Ist das der Zerfall von „links“ und „rechts“? In Deutschland wie im Rest Europas erhalten sogenannte “Randparteien” immer mehr Stimmen bei Wahlen. Die einstigen großen Volksparteien, die im politischen Spektrum für „links“ und „rechts“ stehen, verlieren an Zustimmung. Heute können sich immer weniger Wähler mit diesen Ausrichtungen identifizieren, sie suchen politische Meinungen außerhalb dieses Spektrums, zum Beispiel in den Extremen.

Woher kommt diese Veränderung? Ist die politische Mitte in Europa gefährdet? Wird es in Zukunft nur noch „Splitterparteien“ geben?

Was sagen unsere Leser?

Baudouin sagt, dass Wähler heutzutage Politiker wie Macron gut finden, weil sie nicht in das traditionelle „links-rechts“-Schema passen. Die Leute wollen eine Politik, die Brücken schlägt zwischen rechts- und linksgerichteter Politik, die einen „dritten Weg“ geht.

Wir haben den ehemaligen Premierminister Finnlands, Alexander Stubb, gefragt, was sagt er zu Baudouin?

Für eine weitere Perspektive haben wir zudem Jonathan Wheatley befragt, Professor und Dozent für Gegenwärtige Politik an der Oxford Brookes Universität und Mitgründer eines Kompetenzcenters zur Stärkung von Wählerbildung. Was sagt er dazu?

Wie ich es sehe, ist das traditionelle links-rechts Parteiensystem noch immer relevant, aber es ist nicht die einzige Dimension von Politik. In vielen Themenbereichen stehen wirtschaftliche Interessen im Vordergrund: Die Debatte findet zwischen der wirtschaftlichen Linken und der wirtschaftlichen Rechten statt: der Idee der Umverteilung von Wohlstand und einer stärkeren staatlichen Beteiligung an der Regulierung des unternehmerischen Handelns gegen die Idee des freien Marktes. Das ist immer noch relevant, insbesondere nach der Sparphase.

Neben dieser wirtschaftlichen links-rechts-Dimension gibt es zudem eine kulturelle Dimension, die immer relevanter zu sein scheint. Die kulturelle Dimension wird manchmal als die Dimension zwischen „offen“ und „geschlossen“ bezeichnet und bezieht sich darauf, wie Sie die Außenwelt sehen. Es geht darum, ob Sie der Meinung sind, dass die Regierung sich um „Leute wie mich“ kümmern sollte, ob es Ihre nationale Gemeinschaft oder reine weiße Männer oder was auch immer ist, oder ob Sie auf der anderen Seite denken, dass Sie ein „Weltbürger“ sind. Die Außenwelt ist in all ihrer Vielfalt etwas Gutes und die Mitgliedschaft in der EU ist etwas Gutes.

Ich denke, dass diese Kluft in ganz Europa, insbesondere in Nordeuropa, nicht wegzudenken ist und mit der bestehenden links-rechts-Dimension koexistiert. Vielleicht hat sich die Kluft zwischen „Gewinnern“ und „Verlierern“ der Globalisierung im Laufe der letzten Generation immer weiter vergrößert. Aus irgendeinem Grund haben die Verlierer der Globalisierung das Gefühl, dass sich die Dinge zu schnell bewegen, und sie möchten die Uhr anhaltenund ins Jahr 1950 zurückkehren. Sie begeben sich in die Nähe des „geschlossenen“ Pols dieser Dimension, und dies kann den Aufstieg der populistischen Rechtsen erklären.

In Südeuropa ist die Dynamik eine andere. In Spanien haben vor allem junge Menschen unter der Sparmaßnahmen gelitten; sie lehnen Neoliberalismus ab – die Vorstellung, dass der freie Markt der einzige Weg ist, um Volkswirtschaften zu betreiben. Statt sich in der populistischen Rechten zu verorten, haben Sie mit Podemos eine linke Bewegung. In Nordeuropa dagegen scheint „offen“ versus „geschlossen“ so relevant zu sein wie links-rechts im altmodischen wirtschaftlichen Sinn.

Ist die Ära der Volksparteien vorbei? Werden Linke und Rechte immer extremer und polarisiert, während die politische Mitte wegfällt? Schreibt uns eure Meinung!

Foto: (c) BigStock – RazvanPhotography
Portrait: Jonathan Wheatley (c) Oxford Brookes


10 Kommentare Schreib einen KommentarKommentare

Was denkst du?

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    Fabian

    Wenn es so weitergeht: Ja, definitiv. Parteien sind ein zeitversetzter Spiegel der gesellschaftlichen Realitäten. Unser Zusammenleben wird immer partikularer, auch Vereine merken diesen Trend schmerzhaft.
    Deshalb sehen wir in vielen westlichen Demokratien fragmentierte Parlamente mit Parteien, die eng(-er) zugeschnittene Interessen vertreten. Das wiederum macht den Konsens umso schwieriger und wird zum Stresstest für jeden Ausschuss und jede Arbeitsgruppe. Kurzum: uns gehen die großen Klammern verloren

  2. avatar
    Conny

    und sie möchten die Uhr anhaltenund ins Jahr 1950 zurückkehren. Sie begeben sich in die Nähe des „geschlossenen“ Pols dieser Dimension, und dies kann den Aufstieg der populistischen Rechtsen erklären.

    Dieser Satz ist beweisend dafür, dass der Autor nichts verstanden hat.

  3. avatar
    Conny

    Das Altparteien-Kartell ist bereits zerfallen. Es steht nur noch die Fassade für diejenigen, die es noch nicht wahrnehmen wollen.

    Durch Korruption, falsche Toleranz, Fehlinterpretationen (von wegen in die 50 iger Jahre zurück, so ein Blödsinn) , Bildungs- und Lebenserfahrungsmangel ist das Parteiensystem verfault.

    Es gibt sogar immer mehr Menschen, die begreifen, das wir hier in Deutschland nie eine Demokratie hatten, es war und ist eine Fassadendemokratie.

    Wir brauchen einen völligen Neuanfang, frei , ohne Abhängigkeiten von anderen Staaten, mit reiner Basis-Demokratie .
    Der Weg ist zwar sehr hart, aber nachhaltig und frei.

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    Gerhard

    Die ehemaligen Volksparteien sind in der BRD nicht Reformfähig. Werden halt ersetzt.

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    Daniel Fechner

    Wenn es um Politik geht,kommt zwangsläufig die Frage auf wie ist es mit „links“ und „rechts“.
    Aber wenn man die Geschichte ser Demokratie ansieht, handelt es sich dabei um Abgeordnete, die auf der linken bzw. rechten Seite des Parlaments saßen, die sich auf Gruppierungen aufteilten, die unterschiedliche Positionen in Bezug auf den Einfluß der Staaten auf die Wirtschaft, das lokale Zusammenleben, internationale Beziehungen, globales Handeln usw. einnahmen.
    Nachdem es Zusammenhänge zwischen diesen Gruppen gab, hat man sie als Links, Rechts oder Zentrum bezeichnet.
    Allerdings sehe ich noch ein weiteres Problem, dass festhalten anbdee Politik, es ist ein gut bezahlter Job, es gibt viele Begünstigungen und die gesellschaftliche Stellung sollte auch dazu gezählt werden. Betrachtet man die letzten Ereignisse, die dieses Jahr in Deutschland bisher geprägt haben, Datendiebstahl, am besten wäre es wohl, wenn der staatsschutz ermittelt hätte, den Angriff auf einen Politiker, zwar nicht durch Zuhilfenahme einer Waffe, aber stark genug, dass er bewusstlos wurde.
    Es wirkt so, als ob sie sich für etwas besonderes halten, obwohl viele Meinungen eher in die Richtung gehen, alle Menschen der Nationen sind gleich, ob Mann oder Frau oder Divers, alle haben die gleichen Rechte und sollen gleich behandelt werden … dies wirkt aber nicht so.
    Jeder ghat at das Recht auf eine Meinung, außer sie ist zu unbedeutend, wir wollen Teilnahme an der Politik, da es mittlerweile manchmal nicht mehr nachvollziehbar ist, wieso unsere Politik eben diese und jene Entscheidung getroffen haben … manchmal wirkt es so, dass die Wirtschaft mehr Einfluss auf die Politik besitzt, als der Souverän, der Bürger.
    Wieso werden linke und rechte immer agressiver odee extremer … ich denke dies ist ein Trugschluss, es gibt diejenigen, die weniger Mitspracherecht besitzen, weil ihre Meinungen kein Gehör finden, da es kein mehrheitsfähigen Beschluss für siese Position gibt.
    Welche Möglichkeiten gibt es?
    Basisdemokratie? Zersplitterung der Politik?
    Mit beisen haben wir schlechte Erfahrungen gemacht, mit der Zersplitterung zumindest gibt es neue Erfahrungen, die EU.

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    Wilfried

    Die haben es sich bequem gemacht im warmen Politiker Bett

  7. avatar
    Sno

    Ich würde sagen Volksvernichtungs Parteien, müssen in der Versenkung verschwinden

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    Helmut

    Die Zeit der verlogenen Altparteien, ist vorbei

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    Christian

    @Eingangsbeitrag: Da Sie der neoliberalen Agenda folgen die sich gegen die Mehrheit der Bürger richtet, haben sich die Parteien selber überflüssig gemacht. Also ja!

  10. avatar
    Hermann

    Die Ära der Volksparteien ist lange vorbei. Die Zergliederung der Gesellschaften in Gruppen, die kaum größer sind als das Individuum selbst, hat dazu geführt. Und mit dieser Zersplitterung ist auch die sog. Sozialdemokratie gestorben. Denn diese lebte von der Solidarität untereinander. In fast allen europäischen Ländern hat man dies bereits begriffen. Nur Deutschland und Frankreich sind, wie immer, etwas langsamer von Begriff.

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