Liegt die Ära politischer Korrektheit bereits hinter uns? Politische Korrektheit wird seit Jahren dafür verantwortlich gemacht, die Meinungsfreiheit zu beschränken oder zu verhindern, dass die Menschen sagen, was sie wirklich denken. Mit dem politischen Auftrieb Donald Trumps in den USA und dem Erfolg populistischer, einwanderungsfeindlicher Politiker in ganz Europa, kann man überhaupt davon sprechen, dass diese Menschen in ihrer Redefreiheit beschränkt werden? Es wirkt eher, als ob Politiker heutzutage darum konkurrieren, wer am offensivsten ist.

Um die Flüchtlingskrise in Europa näher zu betrachten, haben wir das Projekt „Cities & Refugees“ gestartet. Das Ziel: ein europaweiter Dialog zwischen Bürgern, Asylbewerbern, NGOs, Politikern und europäischen Führungskräften. Ein besonderes Augenmerk legen wir dabei auf die Verbindung zwischen dem alltäglichen Leben der Menschen in Städten und Gemeinden und den Entscheidungen, die in Brüssel und anderen europäischen Hauptstädten getroffen werden.

Heute liegt unser Fokus auf Amsterdam in den Niederlanden. Die Holländer haben mit Geert Wilders und seiner Partei für Freiheit (PVV) einen streitbaren populistischen Politiker, der nicht viel von politscher Korrektheit hält. Die Politik von Wilders hat in der niederländischen Hauptstadt jedoch nie wirklich Einfluss gehabt. Wie viele europäische Hauptstädte ist Amsterdam seit langer Zeit eine Hochburg der linken politischen Parteien. Sie wird manchmal scherzhaft als die „Republik Amsterdam“ bezeichnet, weil sie gegen den nationalen Trend des Rechtspopulismus geht. Die rechtsextreme holländische Partei für Freiheit (PVV) hat sich bisher nie darum bemüht, dort Kandidaten aufzustellen.

Amsterdam ist eine vielfältige, lebendige Weltstadt. Wie viele Großstädte steht sie vor enormen Herausforderungen wie einer steigenden Bevölkerungszahl, Überlastung der Verkehrssysteme, einer hohen Kriminalitätsrate, wenig erschwinglichen Wohnraum sowie der Zugang zu Schulbildung und Kinderbetreuung. Einige Einwohner Amsterdams sind unzufrieden, in welche Richtung sich die Stadt entwickelt und haben das Gefühl, als könnten sie ihren Unmut nicht öffentlich äußern, ohne als Rassisten gebrandmarkt zu werden. Wie kann man dieses Problem angehen?

Möchtet ihr mehr über Meinungsfreiheit, politische Korrektheit und die Debatte über Flüchtlinge erfahren? Wir haben eine Infografik zusammengestellt.

Was sagen unsere Leser? Bernard beklagt, dass Menschen, die sich besorgt über die Ankunft von Flüchtlingen in Europa äußern, von den Medien als Rassisten abgestempelt werden.

Das haben wir den holländischen Journalisten und Auslandskorrespondenten des beliebten NRC Handelsblad Stéphane Alonso gefragt. Was sagt er dazu?

Das finde ich nicht. Sorgen über Flüchtlinge und insbesondere über unkontrollierte, chaotische Einwanderung nach Europa wie 2015 werden im Allgemeinen sehr ernst genommen. Viele Politiker des gesamten politischen Spektrums zeigen Verständnis für die Sorgen der Bürger über bestimmte Trends und Entwicklungen. Es wurden von den Politikern Untersuchungen über die demographischen Entwicklungen der kommenden Jahrzehnte angeordnet, um zu sehen, welche politischen und sozialen Auswirkungen diese Trends haben werden. Es besteht also ein starkes Bestreben, die Sorgen ernst zu nehmen und sie nicht einfach als „rassistisch“ zu bezeichnen.

Gleichzeitig kann die öffentliche Debatte über Flüchtlinge und Migration schnell hässlich werden. Und wenn das passiert, ist Rassismus nie weit entfernt. Es gibt eine Tendenz, in einigen Ländern mehr als in anderen, Flüchtlinge zu entmenschlichen, was meiner Meinung nach immer beunruhigend ist.

Ein weiterer Kommentar kommt von Cheryl (Leserin aus der USA). Sie sagt, dass sie am Ende von Barack Obamas Präsidentschaft ernsthaft besorgt war, ihre Ansichten öffentlich zu äußern. Dann kam die Wahl 2016 und der Aufstieg eines Kandidaten, den sie frech und politisch inkorrekt fand, jemand der „sein Land wirklich liebte“. Trump gewann die Wahl und wenn sie verfolgt, wie die Medien ihn und seine Unterstützer aufgrund ihrer Ansichten und Handlungen kritisieren, mag sie ihn nur noch mehr.

Diesen Kommentar haben wir an Casper Van der Heijden gestellt, Gründer der niederländischen Stiftung Sharing Perspectives Foundation, die sich für die „Initiierung, Anregung und Erleichterung des internationalen und interkulturellen Dialogs und der Zusammenarbeit“ einsetzt. Was sagt er zu Cheryl?

Ich bin mir nicht sicher, ob ihre Redefreiheit bedroht war oder woher sie dieses Gefühl hat. Scheinbar war es ihr nicht möglich, ihre Gedanken und Meinungen frei auszusprechen, als Obama Präsident war. Sie fühlte sich wahrscheinlich nicht repräsentiert. Sie fühlte sich nicht als Teil des politischen Establishments und fühlte sich ausgeschlossen, weil ihre Meinungen anders waren als vielleicht die progressive Linke oder Obama. Wenn nun jemand an die Macht kommt, der wie Trump weniger politisch korrekt ist, fühlt sie sich endlich gehört, fühlt sich repräsentiert und ist wieder Teil dieses politischen Systems. Ich kann mir also vorstellen, dass, wenn die Menschen Trump dafür kritisieren, nicht politisch korrekt zu sein, fühlt sie sich daran erinnert, wie sie in der Zeit von Obama empfunden hat. In diesem Sinne ist die Tatsache, dass Trump jetzt eine Repräsentation auf der politischen Ebene für diejenigen schafft, die sich nicht repräsentiert fühlen, sehr positiv. Es ist schwer, Trump zu beurteilen; es ist noch früh in seiner Präsidentschaft und ich denke, wir sollten Leute nicht nach ihren Worten, sondern nach ihren Taten beurteilen.

Es ist in gewisser Weise schwierig, dies mit den Niederlanden zu vergleichen, weil das politische System in den Niederlanden komplett anders ist, mit einem Mehrparteiensystem und Koalitionen, die regieren. Was ich sehe, ist, dass wir in den frühen 2000er Jahren in den Niederlanden eine Verschiebung von politisch korrekten Debatten hatten. Zuerst mit Pim Fortuyn in den Umfragen steigen. Er war im Begriff, die Wahlen zu gewinnen und wurde dann von einem Linken Extremisten getötet. Danach haben wir den Aufstieg von Geert Wilders beobachtet, dafür bekannt, dass er auch sehr „politisch inkorrekt“ ist. Er hat konstant über die letzten 10-15 Jahre immer um die 10 bis 15% der Stimmen erhalten. Es ist klar, dass er einen bestimmten Teil der Wähler repräsentiert, der sich nicht repräsentiert fühlt. Bei seiner ersten Wahl waren, glaube ich, ein großer Teil seiner Wähler Menschen, die nie zuvor gewählt haben. Es gibt also dieses Element der Repräsentation, das ich für fair halte. Wenn wir alle versuchen, diese polierten, politisch korrekten Debatten fortzusetzen, schließen wir Menschen aus, die wir nicht ausschließen sollten.

Was sagt der Journalist Stephane Alonso zu Cheryl?

Jeder hat das Recht, seine Meinung frei zu äußern und wenn Cheryl das Gefühl hat, das sie das nicht kann, ist das ein Problem. Aber Meinungsfreiheit ist nicht gleichzusetzen mit politischer Unkorrektheit. Ich würde sogar soweit gehen zu sagen, dass politische Korrektheit in Maßen unsere soziale und kulturelle komplexe moderne Gesellschaft zusammenhält. Es kann zur Meinungsfreiheit beitragen und sicherstellen, dass alle, einschließlich der Minderheiten, in der Debatte eine Stimme haben. Die niederländische politische Debatte ist in letzter Zeit sehr grob und unhöflich geworden und ich bin mir nicht sicher, ob dies dazu beiträgt, Probleme des täglichen Lebens zu lösen. Ich würde sogar behaupten, dass verbale Rauheit zu einer ärmeren Debatte und schlechteren Politik geführt hat, weil Politiker und Bürger Angst davor hatten, ihre Ansichten zu äußern, oder begannen, aggressiver auf aggressive Rhetorik zu reagieren.

Ein weiterer Kommentar kommt von Alexandra. Sie findet, dass Menschen, die denken, dass sie wegen „politischer Korrektheit“ ihre Ansichten über Migration nicht mit anderen teilen können, sehr wahrscheinlich auch Menschen, die sich freuen, vulgär, rassistisch, erniedrigend und beleidigend gegenüber anderen Menschen zu sein. Laut Alexandra ginge es nicht darum, politisch korrekt zu sein, sondern darum, ein „anständiger Mensch“ zu sein.

Was sagt Casper Van der Heijden dazu? Stimmt er ihr zu?

Dem widerspreche ich. Ganz im Gegenteil, ich finde das eine sehr gefährliche Meinung. Laut Alexandra haben nur diejenigen einen Platz in der Debatte, die sich an „ihre“ Spielregeln halten, die ihre Sprache sprechen. Nur mit diesen Menschen will sie eine Diskussion führen. Ich finde das gefährlich, denn wenn wir per Definition Menschen von einer Debatte anhand der Art und Weise wie sie ihre Gefühle und Emotionen ausdrücken ausschließen, bringen wir sie effektiv zum Schweigen. Wenn wir diese Bedenken ignorieren, machen wir sie nur größer.

Es ist genau dieses Versäumnis, jene Menschen zu erreichen, die ihre Emotionen und Gefühle nicht nach dem „Mainstream“ oder den allgemein akzeptierten Sprachgebrauch ausdrücken können, zu ignorieren, dass das politische Spektrum auf beiden extremen Seiten bedacht werden muss, um Aufmerksamkeit zu gewinnen. Das ist es, was gerade passiert. Wir versäumen es, diesen starken Emotionen einen Raum zu geben und bezeichnen sie als „rassistisch“. Das erzeugt Frustration, da wir nicht zuhören, weil wir ihre Art und Weise zu diskutieren verachten. Ich denke, das Einzige, was wir von Leuten in einer Debatte oder Diskussion erwarten können, ist, dass sie uns zuhören. Aber im Gegenzug müssen wir auch ihnen zuhören.

Werden „besorgte Bürger“ als Rassisten abgestempelt? Oder verstecken sich manche dahinter, gegen politische Korrektheit aufzustehen, um ihre rassistischen Ansichten öffentlich zu machen? Was ist deine Meinung?

Foto: (c) / BigStock – vchal
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Dieses Projekt wurde mit Unterstützung der Europäischen Kommission finanziert. Die Verantwortung für den Inhalt dieser Veröffentlichung trägt allein der Verfasser, die Kommission haftet nicht für die weitere Verwendung der darin enthaltenen Angaben.


5 Kommentare Schreib einen KommentarKommentare

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    Daniel Fechner

    Alle in einen Topf zu werfen, wie es manchmal in Deutschland passiert halte ich für gefährlich (Bsps. Jeder der die AfD wählt ist ein Rassist, da er Rassisten wählt).
    Allerdings gibt es definitiv auch manch einen der sich dahinter versteckt, um seine rassistische Einstellung in der Welt zu verteidigen (Bspw. Viele Ansprachen mit „Das wird man ja wohl noch sagen dürfen“ oder „Ich bin ja kein Nazi, aber… „).
    Um meine Meinung zusammenzufassen, ja, besorgte Bürger werden zunehmend als Rassisten verunglimpft, doch sollte man rassistische „Aussagen“ trotzdem verurteilen, nur bei der Person sollte man sich etwas zurückhalten.

  2. avatar
    Nardo

    Manche zu unrecht, manche zurecht. Verallgemeinerung sind im Grunde immer Scheiße

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    Thorsten

    Ich hab leider so meine Schwierigkeiten in Debatten mit diesen Leuten… Sehr oft fühle ich mich einfach blos mit aggression und Frust konfrontiert, die mit an den Haaren herbeigezogenen Infos gespickt werden… Da fällts mir schwer unvoreingenommen zu bleiben. … Leider hat das im Endeffekt dazu geführt, das ich solche Diskussionen wenn möglich nicht beiwohne. Ich hoffe, das sich das in einigen Monaten (Jahren?) wieder ändert..

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    Martin

    Wenn sich jemand darüber äußert, dass er persönlich bedenken hat, ist er für mich kein Nazi, das ist dann nun mal seine Wahrnehmung. Wenn einer aber sagt „die“ vergewaltigen „unsere“ Frauen, verallgemeinert er in unangemessener Weise. Dann ist er zumindest ein Idiot, gegebenenfalls auch ein Nazi.

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    niklant

    Wenn eine Nation sich gegen eigene Bürger stellt, deren Frauen und Kinder nicht mehr schützt und dann bei Urteilen wie Totschlag, Vergewaltigung und Mord Bewährungsstrafen bzw. die niedrigsten Strafen ausspricht, der weiß genau wovon er spricht. Deutsche Medien verschweigen ständige Überfälle auf Menschen in diesem Land. Asylsuchende bilden Gruppen und nehmen sich alles was sie wollen, auch das Recht ! Ich habe selber schon Kritik geäußert, die nicht beantwortet werden konnte, aber deshalb bin ich nicht Rechtsradikal oder Nazi. Die Beiträge hier erscheinen für normale Menschen schöngeschrieben.

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