Wie würdest du auf eine Geburtstagskarte der EU zu deinem 18. Geburtstag reagieren? Nicht sehr begeistert? Das würde sich vielleicht ändern, wenn mit der Karte auch ein Bahnticket für eine 1-monatige Freifahrt durch Europa mit im Umschlag läge?

Denn genau das hat die Europäische Kommission nun umgesetzt. In diesem Sommer wurden 15.000 kostenlose Interrail-Tickets von der EU an 18-Jährige in ganz Europa verteilt. Mit dem Ticket können die Empfänger einen Monat lang durch bis zu 30 verschiedene europäische Länder reisen.

Den Interrail-Pass gibt es bereits seit 1972. Er wurde speziell für junge europäische Reisende konzipiert, um einfach und günstig durch Europa reisen zu können. Mittlerweile nutzen mehr als 250.000 Menschen aller Altersgruppen im Jahr den Pass. Er gilt für Bürger und offizielle Einwohner der EU-Mitgliedstaaten, sowie einiger Nachbarländern. Reisende unter 27 Jahren erhalten den Pass zu einem ermässigten Preis.

Die Befürworter des kostenlosen Bahntickets sehen es als Investition. Sie hoffen, dass unter den jungen Menschen die Mobilität und ein gemeinsames Identitätsgefühl angeregt werden, wenn sie ihre Fahrkarten nutzen, um zu reisen und die kulturelle Vielfalt, Geschichte und Geografie Europas kennenzulernen. Kritiker der Freikarten sehen die Initiative hingegen als Geldverschwendung oder sogar als einen offen Versuch, die Unterstützung junger Menschen zu erkaufen.

Was sagen unsere Leser dazu? João, der sich persönlich stark mit Europa identifiziert, glaubt, dass er sich deswegen so sehr als „Europäer“ fühlt, weil er selbst viel gereist ist und dabei viele verschiedene Menschen kennengelernt hat. Für ihn hat dabei Interrail (neben Erasmus und Billigfluglinien wie Ryanair) eine große Rolle gespielt. Wenn also alle jungen Europäer ein 1-monatiges Interrail-Ticket zu ihrem 18. Geburtstag geschenkt bekämen, würde dies unsere gemeinsame europäische Identität stärken?

Die Frage haben wir Vincent-Immanuel Herr, Mitgründer der Initiative FreeInterrail.eu, gestellt. Was sagt er dazu?

Also das ist natürlich ein Grund. Wir sind aus eigener Erfahrung der festen Überzeugung, dass man den eigenen Horizont erst richtig erweitern kann, wenn man das eigene Land und die eigene Komfortzone verlässt, und Neues kennenlernt.

Mein Kollege Martin und ich haben die Interrail-Initiative gestartet, weil wir auf einer eigenen Europareise festgestellt haben, wie ungleich die Zugänge zu Europa sind. Es gibt eine große Gruppe junger Menschen, die viel reist –  man kann sie vielleicht auch die „Generation Erasmus“ nennen. Es gibt aber auch einen großen Teil unserer Generation, der nie ins Ausland kommt und daher Europa auch nie persönlich erfährt. Das ist nicht nur individuell schade für sie, sondern auch für die europäische Einigung gefährlich.

Die Europäische Idee basiert ja auf diesem schönen geflügelten Wort: „Einheit in Vielfalt“. Um diese Vielfalt zu verstehen und wirklich schätzen zu lernen, braucht man meiner Meinung nach ein persönliches Erlebnis von Vielfalt. Wenn wir es schaffen, dass alle jungen Menschen in Europa im Ausland unterwegs sind, dort Freundschaften schließen und Vielfalt als eine schöne Sache wahrnehmen und erleben, dann ist das auch richtig gut für die Europäische Integration. Oder man kann es vielleicht andersherum sagen: Wenn wir es nicht schaffen, dass alle EU Bürger Teil dieser Vielfalt sein können, dann ist die Europäische Idee in großer Gefahr.

Populisten in allen EU Mitgliedsländern stellen Vielfalt als Gefahr dar und greifen sie immer wieder an. Fiele das weg, hätten wir deutlich weniger Probleme mit diesen ganzen politischen Randerscheinungen und Debatten, die Europa kaputt machen wollen.

Wir haben zudem mit dem Europäischen Kommissar für Bildung, Kultur, Sport und Jugend, Tibor Navracsics, gesprochen. Wie ist seine Position dazu?

Nicht alle unsere Leser waren so begeistert wie João. Wir bekamen zum Beispiel einen Kommentar von EU Reform- Proactive, der die Idee von kostenlosen Interrail-Tickets für junge Europäer ablehnt. Er sieht die Initiative als ein Werbemittel der EU, um Unterstützung zu erkaufen. Was sagt Vincent-Immanuel Herr dazu?

Weder Martin noch ich arbeiten für die EU, noch haben wir viel mit denen zu tun. Außer, dass sie unsere Idee mittlerweile toll finden. Wir haben keine Beziehung zu den Institutionen, außer dass wir von Europa begeistert sind und natürlich die EU als wichtiges Projekt in Europa unterstützen wollen.

Die Idee für die Initiative stammt von jungen Leuten, die selber auf Reisen waren. Am Anfang waren wir beide allein mit dem Projekt – mittlerweile haben wir ein Team aus vielen verschiedenen europäischen Ländern. Hier schlendern viele junge Leute rein, die sagen: Ist eine super Idee, dafür setze ich mich ein. Es ist also eine zivilgesellschaftliche Initiative.

Zur Geldfrage: Ich glaube man muss das andersherum sehen. Richtig ist, das Programm wird teuer, falls es einmal für alle jungen Leute eingeführt wird. Aber auf der anderen Seite soll mir mal irgendjemand einen Vorschlag machen, wie wir ansonsten für den gleichen Geldbetrag alle zukünftigen Generationen in Europa erreichen. Ich glaube, da wird sich nichts finden lassen. In dem Sinne ist es dann doch günstig, für die 500 Euro pro Person. Wenn man sich überlegt, dass mit dem Geld eine wirklich lebensverändernde Erfahrung im Leben eines jungen Menschen geschehen kann. Und das ist ja das, was wir immer wieder hören von Leuten, die auf Interrail gehen. Die Erfahrung ist ausnahmslos positiv, kann aber leider nur von wenigen Menschen gemacht werden. Wenn wir eine gesamte Generation mobilisieren, ist das doch verhältnismäßig wenig Geld und auch sicher keine Geldverschwendung.

Man kann auch rein wirtschaftlich argumentieren: Überlegt euch mal, was das an Tourismusgeldern und wirtschaftlichem Aufschwung gerade in südlichen und südwestlichen europäischen Ländern auslösen wird. Von daher wird das Programm auf Dauer sogar mehr Geld in die Kassen reinspülen als ausgegeben wird.

Und was sagt EU-Kommissar Tibor Navracsics zu dem Kommentar von EU Reform-Proactive? Sind kostenlose Interrail-Tickets nur ein Versuch, die Unterstützung der Jungend „zu kaufen“?


Sollen alle 18-Jährigen ein Interrail-Ticket bekommen? Würde dies dazu beitragen, dass wir ein stärkeres europäisches Identitätsgefühl entwickeln? Sollen junge Menschen die Möglichkeit haben, zu reisen und andere Kulturen kennenzulernen? Oder wäre dies bloße Geldverschwendung und ein kläglicher Versuch der EU, die Unterstützung der Jungend zu „kaufen“? Was sind eure Gedanken dazu? Diskutiert mit!

Foto: (c) Bigstock / sutthinon

Portrait: Herr (cc) Phil Dera/DIE ZEIT



13 Kommentare Schreib einen KommentarKommentare

Was denkst du?

  1. avatar
    Maria

    Finde ich okay. Aber im Gegenzug für Kinder und Rentner. Es sollte vielleicht überlegt werden ob man das nicht auch in den einzelnen Städteverkehr auch machen sollte

  2. avatar
    Raziel

    Geldverschwendung.
    Besser günstigeren Nahverkehr für Arme und ältere Menschen schaffen!

  3. avatar
    Hans

    Selbverständlich, so läßt sich der europäische Gedanke erfahr- und erlebbar gestalten.
    :)

  4. avatar
    Nicole

    Wer soll das finanzieren? Dann müssten alle Rentner, Kids, Harzer, Geringverdiener usw. auch eins bekommen. Finanziert dann der der arbeitet und sich auch nicht leisten kann zu reisen. Tolle Idee für die Tonne!

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    Daniel Fechner

    Den Gedanken finde ich klasse, doch muss man auch die individuellen Situationen mitbedenken, in denen viele Jugendliche zu der Zeit gerade stecken, erste Ausbildungssuche, schon in der Ausbildung, in einem Job oder sogar noch in der Schule … nicht jeder könnte dies nutzen, somit wäre es dann wohl tatsächlich eine große Geldverschwendung.
    Ein weiteres Gegenargument wären die individuellen Sprachkenntnisse.
    Meine Meinung:
    Nachdem man 18 Jahre alt wird, könnte ein Gutschein ausgestellt werden, den man dann in spätestens 3 Jahren einlösen könnt um sich das Ticket zu besorgen (Kosten könnten bei einer guten Verhandlung mit dem Anbieter reduziert werden, und jeder der Interesse hat, könnte es auch nutzen.)

  6. avatar
    Maria

    Ja! Das wäre großartig! Nichts bildet so gut, wie Reisen und Kontakt zu anderen Kulturen

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