Sind hohe Medikamentenpreise ein Risiko für die Gesundheitsversorgung? Die Menschen leben länger und haben somit einen höheren Versorgungsbedarf. Analysten weisen darauf hin, dass der Anstieg der Gesundheitsausgaben mit dem steigenden Bedarf an neuen Medikamenten zusammenhängt; ganz zu schweigen von der teuren pharmazeutischen Forschung, die für deren Herstellung benötigt wird.

Was sagen unsere Leser?

Mac versteht nicht, warum Arzneimittel so viel kosten. Er fragt, ob es keine Möglichkeit gibt, die Preise zu senken?

Das haben wir Yannis Natsis, Policy Manager für Universal Access & Affordable Medicines bei der European Public Health Alliance (EPHA) gefragt. Warum glaubt er, kosten Medikamente so viel?

Nun, es ist sehr einfach, denn das System, auf dem die Herstellung und Vermarktung von Medikamenten basiert, ist gewinnorientiert. Es gibt kommerzielle Interessen, die die Agenda bestimmen, sowohl die Forschungs- und Entwicklungsagenda als auch die Marketing- und Geschäftsstrategien von Pharmaunternehmen. Europa könnte hier viel erreichen, die Regierungen müssen erkennen, dass sie über eine große Hebelwirkung verfügen, und sie müssen die Instrumente, die sie zur Verfügung haben, bestmöglich nutzen, um den Druck bei den Verhandlungen mit den Pharmaunternehmen zu erhöhen.

Für eine andere Perspektive zu diesem Thema haben wir den Generaldirektor von ‚Medicines for Europe‘, Adrian van den Hoven, gefragt. Was sagt er dazu?

Ich denke, wichtig zu wissen ist, dass die Kosten für konsumierte Medikamente von Europäern insgesamt steigen, weil die Nachfrage steigt. Mit dem Älterwerden der Bevölkerung steigt auch die Menge der konsumierten Arzneimittel – es gibt einen direkten Zusammenhang zwischen dem Alter und dem Anstieg des Arzneimittelkonsums. Europa kann sich dem nicht entziehen und da Medikamente in den meisten europäischen Ländern zu einem gewissen Grad subventioniert werden, ist der Kostenbedarf aufgrund des steigenden Konsums höher.

Ob die Kosten für den Einzelnen gesehen steigen, ist, glaube ich, sehr variabel. Es gibt einige Arzneimittel, die sehr teuer sind – insbesondere neue Arzneimittel für seltene Krankheiten. Wenn es um Massenmedikamente geht, die von dem Großteil der Bevölkerung konsumiert wird – 67% der in Europa konsumierten Medikamente sind Generika -, sind sie tatsächlich sehr preiswert und gehören zu den niedrigsten Preisen der Welt. Es ist also ein Balance-Akt.

Die eigentliche Frage, die viele Leute haben ist, warum sind einige dieser seltenen Medikamente so teuer? Ich denke, das liegt an den hohen Entwicklungskosten und einer geringen Anzahl von Patienten oder Verbrauchern, sodass die Kosten pro Behandlung massiv ansteigen. Ich glaube, die große Frage, die die Menschen haben, ist, ob sich die Investition in diese Arzneimittel für seltene Erkrankungen oder Nebenerkrankungen auf die Verfügbarkeit einer breiten Palette von Arzneimitteln auswirken wird, die der Rest der Bevölkerung benötigt. Das ist in Wahrheit die Frage.

Ein weiterer Kommentar kommt von unserem Leser Jim, der findet, dass multinationale, profitorientierte Arzneimittelkonzerne für die Entwicklung neuer Medikamente und Technologien wichtig sind, aber dass sie auch strenge Regeln brauchen.

Was sagt Yannis Natsis zu Jims Kommentar?

Ja, dem stimme ich zu. Pharmaunternehmen sind wichtige Akteure, aber sie dürfen das Spiel nicht monopolisieren. Wir brauchen eine Führungsrolle im Bereich der öffentlichen Gesundheit, um die Kontrolle über das Spiel wieder zu erlangen. Wir müssen die Politik dazu bringen, das Gleichgewicht wiederherzustellen. Es geht darum, ein neues Gleichgewicht zu schaffen, da die Interessen von Pharmaunternehmen selten dem öffentlichen Interesse dienen.

Und ja, wir brauchen Unternehmen, aber als Bürger Europas akzeptiere ich es nicht, dass Patienten in einem EU-Mitgliedstaat zu Geiseln der Geschäfts- oder Marketingstrategien von Unternehmen werden. Das ist unmoralisch und nicht zu rechtfertigen, weil am Ende des Tages Geld von uns Steuerzahlern an private Unternehmen fließt. Deshalb sind die Pharmaunternehmen eine Industrie wie jede andere. Aber man kann eine Krebsbehandlung nicht mit dem Kauf eines iPhones gleichsetzen. Hier gibt es keine Wahl, es geht um Leben oder Tod.

Unsere Leserin Jenny sagt, wenn man reich ist und Arzneikosten zahlen muss, ist es eine Unannehmlichkeit, aber wenn man arm ist, muss man sich eventuell zwischen einer warmen Mahlzeit, der Miete oder den Medikamenten entscheiden.

Wir fragen Adrian van den Hoven: Sollten sich Arzneimittelkosten an unserem Einkommen orientieren?

Leider ist Jenny in Europa damit nicht allein, manchmal keine Wahl zu haben, ob sie ihre Medikamente zahlen kann, Essen auf dem Tisch zu haben oder ihre Familie versorgen zu können. Das ist natürlich eine sehr schwierige persönliche Situation für sie und für viele andere Patienten in Europa, die mit dieser Herausforderung konfrontiert sind. Aber aus der Sicht der öffentlichen Finanzen, ist das eine sehr schlechte Entwicklung.

Das hört sich vielleicht überraschend an, aber es stimmt tatsächlich; Aufgrund der Tatsache, dass Patienten wie Jenny – und es gibt viele, viele andere in ganz Europa – die Entscheidung treffen, ihre Medikamente nicht einzunehmen, weil sie sich diese im Grunde nicht leisten können, wird die Behandlung ihrer Krankheit schlechter, vorausgesetzt, sie hat eine chronische Krankheit. Dies bedeutet, dass die Krankheit schlimmer wird und Jenny und andere Patienten wie sie, die ihre Medikamente nicht einnehmen können, landen im Krankenhaus und verbrauchen viel mehr Ressourcen des öffentlichen Gesundheitswesens, da sie nicht in der Lage sind, ihren Zustand zu bewältigen. Also ist es nicht nur schlecht für sie, es ist schlecht für das Gesundheitssystem, es ist schlecht für Steuern, für Sozialversicherungssteuern usw., weil es am Ende mehr Geld kosten wird.

Sollten sich Medikamentenpreise am Einkommen orientieren? Warum sind Arzneimittel so teuer? Gibt es Wege, die Preise zu senken? Schreibt uns eure Meinung!

Foto: (c) BigStock – Rido81
Portrait: Natsis (c) European Health Forum – Gastein


11 Kommentare Schreib einen KommentarKommentare

Was denkst du?

  1. avatar
    Daniel Fechner

    Als einzige Möglichkeit sehe ich, dass ein Teil der Kosten (bspw. Unterstützung bei der Entwicklung) von der EU übernommen wird.
    Als Folge müssten Medikamente nicht zusätzliche Gewinne abwerfen, um die Entwicklungskosten zu refinanzieren, auch könnten dadurch die Entwicklung von Therapien für seltene Erkrankungen direkt gefördert werden.
    Außerdem wäre es dadurch möglich, dass der Markt geöffnet wird, da das Patent nicht bei einer Firma sondern bei der EU liegt, die es kostenlos allen interessierten Firmen zur Verfügung stellt … alternativ könnte dadurch zukünftiger Subventionen finanziert werden.

  2. avatar
    Janina

    Gesunde Ernährung und gesunde Lebensweise!da braucht man gar keine Medikamente!

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      Franka

      Janina wenn Du alt wirst, wirst Du auch Medikamente benötigen.

    • avatar
      Janina

      Franka mich könnte man schon
      zum älteren Generation zählen(!71!)
      Trotzdem bin ich Meinung das gesunde Lebensweise ratsam ist!Bewegung und
      nach Möglichkeit wenig Stress ,Freude am Leben!
      Ehrlich gesagt mein Wunsch währe das ich nur so lange lebe bis ich mich selbständig versorge und keinem zum Last bin!dafür bete ich!

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      Christian

      Ich bin fit und sportlich, dennoch bekam ich im Alter von 33 Tuberkulose. Es war völlig unklar, woher, niemand im Umfeld war betroffen und ich war auch nicht in belasteten Gebieten.
      Ich musste über längere Zeit Medikamente nehmen. Das war nicht schön, hat mir aber vielleicht das Leben gerettet. Ich konnte rasch wieder arbeiten, bin wieder völlig gesund geworden und habe danach mehrere Marathonläufe geschafft.
      Was lernen wir daraus: Medikamente sind schlecht. Bis man sie braucht.

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    Egbert

    Wird ja immer schlimmer. Was für eine doofe Idee. Wer hat sich denn das ausgedacht?

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    Franka

    Auf jeden Fall sind sie in Deutschland zu teuer – in den Nachbarländern oft viel günstiger – also sind es Mondpreise und haben nichts mit dem Markt zu tun!

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    Johannes

    Soll es um die Einnahmen der Pharmakonzerne gehen oder wie man die Abschaffung solidaritätsbasierter Gesundheitssysteme moralisch rechtfertigen soll? Indirekt orientieren sich dadurch zum teil deswegen die medikamentenpreise schon am einkommen. die Zuzahlungen sind zwar auch noch da, aber viele der Medikamente wären sonst zum teil um ein vielfaches teurer.
    Die Entwicklungskosten werden selten geringer.

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    Raphael

    Die EU manövriert sich immer mehr ins Abseits…

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    Thorsten

    Kenn mich da nicht aus, klingt erstmal gut – aber in einer freien Marktwirtschaft kannste net einfach wen enteignen.

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