Unser Buch des Monats ist Die grüne Lüge von Kathrin Hartmann. Ob Elektroautos, Lebensmittel, Biosprit oder Kleidung; die Autorin prangert anhand eindrucksvoller Beispiele an, wie vermeintlich nachhaltige Lösungen der Industrie nichts mit Klimaschutz oder Menschenrechten zu tun haben, sondern nur dem Gewinn dienen. Wenn wir als Konsumenten auf den Schwindel hereinfallen, helfen wir der Umwelt und Menschen der „Dritten Welt“ noch lange nicht. Was ist dann aber zu tun, damit sich etwas ändert?

Debating Europes Buchklub ist eure Chance, den Autoren eure Fragen zu stellen! Jeden Monat stellen wir ein relevantes Buch vor und sammeln eure Fragen und Kommentare, um dann die Reaktion des Autors einzuholen.

Es ist natürlich am einfachsten für Politik und Konzerne, dem Verbraucher die Verantwortung für Umweltschutz und Ausbeutung zuzuschieben. Was aber, wenn wir in einem Dschungel aus Siegeln nicht mehr den Durchblick haben und sogar Fördertöpfe staatlicher Stellen letztendlich die Falschen unterstützen? Ihr habt nachgefragt, lest die Antworten der Autorin auf eure Kommentare.

Unser Leser James wollte wissen, welche gesetzlichen Vorgaben bei den grünen Lügen etwas ändern könnten?

Hier sehe ich drei wichtige Blöcke, bei denen Gesetze wirklich etwas ändern würden: die Landwirtschaft, Mobilität und Regeln für internationale Unternehmen.

Die europäische und insbesondere die deutsche Landwirtschaft ist sehr auf den Export ausgerichtet, was wiederum zu einem erhöhten Import von Rohstoffen für die Lebensmittelindustrie führt, die schöne grüne Lügen erzählt – Wenn es in Europa einen höheren Grad der Selbstversorgung gäbe und nicht ein Großteil der Getreideproduktion in die Futtertröge der Viehzucht landete, dann würde sich wirklich etwas ändern. Wir sollten uns also besser selbst versorgen.

Das zweite wäre Mobilität. Eine ganz andere Mobilitätspolitik wäre hervorragend, sie könnte eine weitere grüne Lüge aus der Welt schaffen. Für Klimaschutz muss vor allem der Individualverkehr weniger werden – und dabei meine ich nicht Elektroautos oder Sprit aus Palmöl, womit wiederum neue Klimaprobleme wie mit dem Biosprit entstehen. Ich meine eher, wie schaffen wir autofreie Innenstädte, wie schaffen wir andere Transportsysteme, wie bauen wir den öffentlichen Verkehr für alle erschwinglich und zugänglich aus?

Wenn wir zu den Unternehmen kommen, halte ich die Forderung nach einem UN-Abkommen für richtig, das internationale Firmen dazu verpflichtet, in ihrer Lieferkette beweisen zu müssen, dass es weder zu Menschenrechtsverletzungen noch Umweltzerstörung kommen kann. Vor allem müssen sie auch bestraft werden können, wenn das dann doch geschieht. Das würde auch die Hürden für die Betroffenen aus dem Süden senken, gegen solche Unternehmen klagen zu können. Das ändert nicht alles, es wäre aber ein guter Weg. Freiwillig tun Unternehmen nur, was ihrem Profit nicht schadet, das hilft leider Garnichts. Gesetze könnten etwas ändern.

Leser Boris stimmt Frau Hartmann prinzipiell zu, er meint aber, dass es eher um Quantität als Qualität geht. Er glaubt nicht, dass 7 Milliarden Menschen nachhaltig ernährt werden können, egal welche Maßnahmen ergriffen werden. Hat er recht?

Wie antwortet Frau Hartmann?

Nein, das ist – Gott sei Dank – falsch! Es gibt viele Untersuchungen, nach denen locker bis zu 12 Milliarden Menschen sehr gut ernährt werden können. Ich zucke immer zusammen, wenn ich höre, dass es zu viele Menschen gäbe, wer sollte über ihre Zahl entscheiden? Das Problem ist, dass ein Großteil unserer Lebensmittelerträge in Futtertrögen und Tanks landet. Ein Drittel der eisfreien Fläche wird weltweit für die Fleischproduktion verwendet, das geht natürlich nicht! Ein sehr kleiner Teil der Bevölkerung lebt auf sehr großem Fuß.

Die Kleinbauernorganisationen in den Ländern des Südens kämpfen alle für Ernährungssouveränität. Von der Weltbank wurde ein Agrarbericht initiiert, an dem 500 Wissenschaftlermitgearbeitet haben, der deutlich macht, dass unser aktuelles Agrarmodell zum Scheitern verurteilt ist. Weil die Landwirtschaft hochindustriell ist mit Monokulturen, mit Cash Crops für Biosprit und die Lebensmittelindustrie anstatt, dass die Menschen vor Ort entscheiden, was wollen wir anbauen und was wollen wir essen? Ich war viel in den Ländern des Südens und wann immer ich Kleinbauern getroffen habe, die ihre Vorstellung von Landwirtschaft durchsetzen konnten und darüber solidarisch und demokratisch entschieden haben, ging es den Leuten sehr viel besser als anderswo. Es gibt sehr viele Belege dafür, wie agrarökologische Landwirtschaft möglich ist und auch viel höhere Erträge liefert als die konventionelle Landwirtschaft, die den Boden ruiniert, Pestizide einsetzt und die Bauern in Abhängigkeit von Großkonzernen hält. Es gibt sehr viele positive Beispiele, wie es anders gehen kann. Die wichtige Frage ist nicht, was die Lösung ist – die haben wir längst – sondern, wer die Lösung verhindert! Warum setzten sich nachhaltige Lösungen nicht gegen die Großkonzerne durch? Da ist auch die EU gefragt.

Daniel fragte wiederum, wie man ein Umdenken in der gesamten Bevölkerung bewirken kann, wenn wir uns doch schon alle an unser komfortables Leben gewöhnt haben?

Man wird natürlich nie alle in einer Gesellschaft zum Umdenken bewegen können, aber das Erstaunliche ist – und das hat Daniel gut erkannt – dass es längst keine Aufklärungsfrage mehr ist. Die meisten wissen, dass es so nicht weitergehen kann. Aber statt einer individuellen Änderung der Lebensweise fände ich es viel wichtiger, wenn wir gesellschaftlich in die Macht des Bürgers vertrauen würden. Die Leute müssen sich zutrauen, dass Protest etwas bewirken kann. Das wird man aber nur erreichen, wenn man sich selbst dem Protest anschließt. Ich möchte jeden dazu ermuntern, sich zu emanzipieren und sich umzuschauen. Welche Demo ist interressant, welche Petition kann ich unterschreiben, kann ich mich einer NGO oder Partei anschließen? Eine Strategie, wie man alle zum Umdenken bewegen kann, wird es nicht geben. Das wäre aber auch manipulativ und gefährlich! Ich hoffe darauf, dass viele Leute ihre politische Gestaltungsmacht erkennen und so eine soziale Bewegung entsteht, die etwas ändern will. Das ist wirksam und dabei braucht man auch nicht jeden einzelnen. Diejenigen, die gegen etwas sind, muss man mobilisieren, sich dagegen zu wehren.

Wer verhindert Klimaschutz? Wer verhindert eine nachhaltige Landwirtschaft, Kleiderindustrie und Mobilität? Gibt es längst Lösungen aber niemanden, der sich für ihre Umsetzung einsetzt? Können Bürger und ihr Protest einen Unterschied bei weltweiten Problemen machen? Oder brauchen wir strengere Regeln für die Industrie?

Foto: Pixabay (CC) – lenalindell20; Portrait: Hartmann © Stephanie Füssenich



5 Kommentare Schreib einen KommentarKommentare

Was denkst du?

  1. avatar
    Marcel Maciewski

    Unsere Gesellschaften sind reformierbar. Sozialer ökologischer Wohlstand für alle ist möglich. Nur ist das ausschließlich durch massiven politischen Druck der Bevölkerung möglich. Sonst ändert sich hat nichts, da die Beharrungskräfte des alten Wirtschaftens extrem stark sind.

  2. avatar
    Hanjo

    Würde das Klima nicht dauernd geschützt, ginge es dem Klima auch besser!

  3. avatar
    Hafez

    Einfach mal bisschen weniger Industrie

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