Gibt Dänemark seine liberalen, demokratischen Werte auf? Die dänische Regierung will mit einigen sehr fragwürdigen Wertegesetzen gegen die sogenannten “Ghettos”, Stadtviertel mit einem hohen Migrations-, Arbeitslosen und Kriminalitätsanteil, vorgehen. Es gibt 25 solcher designierten Ghettos in Dänemark, die etwa 60.000 Menschen behausen. Die Kritik hagelt, weil die dänische Regierung diese Menschen nach ihrem Migrationshintergrund anders behandeln will, auch wenn sie dänische Staatsbürger sind.

Kritiker sagen, die neuen „Anti-Getto“- Gesetze sind diskriminierend und gefährden die Integrationsbemühungen mehr als dass sie helfen. Befürworter argumentieren hingegen, dass die Maßnahmen die Entwicklung von „Parallelgesellschaften“ in Dänemark verhindern würden und sicherstellen würden, dass alle dieselben Grundprinzipien, Werte und Sprachen teilen.

Sind die dänischen „Anti-Ghetto“-Gesetze falsch? Die Strategie umfasst einen umfangreichen Investitionsplan für die 25 Problemviertel sowie eine Reihe neuer Maßnahmen, um sie für ethnische Dänen attraktiver zu machen und Menschen mit Migrationshintergrund zu ermutigen, sich im ganzen Land zu bewegen und zu zerstreuen. Eine der umstritteneren Maßnahmen sieht vor, dass Kinder, die in diesen Gegenden leben (die sonst mit einem Elternteil oder einer Pflegeperson zu Hause bleiben könnten, bis sie alt genug sind, um in die Schule zu gehen), mindestens 30 Stunden pro Woche nach ihrem ersten Geburtstag Kinderbetreuung besuchen müssen.

Was sagen unsere Leser? Paul glaubt, Kinder von Einwanderern in jungen Jahren verpflichtend in die Kinderbetreuung zu schicken, sei ein guter Weg, um sie (in seinen Worten) zu „reprogrammieren“, um sie der europäischen Kultur anzupassen. Ist diese Politik diskriminierend und illiberal? Oder ist es ein guter Weg, die Integration zu unterstützen und soziale Probleme anzugehen, die Kinder mit Migrationshintergrund unverhältnismäßig betreffen?

Das haben wir Martin Ågerup gefragt, Präsident des Zentrums für politische Studien (CEPOS), einer dänischen Denkfabrik, die eine liberale, freie Marktphilosophie vertritt. Was sagt er zu dem neuen Gesetz?

Lassen Sie mich zunächst darauf hinweisen, was dieses neue Gesetz in diesem Bereich bedeutet: Eltern, die ihre Kinder nicht im Alter von einem Jahr erst in die Kita und dann in den Kindergarten schicken, verlieren bestimmte Transferzahlungen. Es ist also kein direkter, sondern indirekter Zwang, ich finde es aus mehreren Gründen immer noch problematisch. Kinder gehören nicht dem Staat. Eltern sind für ihre Kinder verantwortlich, es sei denn, sie erweisen sich als unfähig, dieser Verantwortung nachzukommen. Hinzu kommt, dass dieser indirekte Zwang nur für Bürger in bestimmten Bereichen gilt, die als eher problematisch eingestuft werden, den sogenannten „Ghettos“. So gilt das Gesetz des Landes für verschiedene Bürger unterschiedlich auf der Grundlage ihrer Heimatadresse.

Was ich grundsätzlich unterstütze, ist das Ziel, Kinder von Einwanderern, deren Kulturen sich sehr von unseren eigenen unterscheiden, sollten in gewisser Weise assimiliert werden, einschließlich Dänisch fließend lernen, sich an die Gesetze des Landes halten und die dänische Kultur verstehen. Es ist jedoch paradox und wahrscheinlich kontraproduktiv, dies durch einen Top-Down-Prozess zu erreichen, bei dem einige der Prinzipien der liberalen Demokratie in Frage gestellt werden.

Für eine andere Perspektive haben wir diese Frage auch Mina Jaf gestellt, Gründerin und Direktorin der Nichtregierungsorganisation Women Refugee Route. Geboren im irakischen Kurdistan und nun eingebürgerte dänische Staatsbürgerin. Ewas sagt sie zu Paul?

Ich würde sagen, dass Paul die „dänischen Werte“ ein wenig mehr überdenken muss. Was mir als „dänische Werte“ präsentiert wurden, war die Redefreiheit und das Recht zur freien Entfaltung der Persönlichkeit. Ich würde ihm sagen, dass er sich nicht so sehr darauf konzentrieren sollte, die dänischen Werte zu übertragen, sondern die Kinder miteinzubeziehen, und ihnen zu erklären, was Integration für sie bedeutet und was es heiß, Teil der dänischen Kultur zu sein.

Ein weiterer Kommentar ist von unserem Leser Alfonso. Er lehnt die Idee von „Werte“-Klassen strikt ab, mit der Argumentation, dass sich westliche Länder (einschließlich Dänemark) gar nicht einig darüber sind, was ihre Werte sind. Was sagt Martin Ågerup dazu?

Nun, da ist etwas Wahres dran. Einige von uns sind Sozialisten, die glauben, dass Individuen Opfer von Umständen sind und Hilfe vom Staat brauchen, um ihr volles Potenzial zu erreichen. Andere sind Konservative oder klassische Liberale, die glauben, dass die meisten Individuen gebührenpflichtig, verantwortlich und in der Lage sind, ohne staatliche Einmischung ihre eigenen Entscheidungen zu treffen. Ich wäre nervös, dass solche Werteklassen in dieser politischen Diskussion de facto eine Seite wählen und eine Ideologie eher „dänisch“ als die andere einordnen würden. Ich glaube jedoch, dass es Kernwerte gibt, die fast alle Dänen vereinen können: die Werte der liberalen Demokratie wie Rechtsstaatlichkeit, Privateigentum, freie Meinungsäußerung und Redefreiheit und gleiche Rechte.

Sollten Migranten verpflichtet werden sich zu integrieren? Sind Dänemarks „Anti-Ghetto“- Gesetze falsch? Und was sind eigentlich “dänische Werte”? Schreibt uns eure Meinung!

Foto: (c) BigStock – Polarpx
Portraits: Mina Jaf CC / Flickr – European Parliament


33 Kommentare Schreib einen KommentarKommentare

Was denkst du?

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    Daniel Fechner

    Prinzipiell können zusätzliche Hilfsangebote an Bedingungen geknüpft werden, wenn es sich bei der umstrittenen Maßnahme, die Teil eines Investitionsplans sein soll, um eine solche Bedingung handeln, dann wurde dies so vorgeschrieben.
    Doch denke ich, dass man darüber diskutieren könnte, ob es Alternativen zu diesen Bedingungen geben kann … vor allem in anbetracht dessen, dass der Begriff „Werte“ immer wieder anders definiert werden kann und wird, abhängig davon, wer gerade spricht … und lb man sich selbst dran hält, ist wieder eine andere Frage.

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    Maria

    Für mich ist das eine Grundvoraussetzung um in einem fremden Land zu leben

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    Marcus

    Dass man diese Frage überhaupt stellt ist schon fast ein Unding. Genau deswegen haben wir parallelgesellschaften. Warum die linke Ideologie es toll findet wenn sich Ghettos bilden muss man auch nicht verstehen.

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    Lilian

    Wenn Integration dort bedeutet, dass jeder Ausländrt diese gruseligen roten dänischen Würstchen essen muss, ist Dänemark bald frei von Ausländern jeder Couleur

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      Conny

      Wer das darunter versteht, hat den Sinn von Integration nicht verstanden.

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      Lilian

      Conny, doch….aber die meisten die hier von Integration blubbern meinen Assimilation

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    Markus

    Das diese Frage überhaupt gestellt wird zeigt, das einige absolut keinen Dunst von gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und Sicherheitspolitischen Zusammenhängen haben. Da kann man auch gleich fragen, ob man verpflichtet werden sollte, an einer roten Ampel zu halten.

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    Conny

    Jeder,det sich der Integration verweigert,darf (muss) das Land wieder verlassen. Es ist der mehrfache Beweis erbracht, dass nur kulturell homogene Gesellschaften friedlich und wirtschaftlich stabil sind.

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      Chris

      Nennen Sie doch für diesen „mehrfachen Beweis“ mal ein Beispiel

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    Bernhard

    Nein,die Fordender undankbare Brut kann sich Verkrümeln.Die werden sich nie Integrieren.

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    Kai

    Integration muss gefördert und ganz wichtig auch gefordert werden.

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    Thorsten

    Ich empfinde bestimmte in Dänemark beschlossene Zwänge überzogen. Was ich aber grundsätzlich gut fände, sind leicht zu erreichende Mindestleistungen, die ein/e Migrant/in erbringen sollte, um dafür Leistungen erwarten zu können. Kostenlose Sprachkurse zum beispiel.

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    Giacomo

    In Deutschland müsste man erst mal genug Kita-Plätze schaffen, bevor man irgendjemand dazu zwingt, seine Kinder dahin zu schicken. Und dann müsste auch für alle Kinder gelten. Denn nicht nur Integration muss gelernt werden, sondern auch Toleranz.

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    Hermann

    Allein die Frage ist schon naiv. Die Antwort lautet in jedem Fall: Ja! Sie müssen! Tun sie es nicht, müssen sie wieder weg.

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    Angela

    Integration ist von den meisten Migranten weder erwünscht noch möglich. Unser Wunschdenken hilft nicht sondern verhindert eine ehrliche Analyse. Zwang funktioniert sowieso nicht.

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      Jan

      Angela und ob Zwang funktioniert!

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      Angela

      Nein…Du kannst vielleicht jemanden zwingen zuarbeiten oder zu lernen mit sich angemessen Verhalten riesigem Aufwand, Kontrollen, Sanktionen.. aber jemanden zwingen seine Einstellungen und Überzeugungen ändern kannst du nicht!

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    Julia

    natürlich müssen sich einwanderer/Migranten/asylanten in dem entsprechenden land integrieren. warum diese frage?

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    Mirko

    Die Frage an sich ist grober Unfug! Integration ist eine Bringschuld.

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    Hans

    Was bitteschön soll ‚Integration‘ konket bedeuten? Bayrische Bierseeligkeit, liebe zu Vorgartenzwergen?
    .
    Es reicht wenn jeder in diesem Lande auf dem Boder Verfassung steht, womit die, die das Wort Integration lauthals in den Mund nehmen, damit die größten Probleme haben.

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    Markus

    Man sollte aufhören Asylrecht bzw. Asylgesetze und Einwanderungsgedetze getrennt zu betrachten. Diese bilden für mich eine unzertrennliche Einheit.
    Wer gut integriert ist, sollte auch eingebürgert werden und somit bleiben dürfen. Wer aber sich einer Integration aus welchem Grund auch immer verweigert, der sollte dorthin zurückkehren wo er hergekommen ist.
    Im Moment erlebt man in Deutschland das gegensätzliche. Gut integrierte Leben mit der Angst zu jederzeit abgeschoben zu werden und werden dann nachts aus dem Bett geholt und abgeschoben, schlecht integrierte entziehen sich den Behörden und/oder bilden Parallelgesellschaften.

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    Jan

    Hans na klar, was anderes als bierseeligkeit kann ja mit Integration auf gar keinen Fall gemeint sein, völlig ausgeschlossen

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    Daniel

    In einer freien Welt sollte man auch frei leben dürfen … aber ein Land ist eine Gesellschaft, und in einer solchen gibt es bestimmte Regeln mit denen man leben muss, damit es funktioniert, und andere mit denen man leben sollte, damit der andere auch frei leben kann.
    Ein Mindestmaß an Integration sollte verpflichtend sein, zumindest so viel, „dass der Nachbar einem nicht den Hals umdrehen möchte“ (Bildlich gesprochen)
    Außerdem ist dann das Leben viel einfacher

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    Mark

    diese Frage ist wohl ein Witz

    na klar sollten die verpflichtet werden und wenn sie nicht mitziehen direkt raus damit

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    Ute

    Fragen wie doch erstmal was wir unter Integration verstehen. Davon hängt nämlich die Antwort ab.

    Für mich heißt Integration:
    Bekenntnis zur Verfassung und Anerkennung der Gesetzeslage.
    Beherrschen der Sprache gut genug um am täglichen Leben Teil zu haben
    Anerkennung der staatlichen Autoritäten
    Toleranz gegenüber der Kultur des annehmenden Landes
    Teilhabe an der Gesellschaft dahingehend dass man sich bemüht, auf eigenen Beinen zu stehen.

    Das halte ich in der Tat für einen Minimalkonsens. (Natürlich braucht das erreichen dieser Punkte Zeit und an manchen Stellen auch Hilfe)

    Was ich darunter nicht verstehe:
    Die Heimatsprache innerhalb der Familie aufgeben.
    Die Religion aufgeben.
    Sich in Dirndl und Lederhosen zu kleiden
    Schweinefleisch zu essen
    Weihnachten statt der eignen religiösen feste zu feiern
    ….
    Das ist Assimilation. Das ist nicht nötig und macht das Leben ärmer

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    Sybille

    Wie ist man denn integriert? Wenn man im Garten Steaks grillt oder zu einer Gruppe von Veganern gehört? Muss ein in Dland integrierter Mann einen Bierbauch haben u an der Trinkhalle stehen oder muss er Extremsport machen? Es gibt keine „Leitkultur“ – wir sind alle extrem unterschiedlich!

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    Ulrich

    Jeder versteht unter Integration was anderes. Und Parallelgesellschaft in einer pluralistischen Gesellschaft wo fängt das an, Punks Hippies etc oder beziehen sich diese Begriffe prinzipiell nur auf Ausländer. Sind Deutsche auf Mallorca integriert?

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    Taulant

    Ich bin Auslander
    Ich bin Ok mit Ihnen , was Ihr habt gesagen, Natürlich für alles Langsam Langsam

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    Johannes

    Wenn es nicht Verpflichtend ist, ist es nutzlos

  25. avatar
    Lemon

    Es sollte sogar unter Strafe gestellt werden, wenn sich jemand weigert !! Wer als Gast nach Europa kommt, der muss sich unseren Kulturen fügen und sich anpassen, nicht andersrum.. Und wer das nicht möchte, der soll gehen !!

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    Florentin Eisler

    Als mein Mann in Köln umgezogen ist, bei der Bewerbung von Aufenthaltstitel muss er Zeugnis zeigen, dass er einen Integrationskurs teilgenommen hat. Diese Dinge war damals für mich ein bisschen nervig, aber als er der Integrationskurs fertiggemacht hat, kann ich sehen, dass der Kurs für Ausländer sehr hilfreich ist. Man braucht ja Zeit und Geduld zu integrieren, aber es lohnt sich

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