Die Mauer ist gesellschaftlich noch nicht überwunden.

Das rauschende Fest zum Jubiläum des Mauerfalls und der Friedlichen Revolution ist gefeiert.

Bei der Begeisterung haben sich die Unterschiede zwischen Ost und West jedoch auch dreißig Jahre nach dem Mauerfall nicht von der Hand weisen lassen. Themen, die immer wieder angesprochen wurden, sind zum Beispiel die Unterschiede bei den Löhnen und Renten in Ost und West. Die Diskussionen begleitet ein Ungerechtigkeitsempfinden. Wann werden wir die Unterschiede überwunden haben?

Ostdeutsche werden als Wendeverlierer dargestellt – dabei sehen sich die meisten nicht so.

Heute werden Ostdeutsche oft als Benachteiligte dargestellt, denen seit dem Mauerfall nicht genug Anerkennung für ihre Lebensleistung geschenkt wird und die daher in Wahlen ihrem Protest Luft machen. Dabei zeigt die Statistik ganz Anderes. So stehen mehr als 85 Prozent der Ostdeutschen hinter dem Regimewechsel hin zur Demokratie und sind mit der Marktwirtschaft zufrieden. 70 Prozent sehen sich als Wendegewinner und der überwiegende Großteil der Brandenburger, Sachsen und Thüringer hat keineswegs die AfD gewählt.

Wie steht es um die gefühlten Unterschiede? Zeigen sie sich auch in den Daten? Schaut in unsere Infografik.

Was denken unsere Leser?

Unsere erste Frage wurde uns von Leser Thomas geschickt. Er ist der Meinung, dass die Deutschen noch nie ein einiges Volk waren – es sei geradezu ihr Schicksal, zerrissen und gespalten zu sein.

Wir fragten den Historiker Professor Timothy Garton Ash, er forscht und lehrt zu Europas Gegenwartsgeschichte an der Universität Oxford. Für seine Veröffentlichungen wurde er europaweit mit zahlreichen Preisen geehrt. Teilt er die Einschätzung von Thomas?

,Also, Thomas, Sie sind da einer Meinung mit Goethe und Schiller, die berühmter Weise sagten: „Zur Nation euch zu bilden, ihr hoffet es, Deutsche, vergebens.“ Aber ich glaube, das ist grundsätzlich falsch! Die Deutschen sind genauso sehr ein Volk, eine Nation, wie die Engländer oder die Franzosen. Eine andere Frage ist die der Staatsform: Muss es unbedingt der Nationalstaat sein? Der Versuch, den wir alle gemeinsam in der europäischen Union machen ist ein politisches Gemeinwesen auf europäischer Ebene zu haben, ein nationales Gemeinwesen, aber natürlich auch ein regionales mit Bayern oder Baden-Württemberg und den Städten. Wir haben heute sozusagen ein politisch mehrschichtiges Gemeinwesen. Aber, dass die Deutschen eine Nation sind, würde ich nicht bezweifeln, gerade auch wenn man Fußball sieht.

Leserin Mika bedauert, dass Ost- und Westdeutschland mehr gespalten sind als je zuvor. Stimmt das aber? Wir fragten bei Werner Schulz nach, der Bürgerrechtler in der DDR und später Bundestags- und Europaabgeordneter der BRD wurde.

Es stimmt nicht, dass Deutschland heute mehr gespalten ist als zuvor. 1989 hatten wir eine Mauer mit Stacheldraht und Grenzschutzanlagen, da war Deutschland tatsächlich gespalten. Heute ist Deutschland vereint, aber es gibt natürlich Unterschiede; zwischen Nord und Süd, zwischen Ost und West. Wenn man so will, gibt es in Deutschland drei Mentalitäten: ostdeutsch, westdeutsch und bayrisch. Manche haben aber ein Brett vor dem Kopf und wollen einfach nicht sehen, wie positiv wir uns in den letzten 30 Jahren entwickelt haben.

Was sagt Timothy Garton Ash zu Mikas Meinung?

Mika, ich würde das sehr bestreiten. Ich habe ja in der DDR, hinter der Berliner Mauer, gelebt und da war Deutschland doch viel mehr gespalten, auch die Gesellschaften waren viel gespaltener. Als die Ostdeutschen angefangen haben zu sagen: „Wir sind ein Volk!“, so erwiderten ihnen die Westdeutschen: „Wir auch.“ Insofern war das Land sehr gespalten. Und ich glaube nicht, dass Deutschland so gespalten ist wie beispielsweise der Norden und Süden in den Vereinten Staaten von Amerika, wo noch heute die Spuren des amerikanischen Bürgerkriegs sehr spürbar sind. Ich glaube allerdings, dass das Phänomen der Stärke der AfD etwas über die Befindlichkeit in Ostdeutschland besagt und dort gibt es tatsächlich ein Problem, das wir dringend ansprechen müssen.

Leser Marek schrieb als Kommentar zur Debatte: „Ihr habt noch immer eine Mauer zwischen Ost und West in euren Köpfen!“ Wann werden wir diese überwunden haben?

Für eine Antwort fragten wir bei Katja Kipping nach. Sie ist Ko-Vorsitzende der Partei die Linke und Mitglied des Deutschen Bundestages für Sachsen.

Wann wird Deutschland zusammengewachsen sein? Stimmt Ihr unseren Lesern zu, dass es noch eine Mauer in den Köpfen der Leute gibt? Oder sind es doch eher ganz klare wirtschaftliche Unterschiede zwischen Ost und West? Wann werden wir das Trennende überwunden haben?

Foto: Flickr (cc) Raphaël Thiémard; Portraits: (c) Werner Schulz (c) Timothy Garton Ash

Diese redaktionell unabhängige Debatte ist Teil einer Kooperation mit Kulturprojekte Berlin im Rahmen ihrer Festivalwoche 30 Jahre Friedliche Revolution – Mauerfall. Mehr zu unseren Partnern findet ihr in unserem FAQ.



3 Kommentare Schreib einen KommentarKommentare

Was denkst Du?

  1. avatar
    Hans

    So wie man den oder die Deutschen kennt vermutlich nie.
    Oder, jammern auf hohem Niveau…

    • avatar
      Heiko

      Leider

  2. avatar
    Hermann

    Die Menschen im Osten wissen genau, wie Diktatur und Spitzelei funktionieren. Darum sind sie (mit Recht) auch misstrauischer gegenüber der politischen Klasse. Der Westdeutsche dagegen ist eher übersättigt und stumpf. Diktaturen kennt er nur (wenn überhaupt) aus dem Geschichtsbuch und aus dem Fernseher.
    Das ist es auch, was das Zusammenwachsen ins Unendliche zieht. Im Osten die Klugen, im Westen die Dummranze. Das wird nie zusammenwachsen. Erst, wenn die Westler ausgestorben sind, können die Ostler die Mauer wieder hochziehen und haben endlich Ruhe vor euch.

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Notify me of new comments. You can also subscribe without commenting.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.

Mehr Debatten-Reihen – 30 Jahre Mauerfall Alle anzeigen

By continuing to use this website, you consent to the use of cookies on your device as described in our Privacy Policy unless you have disabled them. You can change your cookie settings at any time but parts of our site will not function correctly without them.