Ist es ein Privileg, Arbeit zu haben oder sollte es ein Recht darauf geben? Ein guter Job gibt uns ein Gefühl von Identität, Würde und einen Platz in der Gesellschaft. Seit Anfang des 19. Jahrhunderts existiert das Recht auf Arbeit und ist seit 1948 in der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte verankert.

Unser heutiges Recht auf Arbeit verpflichtet den Staat nicht dazu, aktiv Arbeitsplätze zu schaffen. Vielmehr ist es ein Abwehrrecht, jeder soll seinen Beruf selbst frei wählen dürfen und niemand darf am Arbeitsplatz in seiner Würde verletzt werden. Sollten wir dieses Recht ausweiten? Neue Technologien und Automatisierung durch künstliche Intelligenz werden unsere Arbeitswelt in naher Zukunft stark verändern, viele Jobs werden wegfallen. Daher ist es wichtig, sich darüber Gedanken zu machen, wie unsere ideale Arbeitswelt aussehen sollte. Sollten Regierungen aktiv auf eine Vollbeschäftigung hinarbeiten? Oder kann das der Markt besser regeln?

Was denken unsere Leser darüber? Unser Leser Eric glaubt, dass Arbeit ein Privileg sei. Er formuliert es drastisch indem er sagt, dass niemand ein Recht auf Arbeit habe, für die er zu dumm oder faul sei.

Wir konfrontierten Esther Lynch, stellvertretende Generalsekretärin des Europäischen Gewerkschaftsbundes (EGB), mit seinem Kommentar. Was sagt sie zu Eric?

Ich muss Eric sagen, dass er völlig falsch liegt, wenn er denkt, dass Menschen, die keinen Job haben, keinen wollen. Sie müssen sich nur die Anzahl der Bewerbungen auf eine Stelle ansehen, wenn sie ausgeschrieben sind – Hunderte von Menschen bewerben sich z.B. für eine Stelle im örtlichen Supermarkt oder Café. Es gibt oft mehr Bewerber als Stellen.

Wenn diese Leute dann zur Arbeit kommen, arbeiten sie wirklich hart. Sie bringen alles mit, was sie in sich selbst investiert haben, sei es ihre Ausbildung, ihre Arbeitskleidung, den Transport, Kinderbetreuung; sie haben so viel investiert und erledigen ihren Job. Dann zu sagen, dass Arbeit ein Privileg sei, ist fehl am Platz und hat mit der Realität des Lebens der arbeitenden Menschen nicht viel zu tun. Das ist eigentlich Teil dessen, was mit unserer Gesellschaft schiefgelaufen ist. Wir scheinen nicht mehr in der Lage zu sein, Verständnis und Mitgefühl für die Menschen zu haben, die für uns arbeiten. Ich lese immer mehr über narzisstische Manager, die nur sich selbst statt ihre Arbeitskräfte im Blick haben. Sie sehen nicht, wie wichtig es für die Gesellschaft ist, dass jeder eine Rolle hat, respektiert wird und Chancen erhalten muss.

Das Letzte was Menschen, die es schwer haben, brauchen, ist diese Art von respektloser Haltung. Sie brauchen Hilfe bei der Umschulung, um Chancen auf einen Arbeitsplatz zu bekommen. Sicherlich versuchen die Gewerkschaften in ganz Europa, Menschen auf die neue Arbeitswelt vorzubereiten. Viele belegen bereits Fortbildungen und das ist kein Privileg, sondern notwendig, wenn wir eine Gesellschaft wollen, in der jeder aktiv das Beste beiträgt, was er kann und erreicht, was jeder im Leben will: nämlich eine gute Arbeit und einen guten Lohn.

Für eine andere Perspektive gaben wir Erics Kommentar an Christopher Snowdon weiter, der sich mit der Denkfabrik Institute of Economic Affairs für den freien Markt einsetzt. Reagiert er anders?

Es ist eine ziemlich harte Art, das so auszudrücken und ich würde auch nicht allem zustimmen. Aber ich denke, er hat recht, wenn er anzweifelt, dass Arbeitslose ein Recht auf Arbeit haben sollten. Wenn wir uns in Extreme wie diese begeben, wie würden wir dann mit Arbeitslosen umgehen?

Ich weiß nicht, was Eric mit ihnen machen würde – vielleicht würde er sie verhungern lassen. Ich glaube an einen Sozialstaat, um ein Sicherheitsnetz für die Menschen zu schaffen. Wir müssen aber nicht Arbeitsplätze für die Menschen schaffen, obwohl ich eigentlich glaube, dass Menschen mit Arbeit besser dran sind als mit Sozialleistungen. Es ist nicht sozialistisch, die Menschen nicht auf der Straße sterben lassen zu wollen. Aber es hilft auch keinem, sinnlose Jobs zu schaffen und zu verteilen.

Ist ein Job ein Privileg? Ich denke auch das ist zu stark formuliert. Sie stellen dem Arbeitgeber ihre Arbeitskraft zur Verfügung; damit tun sie ihm keinen „Gefallen“ als solchen, es ist eher eine für beide Seiten vorteilhafte Regelung.

Sollte es ein Recht auf Jobs geben? Sollten wir das geltende Recht auf Arbeit weiter ausbauen oder zufrieden sein, wenn wir Arbeit haben? Ist Arbeit wohlmöglich ein Privileg? Was denkt ihr?

Foto: (c) BigStock – photoboyko; Portrait: Lynch (cc) Flickr – EU-OSHA



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