Wird das Karl Marx Denkmal in Chemnitz Teil der Ostalgie?

Vor drei Jahrzehnten ist die Berliner Mauer gefallen.

Dadurch wurde der Eiserne Vorhang, der Europa jahrzehntelang gespalten hatte, endgültig überwunden. Seitdem ist in Europa und vor allem in der ehemaligen Sowjetunion viel passiert: Die europäische Integration schreitet voran, die Globalisierung und Migration hat vielen Chancen eröffnet. Gleichzeitig haben die schnellen Veränderungen auch zu neuen Problemen geführt und nicht mehr jeder ist optimistisch. Bei einigen macht sich Ostalgie breit, es war doch nicht alles schlecht im Osten, oder?

Vor allem die Finanzkrise hat viele verunsichert. Das große Versprechen nach der Wende, dass es allen Schritt für Schritt besser gehen würde, wurde dadurch erschüttert. Doch das rechtfertigt keine Verklärung der Vergangenheit, oder?

Was sagen unsere Leser?

Wir erhielten einen Kommentar von Nate. Er meint, es sei in vielen Teilen Europas nach wie vor (N)-Ostalgie anzutreffen. Wünschen sich viele die vermeintlich „guten alten Zeiten“ im Kommunismus zurück?

Für eine Antwort auf seine Frage sprachen wir mit Boris Kálnoky, er beschäftigt sich als Auslandskorrespondent für mehrere Medien unter anderem mit Osteuropa. Was sagt er zu Nates Kommentar?

Ja, es gibt eine gewisse Sehnsucht. Vielleicht ist das zu stark, aber die ältere Generation sieht einfach, dass sich ihre Realität nicht nur positiv verändert hat. Ich sprach gerade heute Vormittag mit dem frühreren ungarischen Außenminister Géza Jeszenszky darüber, der das gut zusammenfasste: Ungarn war in den letzten Jahren des Kommunismus, in den Siebzigern und Achtziger Jahren eigentlich nicht so schlecht dran. Es war kein stalinistisches System, es war nicht so hart wie in der DDR, in Polen oder in der Tschechoslowakei. Die Leute hatten keine Angst ins Gefängnis zu müssen, gefoltert zu werden; die polizeistaatliche Repression war eigentlich nicht Teil des Alltags für die meisten Menschen. Und alles war billig: Schulen, das Gesundheitssystem, in den Sommerurlaub fahren. Man konnte ins nicht westliche Ausland reisen und das Leben war sicher, die Arbeitsplätze waren sicher. Alle wollten natürlich Freiheit und spürten, dass das System nicht gut war. Alle waren Feuer und Flamme für den Systemwechsel, aber worauf sie eigentlich hofften war mehr Wohlstand, bessere Jobs und mehr Geld; das ist eigentlich nicht eingetreten. Bis heute sind die Gehälter weit unter dem Niveau im Westen, die Menschen bekamen eine existenzielle Unsicherheit. Niemand weiß, ob er im nächsten Jahr noch arbeiten wird, die Preise sind gestiegen, es wird teurer zu wohnen und sehr viele Leute können sich nicht mehr leisten, in den Urlaub zu fahren. Es gibt eine gewisse Unzufriedenheit, da sich der Wohlstand im Vergleich zum westlichen Lebensstandard nicht eingestellt hat. Die Freiheit, die man bekommen hat, die hat man halt und man schätzt sie auch, aber da es vorher nicht so schlimm war, denkt man nicht so viel darüber nach.

Wir erhielten auch einen Kommentar von Marek, der angesichts dieser Debatte frustriert ist: „Ihr habt noch immer eine Mauer zwischen Ost und West in euren Köpfen!“ Hat er recht?

Wir fragten Maria Lewicka, die sich als Professorin der Psychologie an der Nikolaus-Kopernikus-Universität in Toruń mit dem Thema beschäftigt.

Verbreitet sich in Europa Ostalgie?

Was denkt ihr? Warum blicken einige mit Nostalgie zurück und vergessen die Schrecken? Debattiert mit den Experten!

Foto: Bigstock (c) Tupungato



7 Kommentare Schreib einen KommentarKommentare

Was denkt Ihr?

  1. avatar
    Klaus

    Ganz normaler Prozess, ich kenne so etwas aus dem Westen! Bis 1970 wurde das Nazi-Reich immer wieder indirekt gerechtfertigt und gesagt: „Es wäre eigentlich nicht so schlimm gewesen, wir hatte alle Arbeit und zu Essen“

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    Florian

    Nee weil ostdeutsche Rentner nicht gross verteilt sind in Europa.

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    Heinrich

    Um sich mit der Geschichte auseinanderzusetzten

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    Hans

    Deutschland im Jahre 19/20, 23% fühlen sich abgehängt, die anderen müssen auf kaputten Strassen fahren und fühlen sich nur als Zahlmeister für den Aufbau Ost..
    .
    Klagen auf hohem Niveau…..

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    Bernd

    Schrecken ??? Der ist jetzt größer als damals in der DDR ( jetzt gibt es Hass , Gewalt, Rassismus , man wird betrogen , Nazis , keine Menschlichkeit , keinen Respekt. Das Leben war sicher , jeder hatte Arbeit !!! Hier ist Kapitalismus das bedeutet die Ausbeutung vom menschen durch den Menschen und kommen Sie mir nicht damit , ich war nicht in der SED nicht in der FDJ und so weiter und ich habe meine Meinung gesagt wie heute und ich hatte ein besseres und sicheres Leben !!!

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    Raziel

    Alles war billig: Schulen, das Gesundheitssystem, in den Sommerurlaub fahren…… das Leben war sicher, die Arbeitsplätze waren sicher.

    Und das sind nunmal existenzielle Dinge, die wichtig sind!

    Das sich Leute lieber nach Zeiten zurück sehnen, in dem daran kein Mangel herrschte, sollte selbst einem Narren klar sein.

  7. avatar
    Heike

    Wie jedes System, gibt es gute und schlechte Seiten in der DDR, wie auch im Westen. Was die Ostdeutschen gehofft hatten, war: wir machen gemeinsam ein besseres Deutschland. Bringen die guten Seiten beider Systeme zusammen. Das war mit Wiedervereinigung gemeint. Was kam, war wir im Westen haben recht, wir wissen es besser, ihr müsst jetzt alles so machen wie im Westen. Das ist keine Wiedervereinigung sondern eine Übernahme. Mein Vater bekam für die gleiche Arbeit, gleiche Ausbildung, mit längerer Betriebserfahrung weniger Geld als der neue westliche Kollege mit seinem „Buschzuschlag“. In den Medien und Gedenkveranstaltungen ist es wichtig über die Schrecken zu diskutieren, aber auch was man als Anstoß für eine Verbesserung Gesamtdeutschland aus der DDR-Zeit ziehen kann. Die Ostdeutschen möchten eine ausgewogene Geschichtsansicht.

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