinchak; Portrait: Kahane (c) Peter van Heese



8 Kommentare Schreib einen KommentarKommentare

Was denkst Du?

  1. avatar
    Sylke

    reden wir von Rassismus, akzeptieren wir die Grundidee der Rassisten
    nennen wir es doch direkt beim Namen: böswillige Vorurteile, üble Nachrede, Hetze und Häme

  2. avatar
    Alex

    Ich sehe, dass viele Menschen durch die AFD, neurechte Youtuber und andere Pöbler ermutigt werden ihren ekelhaften Rassismus rauszublubbern. Immer mit dem Gedanken 10-30% stehen ja hinter mir. Rassismus darf NICHT diskutiert werden, er muss IMMER verurteilt werden.

  3. avatar
    Tina

    Hat mit Rassismus nichts zu tun die Leute erwachen und glauben den ganzen Lügen der Medien und der Politdarsteller nicht mehr .
    Es läuft und ihr im Siedlungsgebiet BRD habt noch etwas Zeit ihr seid das letzte Land was befreit wird

  4. avatar
    Alex

    Ist das Satire? Oder glaubst du das wirklich? Mit deinen Begriffen könnte man ein vortreffliches Bullshitbingo „Irrere Wutbürger*innen“ spielen.

  5. avatar
    Florian

    Kultureller „Rassismus“?
    Regeln die zb. Verbieten jemanden zu heiraten der nicht der eignen Sekte angehört? Bzw. Die Ein Konvertieren in stets nur eine Richtung voraussetzen oder tolerieren?

    Kann man eigentlich noch unkonkreter und naiver Fragen?
    Eure Fragerei bleibt wie immer extrem oberflächlich und Naiv !

  6. avatar
    Florian

    Wie wäre es mal ganz genau zu Fragen und wenn man schon von Verschwörungstheorien redet auch mal kurz zu erklären welche das sind?

  7. avatar
    Wolfgang

    Europa hat PROBLEME, bei der GRENZSICHERUNG. DAS IST DAS GRÖßTE PROBLEM

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Notify me of new comments. You can also subscribe without commenting.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.

By continuing to use this website, you consent to the use of cookies on your device as described in our Privacy Policy unless you have disabled them. You can change your cookie settings at any time but parts of our site will not function correctly without them.