Was machen wir, wenn unsere Medikamente nicht mehr wirken? Antibiotika-resistente Keime verursachen schätzungsweise 25.000 Todesfälle jährlich in der EU sowie 1,5 Milliarden Euro an Gesundheitskosten und Wirtschaftsverlusten. Und das Problem wird schlimmer: Die Weltgesundheitsorganisation warnt davor, dass wir auf eine Zukunft zusteuern, in der Antibiotika wirkungslos sein werden.

Die Entdeckung von Antibiotika im 20. Jahrhundert hat die moderne Medizin revolutioniert, aber der falsche Einsatz dieses Medikaments hat dazu geführt, dass sich neue Bakterienstämme entwickeln, die gegen die Behandlung resistent sind. Wenn uns das Antibiotika wegfällt, könnten einfache Infektionen lebensgefährlich sein und Routineoperationen wie die Entfernung des Blinddarms oder ein Kaiserschnitt tödlich enden.

Unser Schwester Think tank Friends of Europe veranstaltet im November zwei Events zur Nachhaltigkeit des europäischen Gesundheitssystems; Smart (dis)investment choices in healthcare und Sustainability of healthcare. Zudem findet vom 12.-18. November die World Antibiotics Awareness Week und der European Antibiotics Awareness Day statt.

Was sagen unsere Leser? Sam argumentiert, dass so genannte „Superbakterien“ (Mikroben, die extrem oder vollständig resistent gegen Medikamente sind) aufgrund unseres übermäßigen Einsatzes von Antibiotika auf dem Vormarsch sind. Hat er Recht? Und wenn ja, was ist Plan B? Könnte ein stärkerer Fokus auf Krankenhaushygiene und Infektionskontrolle eine Teillösung sein? Welche neuen Technologien gibt es, um Antibiotika zu ersetzen?

Das haben wir Christian Franken gefragt, Chef-Pharmazeut bei DocMorris, der niederländischen Online-Apotheke.

Das Risiko einer Antibiotikaresistenz und der Entwicklung von Superbakterien (multiresistenten Bakterien, die gegen verschiedene Antibiotika immun sind) ist groß. Antibiotika wird definitiv zu häufig und oftmals fälschlich eingesetzt. Die Einführung neuer Antibiotika wird den Kampf gegen Antibiotikaresistenz nicht alleine gewinnen. Wir sollten daher bestrebt sein, den Einsatz von Antibiotika in allen Bereichen so gering wie möglich zu halten.

Es gibt zahlreiche Maßnahmen und Bemühungen der Europäischen Union, den Einsatz von Antibiotika zu reduzieren. Diese müssen stringent verfolgt und weitentwickelt werden. Zum Beispiel sollte der Einsatz von Antibiotika in der Tierhaltung nur zur Behandlung von Infektionskrankheiten und auf ein notwendiges Minimum beschränkt werden; es sollten nationale Grenzziele für den Einsatz von Antibiotika festgelegt werden und der Einsatz von Alternativen wie Impfungen, Probiotika, Präbiotika, Bakteriophagen und organischen Säuren gestärkt werden. Es müssen landwirtschaftliche Praktiken eingeführt werden, durch die die Einfuhr und Verbreitung von Krankheiten in landwirtschaftlichen Betrieben verringert wird; alternative Haltungssysteme, die mit einem reduzierten Einsatz von Antibiotika zurechtkommen können; Sensibilisierung für das Thema Antibiotikaresistenz auf allen sozialen Ebenen, insbesondere aber bei Tierärzten und Landwirten.

So genannte „Reserve-Antibiotika“ sollten ausschließlich für schwere Infektionen verwendet werden. Diese werden in der Regel nur in Krankenhäusern zur Bekämpfung schwerer Infektionen eingesetzt, die aufgrund einer Resistenzentwicklung nicht mehr auf die empfohlenen Antibiotika ansprechen.

Für eine weitere Perspektive haben wir Sams Frage auch Thomas Van Boeckel gestellt, Forschungsprofessor an der Eidgenössischen Technischen Hochschule (ETH) in Zürich, deren Forschungsschwerpunkt antimikrobielle Resistenz umfasst. Was sagt er dazu?

Ich glaube ein einziger Plan „B“ wird nicht ausreichen. Tatsächlich gibt es nicht den einen „Plan B“ zur Behandlung von Infektionen; wenn wir Antibiotika als Wirkstoff verlieren, dann verlieren wir es. Aber es gibt viele Alternativpläne, um Infektionen zu verhindern. Dazu gehören in der Tat auch verbesserte Hygienemaßnahmen, wie die Verbesserung der Wasserhygiene, der Bau öffentlicher Toiletten in Ländern mit einer hohen Belastung durch Infektionskrankheiten sowie die Verbesserung der Hygiene in landwirtschaftlichen Betrieben.

Ich denke, dass in Ländern, die nicht so ein großes Hygieneproblem haben, der einfachste Weg zur Reduzierung der derzeit von uns verwendeten antimikrobiellen Mittel darin besteht, die Impfabdeckung zu verbessern. Und ich denke, wir sollten wirklich an Investitionen in potentiell teure Impfstoffe denken, weil die Vorbeugung [durch Impfung] immer noch viel günstiger wäre, als sich auf die antibiotische Tretmühle zu verlassen und weiterhin immer teurere antimikrobielle Mittel zu finden, was nicht nachhaltig ist, weder aus der Perspektive der öffentlichen Gesundheit noch aus einer finanziellen Perspektive.

Außerdem haben wir Wolfgang Philipp, Abteilungsleiter für Krisenmanagement und Gesundheitsvorsorge der Generaldirektion für Gesundheit und Nahrungsmittelsicherheit der Europäischen Kommission gefragt. Was sagt er zu Sams Kommentar?

Die Anzahl der Infektionen durch sogenannte „Superbakterien“, die gegen viele Antibiotika resistent sind, nimmt zu. Bislang gibt es relativ wenige Infektionen durch Bakterien, die gegen alle bekannten Antibiotika resistent sind, aber extrem resistente bakterielle Infektionen treten häufiger auf. Zum Beispiel gab es kürzlich eine Person, die an Durchfall starb, welcher extrem widerstandsfähig war. Ein anderes Beispiel ist die extrem resistente Tuberkulose, die wir auch XDR-TB nennen. Das ist ein großes Problem in vielen Teilen Europas. Zudem kämpfen viele Länder mit einer ansteigenden Anzahl von Fällen mit multiresistenter Enterobacteriaceae, ein Bakterium, das man im Darm findet. Viele Länder haben mit dieser Art von Infektion zu kämpfen. Resistente Infektionen verursachen mehr als 25.000 Todesfälle pro Jahr in der EU und haben enorme wirtschaftliche Auswirkungen.

Um der Situation entgegenzuwirken, gibt es den EU-Aktionsplan zur Bekämpfung der Antibiotikaresistenz. Das bringt mich zurück zu der Frage nach neuen Technologien. Das ist ein zentraler Teil dieses Plans. Die EU investiert beispielsweise große Summen in die Erforschung neuer Antibiotika sowie Alternativen zu Antibiotika wie Phagentherapien, nicht-medikamentbasierte Infektionsprävention und Impfstoffe sowie bessere Diagnostik. Die Erforschung neuer Behandlungen – obwohl dies sicherlich unerlässlich ist – ist nur ein Teil der Antwort. Wir müssen auch den unnötigen Einsatz von Antibiotika bei Menschen und Tieren reduzieren, um das Auftreten von „Superbakterien“ zu reduzieren oder zumindest das Risiko der Entstehung solcher Superbakterien zu reduzieren. Gleichzeitig müssen wir die Infektionsprävention und -kontrolle verstärken, um das Infektionsrisiko zu reduzieren.

Sollten wir den Einsatz von Antibiotika deutlich reduzieren? Und was ist unser „Plan B“, wenn wir wirksame antimikrobielle Medikamente verlieren? Schreibt uns eure Meinung und wir teilen sie den politischen Entscheidungsträgern und Experten Europas mit.

Foto: (c) BigStock – Tyrannosaurus 
Portrait: Christian Franken (c) DocMorris N.V.


4 Kommentare Schreib einen KommentarKommentare

Was denkst du?

  1. avatar
    Tilo

    Auf jeden Fall! Besonders in der Viehzucht.

  2. avatar
    Daniel Fechner

    Neben dem richtigen Einsatz von Antibiotika (Einsatz wie vorgeschrieben und nicht ein bisschen um Infektionen vorzubeugen/Bspw. Viehwirtschaft).
    Außerdem sollte bekannt werden, was antibiotika resistente Keime sind, nicht wie der volksmund behauptet, Antibiotika wirken nicht, sondern nur die gängisten und billigsten sind wirkungslos.
    Also könnte beispielsweise eine weiterentwicklung der Antibiotika (neue Antibiotika!) Abhilfe schaffen, doch solange mit den neuen wieder falsch umgegangen wird, wird ihre Wirksamkeit ebenfalls abnehmen.
    Andererseits könnte man auch die Hygiene und die körpereigenen Abwehrkräfte unterstützen/stärken, neue Imfungen oder dergleichen entwickeln und gesünder leben.
    Ein kleines Wort zum Schluss:
    Leute, schmeißt nicht genommene Antibiotika nicht weg, sondern verwendet sie bis nichts mehr übrig ist, niemand nimmt das Auto um ans Meer zu fahren und läuft die letzten 20 km zu Fuß.

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