Wer checkt den Faktenchecker? In Zeiten, in denen Politiker mit der Wahrheit spielen und „gefälschte Nachrichten“ in Umlauf bringen, setzen immer mehr Menschen auf unabhängige „Faktencheck“-Dienste. Ist dies die Lösung?

Wäre eine internationale Faktencheck-Behörde das richtige Instrument? Es könnte eine unabhängige Institution sein, die sich aus mehreren nationalen Faktencheck-Behörden zusammensetzt. Sie könnte auf Freiwilligkeit basieren, ohne jegliche gesetzliche Verpflichtungen, aber mit der Stärke einer Vielzahl unabhängiger Faktenprüfer, wenn es um besonders strittige Themen oder Websites geht.

Wir haben Jodie Ginsberg, Geschäftsführerin der Organisation Index on Censorship gefragt, ob sie die Idee einer internationalen Faktencheck-Behörde unterstützen würde.

Ich finde, dass wir uns nicht auf ein Punkteschema oder gesetzliche Regeln verlassen sollten, wenn um das Thema „fake news“ geht. Wir haben Erfahrung mit den verschiedensten Formen von Propaganda. Und der Versuch, über Regierungsmechanismen oder einzelne Organisationen zu gehen, ist nicht der richtige Ansatz.

Wir müssen dafür sorgen, dass die Nutzer von Informationen über die notwendigen Instrumente verfügen, um abzufragen, ob etwas vertrauenswürdig ist oder nicht. Wir sollten uns auf keinen Fall auf eine einzige Organisation zur Überprüfung von Fakten verlassen. Wie wir in den Vereinigten Staaten gesehen haben, sind eine Reihe von Organisationen zur Kontrolle von Fakten aufgetaucht, die alle parteiisch sind. Es geht also nicht nur darum, ob Fakten wahr sind oder nicht, sondern auch um die Art und Weise, wie sie präsentiert werden und von wem. Selbst wenn Sie beispielsweise über eine Organisation zur Überprüfung von Fakten verfügen, kann es vorkommen, dass nur Fakten präsentiert werden, die die jeweilige Seite des Falls unterstützen. Daher ist es auch gefährlich, sich auf eine einzige Organisation zur Prüfung der Fakten zu verlassen, um die Lösung eines Problems zu finden.

Für eine weitere Perspektive haben wir Renate Schroeder, Direktorin des Europäischen Journalistenverbands in Brüssel gefragt. Was sagt sie dazu?

Nun, zuallererst gibt es viele Diskussionen rund um die Faktenprüfung und ich denke, es gibt einige hervorragende Initiativen. Zum Beispiel in Norwegen haben sich alle Medien zusammengetan, um die Fakten zu überprüfen. Es steht also nicht ein Medium gegen das andere.

Für uns ist es sehr wichtig, dass auch Journalisten involviert sind, weil das schon immer ihre Aufgabe war. Faktenkontrolle ist gewissermaßen ein Teil der DNA von Journalisten. Natürlich wissen wir auch, dass dies mit der Geschwindigkeit des Internets und allem immer schwieriger wird. Unterstützung ist also willkommen.

Etwas auf internationaler Ebene zu haben, erinnert mich ein wenig daran, was die Plattformen derzeit tun. Facebook zum Beispiel hat eine Menge Faktenüberprüfungsgruppen [und] das ist nicht alles positiv. Auch hier gab es einige Kritikpunkte. Sie müssen also sehr vorsichtig sein, wie diese Faktenprüfer agieren. Unter welchen Bedingungen arbeiten sie? Sind sie ausgebildet? Sind sie Journalisten oder sind es nur einige Arbeiter in Indien oder Pakistan, denen 4-5 Kriterien gegeben werden und sie darauf basierend einfach Dinge löschen? Die Qualität ist also enorm wichtig, aber ebenso der Kontext. Da das Prüfen von Fakten niemals weiß oder schwarz ist, gibt es viele Grauzonen, es gibt eine große Verbindung zu kulturellen Aspekten, und wir glauben nicht, dass es so etwas wie „die einzige Wahrheit“ gibt.

Die Prüfung von Fakten ist also nicht so einfach, und es ist vielleicht einfacher, im nationalen Kontext zu beginnen als im internationalen Kontext. Aber ich weiß, dass man in Europa viel über „fake news“ diskutiert, vor allem in Hinblick auf die Wahlen gibt es viel Nervosität. Jedes Projekt ist also willkommen, aber – wie gesagt – wir denken, es ist wichtig, dies in Zusammenarbeit mit Journalisten zu tun, und es sollte kein Zeitdruck herrschen oder Gesetze drohen.

Was sagen unsere Leser? Gábor findet es sollte ein internationales Bewertungssystem geben, das Websiten nach ihrer Vertrauenswürdigkeit bewertet. Ist dies ein guter Ansatz?

Was sagt die Journalistin Renate Schroeder dazu?

Das ist nicht leicht zu beantworten, denn was macht so ein System aus? Wie werden die Kriterien bestimmt? Es gibt viele Debatten darüber, allgemein aber auch journalistisch, Vertrauenssysteme eizurichten. Es könnte eine gute Idee sein, und Sie müssten einige sehr allgemeine Kriterien wie Transparenz, Rechenschaftspflicht, Selbstregulierung aufstellen, wir meinen auch die Arbeitsbedingungen und so weiter. Aber ich denke nicht, dass es sehr einfach ist, denn es geht auch darum, was Sie bewerten möchten: Ist es jeder einzelne Artikel? Oder ist es die ganze Website? Oder der Eigentümer der Website?

Es ist also noch viel unklar. Es lohnt das zu diskutieren. Wir würden zum Beispiel vorschlagen, Indikatoren für die Transparenz der Quelle zu haben, denn wir glauben, dass dies wirklich das erste ist, mit dem wir beginnen: Transparenz. Es ist vielleicht auch das am wenigsten umstrittene. Von da aus könnte man mit Umsicht wieder weitermachen. Aber warum nicht? Wir müssen verschiedene Strategien entwickeln und sind im Moment offen für alles, aber es muss wirklich in allen Einzelheiten und von möglichst vielen Interessengruppen diskutiert werden.

Könnte eine internationale Faktencheck-Behörde “fake news” aufhalten? Sollten Websites durch danach bewertet werden, wie vertrauenswürdig sie sind? Schreibt uns eure Meinung!

 

Foto: (c) BigStock – digitalista
Portrait: Ginsberg – CC / Flickr – Index on Censorship


19 Kommentare Schreib einen KommentarKommentare

Was denkst du?

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    Daniel Fechner

    Interessanter Gedanke … unter der Annahme, dass die Faktenfinder unabhängig sind und zusammenarbeiten … müsste es eine für den Nutzer sinnvolle Offerierung geben, bspw. über die Presseagenturen, damit es auch jedem Nachrichtenanbieter zur verfügung steht und eine freiwillige Selbstverpflichtung, die eigenen Nachrichten damit zu verknüpfen.
    Aber es gibt noch ein anderes Problem, die Nutzung durch den Verbraucher … aufgrund der großen Menge an Informationen und Anbieter, sowie der kurzen Zeit, die man selbst mit Recherchen verbringt (allein einen Artikel zu lesen, ist für manchen zu viel und die Überschriften sind deswegen als Clickbait konstruiert), könnten auch diese missbraucht werden, bspw. indem man anstatt „Dieser Artikel enthält eine Falschinformation, nähmlich …“, schreibt: „Dieser Artikel enthält Fake News.“, in diesem Beispiel könnte für viele Nutzer allein diese Überschrift (sie ist definitiv nicht fehlerhaft) dazu führen, dass allen Informationen keinen Wert mehr gegeben werden, außerdem könnte dies zu einer Brandmarkung führen, obwohl der Autor nichts dafür konnte (bspw. eine seiner Quellen stellte eine Meinung als Tatsache dar).
    Zu guter letzt noch ein Gedanke zur Transparenz einer Meldung, es sollte unterschiedliche Bewertungen geben, bspw. Unbewiesen, Wahrheit, intransparente Quelle, Fehlinformation, Meinung usw.
    Dadurch könnte auch die Qualität mancher Medien, zwangsläufig steigen.

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    Henry

    Unbedingt, ich schlage dafür die ARD-Redaktionen vor

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      Daniel

      Henry
      Das gerade der Bild attestiert wird, dass sie am unvoreingenommensten über die Flüchtlingskrise berichtet hat.
      Das wird dem politischen Mainstream nicht gefalle xF

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      Daniel

      Allerdings finde ich die Überschrift etwas irreführend … ist es schon eine Falschinformation, wenn man über eine Thema berichtet, dies aber sehr einseitig betreibt? Es ist ja nicht so, dass man willentlich eine Fehlinformation preisgibt, es wird nur ein anderes Bild vermittelt.

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    Marcus

    Eine Behörde sagt dann was Fake News sind und was nicht. Solangsam geht’s hier echt zu Ende, oder?

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    Ivane

    Wir können gleich Sowjetische КГБ, oder faschistische Gestapo einsetzen. Dann werden wir bessere „Meinungsfreiheit“ (was immer das auch bedeutet) und Demokratie haben. > Sarkasmus

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      Daniel

      Ivane
      Der Grundgedanke hinter der Meinungsfreiheit war, dass jeder seine Meinung äußern darf, ohne dass er irgendeine Art von Gewalt befürchten muss (Def. von Gewalt in diesem Sinne: bspw. Ausgrenzung, Verfolgung, Beleidigung, wirtschaftliche Nachteile, Strafe, Gewalt, Freiheitsentzug, Vandalismus) und die Meinung öffentlich ist.
      Allerdings sind alle Formen der Gewalt (Def. wie oben oder der Aufruf dazu) nicht durch die Meinungsfreiheit geschützt.
      P.s.: Ihr Kommentar ist definitv kein „Hatespeech“, aber dies ist Inhalt einer anderen Diskussion auf sieser Seite

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      Daniel

      Ivane
      Aber ich stimme Ihnen nicht zu, das wäre meiner Meinung ein Tausch eines Übels durch ein anderes

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    Josef

    Da sollen wohl wieder verkrachte Akademiker-Existenzen der Geisteswissenschaft zu einem gut bezahlten Posten im Staatsdienst verschafft? Die keinen Job bei den öffentlichen rechtlichen Rundfunkanstalten gefunden haben ?

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    Hermann

    Auf jeden Fall. Ich möchte der Namensgeber sein und wähle “Wahrheitsministerium“. Cool, ne? Ach, wie? Gab’s schon? Schade.

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    Jörn

    Eine Faktencheck-Institution würde ihre Aufgabe nicht erfüllen.
    Die uns umgebenden Medien als Gesamtheit tragen etwa zu 90% zur Manipulation bei, worin konkret etwa 20% harte Fake News sind.
    Problematisch ist, daß sich Falschnachrichten erst im Nachhinein als solche herausstellen.
    Wollte man diese verhindern, so wäre es nötig vorbeugend zu handeln.
    Bedenkt man, daß sämtliche Nachrichten der Hauptmedien von nur 4 großen Informationsverkäufern stammen, müßten diese Quellen zum schweigen gebracht werden, weil die Manipulation und die Unwahrheit dort ihren Ursprung haben.
    Einerseits könnte man jede Menge bedrucktes Papier und auch die Beiträge zur Medienpräsenz sparen, andererseits ist eine umfassende Berichterstattung nicht mehr möglich.
    Das war die zwar vorher auch nicht; aus anderen Gründen, aber die Auswahl von Informationen sollte schon wesentlich unvoreingenommener stattfinden.

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    Thorsten

    Content Creators sollten endlich technische Möglichkeiten, wie zb das Wasserzeichen nutzen, um selbigen beim Upload einwandfrei zu kennzeichnen. Platform Betreiber sollten die Suche nach solchen WZs ermöglichen. So kann jeder schnell und zuverlässig erkennen, ob ein Bild verändert wurde, bzw woher das original kommt und wie das aussieht.

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      Markus

      Thorsten ich glaube nicht dass die Bildrückverfolgung so einfach funktionieren würde. Und selbst wenn. Bilder haben heutzutage kaum Beweiskraft. Der Realismusgrad einer Fälschung wird nur durch die vorhandene Bearbeitungszeit limitiert.

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      Thorsten

      Markus – Ja, Debatten über die Technische Umsetzung würden hier wohl etwas den Rahmen sprengen. Eigentlich handelts sich dabei um die selbe, die auch bei „Upload Filtern“ zum tragen kommt, blos das diese hier den Menschen hilft, schnell und einfach fest zu stellen, ob ein Bild absichtlich verändert wurde.

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    Mike

    Eine „Faktencheck-Behörde“? Ein „Ministerium für Wahrheit“? Oder noch besser „der Bock als Gärtner“?

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    Phillip

    Investigativer Journalismus muss meiner Meinung nach staatlich gefördert werden. Wenn der Zugang zu Information ein Grundrecht ist, dann sollen die Personen, die uns diese Informationen beschaffen, von Steuergeldern gefördert werden. Zeitungen sterben aus, und wenige Menschen sind bereit, für Berichte im Internet Geld zu zahlen. So sehr ich auch gegen die Rundfunkgebühren bin, wenn sie dem investigativen Journalismus helfen, dann so sei es

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      Jonas

      Phillip Genau falsch. Dann sind die Journalisten von den Politikern abhängig und berichten nur in deren Interresse.
      Das die Zeitungen sterben liegt daran, dass es die Leute das nicht mehr lesen wollen, zumal die Presse schon des öfteren falsche Berichte veröffentlich hat, bzw. entscheidene Information verschwiegen hat.

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