Wird das Rentenalter weiter angehoben?

Unsere Lebenserwartung steigt. Damit wird die Zeit, in der wir eine Rente beziehen, immer länger. Im Vergleich zu den 1960ern hat sich die Bezugszeit auf 20 Jahre verdoppelt. Einige Fachleute empfehlen daher, das Rentenalter weiter hochzusetzen. Doch wo sind die Grenzen? Können wir arbeiten bis wir 70 sind… oder 100?

Die Zahl der Rentner wird weiter steigen, während die Zahl der Beitragszahler sicher im Verhältnis sinken wird.

Damit wir uns unser Rentensystem weiter leisten können, fordern vor allem Arbeitgeberverbände einen weiteren Anstieg der Regelaltersgrenze. In Deutschland wurde erst 2007 beschlossen, das Alter schrittweise von 65 auf 67 anzuheben. Ist dann Schluss? Viele Senioren arbeiten schon heute länger als sie müssten, rund jeder vierte Rentner arbeitet die ersten drei Jahre seiner Rente weiter – aus Freude am Beruf oder aber weil sie es finanziell müssen. Sozialverbände und Gewerkschaften wollen von einem weiteren Anstieg nichts wissen. Welche Jobs sollen Arbeitnehmer über 70 denn noch machen können? Ein Anstieg könnte praktisch eine Rentenkürzung bedeuten, wenn erschöpfte Arbeitnehmer mit Abschlägen früher in Rente gehen müssen.

Eine Studie der Hans Böckler Stiftung verweist jedoch auf Alternativen: Demnach lässt sich die Belastung für Beitragszahler massiv reduzieren, wenn Frauen, Migranten und Langzeitarbeitslose besser in die Arbeitswelt integriert und der Niedriglohnsektor abgeschafft würde. Wir müssen also nicht unbedingt länger arbeiten, sondern bessere Jobs und gute Arbeitsbedingungen für alle schaffen.

Was denken unsere Leser?

Wir erhielten eine Frage von Fern, sie glaubt, dass sich ein weiterer Anstieg des Rentenalters nicht verhindern lassen wird. Hat sie recht? Arbeiten wir irgendwann bis wir 100 sind?

Wir haben mit Monika Queisser gesprochen. Sie ist eine renommierte Expertin für die Analyse internationaler Rentensysteme und Leiterin der Abteilung Sozialpolitik bei der OECD. Wie beantwortet sie Ferns Frage?

Wir haben in den letzten Jahren bei einigen Ländern bereits sehen können, dass das Rentenalter angehoben wurde. Das ist eine Antwort darauf, dass Menschen immer älter werden. Die Lebenserwartung nimmt aber viel schneller zu als die Regelaltersgrenze. Das bedeutet, dass Senioren eine immer längere Rentenzeit haben. Das sind sicher gute Neuigkeiten, aber irgendjemand muss auch für die Kosten aufkommen. Daher heben die Länder das Rentenalter an. Von den meisten Gesellschaften und auch von den Arbeitgebern wird die Produktivität von Älteren aber stark unterschätzt. Sie haben sehr viel Erfahrung und neigen auch zu weniger Fehlern als jüngere Kollegen. Am besten arbeiten gemischte Teams aus Jüngeren und Älteren. Wir müssen sehen, wie Ältere am besten eingesetzt werden können, damit sie ihre Erfahrung weitergeben. Die Regierungen müssen aber auch genau hinschauen, wie sie trotzdem die Menschen schützen, die nicht mehr arbeiten können.

Für eine weitere Perspektive fragten wir Lynda Armstrong. Sie ist für die internationale Kommunikation bei WASPI verantwortlich – einer Freiwilligenorganisation, die sich gegen den Angleich des Rentenalters in Großbritannien einsetzt.

Das ist eine hochaktuelle Frage, da erst vor kurzem eine Denkfabrik die Empfehlung ausgesprochen hat, das Rentenalter auf 75 Jahre anzuheben. Es scheint daher eine Tendenz von Regierungen zu geben, das Alter für die staatliche Rente anzuheben. Es scheint unausweichlich, aber ich bin keine Expertin zur Lebenserwartung der Menschheit, was als Argument für das Vorgehen der Regierungen genutzt wird. Soweit ich weiß, steigt die Lebenserwartung jetzt nicht mehr an. Das hat sie über einen langen Zeitraum getan, aber jetzt bleibt sie wohl erst einmal, wo sie ist. Daher könnte dieses Argument mit der Zeit schwächer werden. Aber das bleibt abzuwarten.
Vor allem viele Frauen sind schon jetzt dazu gezwungen, im höheren Alter körperlich anstrengende Arbeiten zu verrichten, obwohl sie eher früher in Rente gehen sollten. Es gibt aber sicher auch Jobs, die Ältere gerne über das Rentenalter hinaus machen möchten. Ich habe Freunde, die auf die 70 zugehen und sehr gerne mit viel Verantwortung in der IT weiterarbeiten. Es hängt also auch sehr von der Art der Arbeit ab. Die Arbeitgeber könnten sicher einfallsreicher und flexibler sein, wie sie Ältere einsetzen. Es sollte aber eine Wahl sein und nicht erzwungen werden, länger zu arbeiten.

Wie lange werden wir in Zukunft arbeiten müssen? Bis März 2020 will eine Kommission im Auftrag der Bundesregierung neue Konzepte für unser Rentensystem vorlegen. Haltet ihr einen Anstieg des Rentenalters für sinnvoll? Wie lange wollt ihr arbeiten? Schreibt uns eure Ideen!

Foto: Bigstock © Raumann1975; Portraits: Queisser © OECD & Armstrong © Privat



3 Kommentare Schreib einen KommentarKommentare

Was denkst Du?

  1. avatar
    Daniel Fechner

    Grundsätzlich ist die Folgerung: Höhere Lebenserwartung = späterer Renteneintritt nachvollziehbar.
    Aber es gibt auch andere Möglichkeiten … weniger Rente, höhere absolute Abgaben/Rentenkasseneinnahmen, Unterstützung der Rentenkassen durch den Staat.
    Natürlich wäre es erstrebenswert, wenn die Löhne einfach stärker steigen würden (höherer Mindestlohn, allgemein höhere Entlohnung), es gäbe mehr Abgaben, allerdings ist die Rente nunmal Beitragsabhängig, weswegen dies das Problem weiter nach hinten verschiebt.
    Bliebt also nur die Reduzierung der Rentenansprüche (Zunahme der Altersarmut oder private Vorsorge), dies könnten sich manche nicht (mehr) leisten, oder staatliche Zuschüsse.
    Eine weiterere Möglichkeit wäre, dass Rentenkassen mit dem Geld Investitionen tätigen, in dem Zeitalter der Null-Zinsen ist dies aber nur mit Risiken möglich, oder eben durch staatliche Eingriffe (bspw. Privatisierung von Verkehrswegen/Autobahnen).
    Es bleibt also … entweder wird mehr eingezahlt (ob qualitativ durch die Beitragszahler oder ein Teil der Einnahmen des Staates) oder das Renteneintrittsalter muss steigen.
    Was für ein Pech, dass der Staat keine Firmen mehr besitzen darf bzw. dadurch fast keine Einnahmen generiert werden (vgl. Schweden, mit dem Verkauf von fossilen Brennstoffen).
    Aber die Idee mit weniger anstrengender Arbeit von Lynda Armstrong finde ich in diesem Sinne interessant … dem sollte mal nachgegangen werden.

    • avatar
      DebatingEurope/DE

      Hallo Daniel, das sind ein paar tolle Ideen für zukünftige Debatten. Vielen Dank!

  2. avatar
    Phillip

    In welcher Zukunft denn? Langfristig gesehen wird sich menschliche Arbeit einfach irgendwann nicht mehr lohnen. Wir ‚taugen‘ dann nur noch um Kunst zu produzieren und uns Fortzupflanzen, und einige werden sich weiter der Wissenschaft widmen.

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Notify me of new comments. You can also subscribe without commenting.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.

By continuing to use this website, you consent to the use of cookies on your device as described in our Privacy Policy unless you have disabled them. You can change your cookie settings at any time but parts of our site will not function correctly without them.