Nach dem Abschluss in die weite Welt oder als Nesthocker zuhause?

Junge Erwachsene bleiben immer länger im „Hotel Mama“.

Woran liegt das und was sind die Folgen? Auffällig ist, dass vor allem Männer länger zuhause bleiben und dass es ein Nord- Südgefälle gibt. In Skandinavien ziehen Kinder früher aus als in Kroatien oder Malta, Norddeutsche verlassen früher das heimische Nest als Süddeutsche.

Einen schwerwiegenden Generationenkonflikt scheint es nicht zu geben, wenn in manchen Regionen – wie im thüringischen Landkreis Hildburghausen – fast die Hälfte der 25-29-Jährigen noch bei den Eltern wohnt. Das sind die guten Nachrichten. Vielleicht sollten wir auch flexibler darüber denken, was „Erwachsenwerden“ heute bedeutet. Die geradlinigen Karrieren mit Partner, Haus und Kindern werden seltener, von jungen Berufstätigen wird viel Flexibilität verlangt. Oder ist es die wirtschaftliche Not, die junge Erwachsene daran hindert, in die weite Welt zu ziehen?

Was denken unsere Leser?

Wir erhielten einen Kommentar von Martina, die argumentiert, dass viele junge Europäer sich heute ihre Miete nicht mehr leisten können. Daher lebten viele länger bei ihren Eltern. Sie findet das besorgniserregend. Hat sie recht?

Um eine Antwort zu erhalten, sprachen wir mit Dr. Claus Koch, der sich als Psychologe, Buchautor und Publizist mit der Rolle von Kindern und Jugendlichen in unserer Gesellschaft auseinandergesetzt hat.

Das ist das Phänomen der sogenannten „Nesthocker“, über das wir in der Presse oft lesen. Ich bin in meinem Urteil etwas zurückhaltend, weil da oft mitschwingt, dass „junge Erwachsene zu faul sind, um auszuziehen“, „sie wollen weiterhin den Schutz ihrer Familie genießen“ und so weiter. Das gilt wahrscheinlich für einige, aber bei weitem nicht für alle. Wenn man sich die Zahlen ansieht, leben 75 Prozent der jungen Erwachsenen noch zu Hause, wenn sie 20 Jahre alt sind. Wenn sie 30 Jahre alt sind, geht das aber auf 10 Prozent zurück- also ist es nicht die überwältigende Mehrheit, die zu Hause bleibt. Die komplexen Gründe dafür sollte man differenziert betrachten.


Es gibt die einfache ökonomische Seite, dass in Universitätsstädten die Lebenshaltungskosten und vor allem die Mieten so teuer geworden sind, dass viele junge Menschen beschließen – allein aus Kostengründen – weiterhin bei ihren Eltern zu wohnen. Das hat auch damit zu tun, dass der Generationenkonflikt zwischen Eltern und Jugendlichen einfach nicht mehr so stark vorhanden ist wie vor 50 Jahren. Als ich jung war, zogen wir nach dem Abitur so schnell wie möglich aus, nichts wie weg. Einfach weil wir mit unseren Eltern in den 60er und 70er Jahren nicht klarkamen. Das ist heute nicht mehr der Fall, das kann auch wissenschaftlich belegt werden. Studien über Jugendliche zeigen, dass die überwiegende Mehrheit der jungen Leute sagt, dass sie ihre Kinder so erziehen wollen, wie sie selbst erzogen worden sind. Dass man aus seinem Elternhaus ausbrechen will, dieser Konflikt ist heute nicht mehr vorhanden. Dadurch ist es aber auch für beide Seiten viel schwieriger, einander loszulassen. Eltern und junge Erwachsene sind heute auch viel ängstlicher, das hat eine berechtigte Seite, man weiß nicht, was in der Welt auf einen zukommt.


Es ist aber nicht so, dass dies ein massenhaftes Problem ist. Insofern gebe ich eine Entwarnung, die jungen Menschen werden noch immer selbstständig, es ist heute nur schwieriger als früher. Man sollte aber mit 25 Jahren diesen Loslösungsprozess abgeschlossen haben, von den Eltern und den jungen Menschen her. Dann muss man selbstständig die Welt entdecken und Verantwortung für sich selbst übernehmen, darauf kommt es beim Erwachsenwerden an.

Für eine weitere Perspektive sprachen wir mit Liz Emerson, Mitbegründerin der Intergenerational Foundation, einer unabhängigen Wohltätigkeitsorganisation mit Sitz in Großbritannien, die sich für die Interessen der zukünftigen Generationen einsetzt. Was antwortet sie auf Martinas Kommentar?

Martina hat völlig recht. Im Vereinigten Königreich lebten 1997 2,4 Millionen junge Menschen bei ihren Eltern. Bis 2017 waren es 3,4 Millionen. Und der Grund, warum sie bei ihren Eltern leben müssen, sind die hohen Hauspreise. Wenn Sie ein junger Mensch sind, der in London lebt, können sie sich in Relation zum Einkommen keine Wohnung mehr leisten und dasselbe geschieht in ganz Europa.

Aber junge Menschen können die Situation ändern, wie sich in Berlin gezeigt hat. Seit Mai 2019 protestieren Zehntausende gegen die Verdopplung ihrer Mieten. Auf dem europäischen Festland ist es besonders relevant, da beispielsweise 85 Prozent der deutschen Bevölkerung zur Miete wohnt. Im Vereinigten Königreich wollen wir Hausbesitzer sein, also streben auch junge Menschen nach Hausbesitz. Die Hälfte von ihnen werden das nie schaffen und müssen jetzt wie in ganz Europa zur Miete wohnen.

Wann sollten Nesthocker spätestens ausziehen?

Ist es ohne Konflikte einfach gemütlich bei den Eltern oder liegt es an der wirtschaftlichen Not, dass junge Erwachsene immer länger bei den Eltern wohnen bleiben? Gab es früher weniger Nesthocker? Schreibt uns Eure Erfahrung und wir diskutieren sie mit den politischen Entscheidungsträgern.

Foto: CC – BY 2.0 / Flickr – bradleypjohnson; Portrait: Koch © Stefan Gelberg


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