Wissenschaft war schon immer Fluch und Segen für die Menschheit. Mit jeder neuen Erfindung gibt es Befürworter und ebenso viele Gegner. Mit dem wissenschaftlichen Fortschritt gehen immer wieder ernsthafte ethische Fragen einher. 1998 wurden zum ersten Mal menschliche Stammzellen von einem Embryo entnommen und in einem Labor gezüchtet. Es folgte ein riesiger Aufschrei und Forschungseinschränkungen und Verbote. In der Europäischen Union ist die Forschung an embryonalen Stammzellen unter anderem in Schweden, Finnland, Belgien, Griechenland, England, Dänemark und den Niederlanden erlaubt. In Deutschland, Österreich, Irland, Italien und Portugal ist es hingegen illegal.

Stammzellenforschung ist ein vielversprechendes Forschungsfeld, das möglicherweise zur Heilung oder neuen Behandlungsmethoden für eine Reihe von Krankheiten führen könnte, darunter Parkinson, Diabetes, Leukämie und Herzkrankheiten. Im Normalfall werden Stammzellen von vier bis fünf Tage alten Embryonen (Blastozyten) entnommen, die bei der künstlichen Befruchtung nicht verwendet werden.

Es geht auch ohne Embryonen. Für die Stammzellenforschung können auch „erwachsene“ Stammzellen entnommen werden, z. B. aus Knochenmark oder Blut. Im Gegensatz zu embryonalen Stammzellen können sie aber nur eingeschränkt verwendet werden, weil sie „vorbelastet“ sind. Es gibt mittlerweile Forschungsfortschritte in die Richtung, dass erwachsene Zellen genetisch so „programmiert“ werden, dass sie sich wie embryonale Stammzellen verhalten, womit der Streitpunkt um das Thema entfiele.

Was sagen unsere Leser? Patrick findet es wichtig, dass wissenschaftliche Forschung richtig reguliert wird. Er sagt aber auch, dass man bestimmte Forschungen nicht komplett verbieten sollte, wenn sie Leben retten kann. Bringt es überhaupt etwas, wenn einige EU-Länder bestimmte Forschungszweige und Studien wie GVO, Klonen von Tieren und Forschung an embryonalen Stammzellen verbieten oder einschränken, während andere dies nicht tun? Schädigt es die wissenschaftliche Forschung in Europa insgesamt?

Das haben wir den EU-Kommissar für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit Vytenis Andriukaitis gefragt.

Patrick spricht ein sehr ernstes Thema an. Zunächst ist zu sagen, dass es falsch ist, jegliche Art von Forschung verbieten zu wollen. Natürlich können überlegen, wie wir Forschung besser regulieren können. Wir können die wissenschaftliche Gemeinschaft einladen, ihre Ansichten zu teilen, welche Regeln es braucht, um negative Konsequenzen oder ethische Dilemma zu vermeiden. Die Geschichte der Wissenschaft zeigt, dass es nichts bringt, Fortschritt aufhalten zu wollen. Wie zum Beispiel Andreas Vesalius, der während der Renaissance als Erster begann Leichen zu sezieren. Die Kirche war natürlich dagegen, also entschied er sich, es heimlich zu tun und präsentierte die erste Zeichnung der menschlichen Anatomie. Können Sie sich heutzutage eine Operation vorstellen, ohne dieses Wissen zu haben? Oder die Entdeckung Galileos und die Entscheidung, [seine Forschung] zu verbieten.

Wissenschaft heute ist komplex und anspruchsvoll. Es braucht oftmals eine breite Mehrheit, um eine Sache zu unterstützen. In China gibt es einen Forscher, der behauptet, er habe die Gene von menschlichen Embryonen erfolgreich modifiziert. Es hat sofort breite Kritik der wisenschaftllichen Gemeinschaft gehagelt, dass ein Wissenschaftler diese Art von Forschung nicht selbst durchführen kann, da dies ethisch sehr kompliziert ist und viele Gefahren verursachen kann. Das bedeutet, dass wir über einen breiten Regelungsrahmen, international anerkannte Regeln, Verfahren usw. verfügen müssen und entscheiden müssen, welche Methoden akzeptabel sind und welche nicht, aber immer im Hinterkopf behalten, dass die Wissenschaft einen saubere Linie braucht und Verbote von Technologien wie GVO, das Klonen von Tieren, embryonale Stammzellforschung usw. nicht hilfreich sind. Sie können neue Sichtweisen aus wissenschaftlicher Sicht nicht aufhalten, und ich denke, wir müssen alle Mitgliedstaaten dazu anhalten, diese Fragen zu diskutieren und solche Verbote nicht zu erlassen.

Warum verlieren wir unsere Wettbewerbsfähigkeit und Attraktivität im Bereich Innovation? Weil wir viele Verbote haben, die nicht gerechtfertigt sind. Wir müssen uns gut überlegen, wo wir sehr strenge Regeln und Moratorien einführen wollen und wo nicht. Es gibt nicht genug wissenschaftliche Erkenntnisse, aber wir können wissenschaftliche Methodik anwenden, wobei Transparenz, ethische Verhaltensregeln und die Berücksichtigung von Verhaltensweisen im Auge behalten werden eine breite wissenschaftliche Gemeinschaft einbeziehen

Ein weiterer Kommentar kommt von unserer Leserin Jae, die argumentiert, dass es viel Diskussion um den Einsatz von embryonalen Stammzellen gibt, aber wenig Widerstand gegen die Verwendung adulter Stammzellen. Sie fragt sich, ob es möglich ist, adulte Stammzellen so zu „programmieren“, dass sie als Embryonalzellen fungieren und sie stattdessen verwenden. Ist das möglich?

Das haben wir Manuela T. Raimondi gefragt, Professorin für Bio-Ingenieurswesen und Leiterin des Mechanobiology Lab und des Interdepartmental Live Cell Imaging Lab an der Polytechnischen Universität Mailand.

Seit der Entdeckung der Möglichkeit zur „Reprogrammierung“ von erwachsenen Zellen vor einigen Jahren ist die ethische Kontroverse um die Forschung mit embryonalen Stammzellen gelöst, da umprogrammierte Zellen als Embryonalzellen fungieren und in der Forschung bereits intensiv als Ersatz für embryonalen Stamm verwendet werden.

Unser Leser Fable argumentiert, dass die Diskussion um die Stammzellenforschung sich nicht um Moral oder Menschenrechte dreht, sondern um das fehlendes wissenschaftlich Verständnis der Bevölkerung. Hat er Recht?

Ja, er hat Recht. Die Wissenschaft und Technologie der biologischen Manipulation entwickelt sich schneller als die bioethischen Regeln, die die Kultur der Bevölkerung in diesem Bereich beeinflussen. Zum Beispiel wären umprogrammierte Zellen, die jetzt als Ersatz für embryonale Stammzellen verwendet werden, niemals ohne das Wissen aus jahrzehntelanger Forschung in der embryonalen Stammzellbiologie entdeckt worden. Die Verbreitung der wissenschaftlichen Ergebnisse an die Öffentlichkeit spielt eine entscheidende Rolle bei der Förderung der Kultur auf diesem Gebiet.

Unterstützt du Stammzellenforschung? Geht es in der Debatte um Ethik und Moral oder eher um ein mangelndes Verständnis für Wissenschaft unter der Bevölkerung?

Foto: (c) BigStock – Eraxion 
Portraits: Manuela T. Raimondi – (c) Gerald Bruneau

 

Dieser redaktionell unabhängige Beitrag wurde finanziell von der Fondazione Cariplo unterstützt. Mehr Info unter unserem FAQ.
Fondazione Cariplo


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    Bjonam

    Absolut. Die EU darf in der Forschung nicht abgehängt werden.

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