Europa ist gespalten in der Debatte um Flüchtlinge und Migration. In mehreren EU Mitgliedsstaaten ist ein Flächenbrand über die Frage entstanden, was wie gesagt werden darf und was nicht. Politiker und Medien zerreißen sich gegenseitig und werfen sich Populismus und Rassismus vor. Andere Stimmen behaupten, dass die Diskussion mehr und mehr von politischer Korrektheit zensiert wird, und Leuten ihre Meinungsfreiheit genommen wird. Haben sie recht?

In Deutschland scheint die Strategie des Regelbruchs jedoch nicht aufzugehen. Die bayrische Landespartei CSU verliert zurzeit unzählige Mitglieder, weil sie mit rassistischer Rhetorik wie „Asyltouristen“ für Unmut unter ihren Wählern sorgt. Auf die daraufhin aufflammende Kampagne gegen die CSU, reagiert die Partei mit Gegenwehr und stellt sich als Opfer einer Hetzkampagne dar.

Um die Flüchtlingskrise in Europa näher zu betrachten, haben wir das Projekt „Cities & Refugees“ gestartet. Das Ziel: ein europaweiter Dialog zwischen Bürgern, Asylbewerbern, NGOs, Politikern und europäischen Führungskräften. Ein besonderes Augenmerk legen wir dabei auf die Verbindung zwischen dem alltäglichen Leben der Menschen in Städten und Gemeinden und den Entscheidungen, die in Brüssel und anderen europäischen Hauptstädten getroffen werden.

Wir richten unseren Blick auf die Stadt Béziers in Südfrankreich. Béziers hat sich in der Debatte um politische Korrektheit einen Namen gemacht. Der Bürgermeister der Stadt, Robert Ménard, steht in Zentrum einer Reihe von Anschuldigungen und Ungereimtheiten. Unter anderem wurde er zu einem Bußgeld von 2.000 Euro verurteilt für die Aussage, es gäbe „zu viele Muslime” in den Schulen seiner Stadt. Deren Anzahl habe er anhand einer Vornamensliste der Schüler von Béziers ausfindig gemacht. Ménard hat darüber hinaus den einheimischen Dönerläden den Kampf angesagt und sich dabei filmen lassen, wie er syrischen Asylbewerbern sagt, sie „sind nicht willkommen”. Für viele ist Ménard damit zum Verfechter der freien Meinungsäußerung erkoren. Andere sehen in ihm einen Faschisten und Populisten.

Was denken unsere Leser? Yvetta glaubt, dass sich Politiker in ihren Aussagen über Migranten und Flüchtlinge selbst beschneiden, um nicht als “Rassist” dargestellt zu werden. Für sie ist dies „übertriebene politische Korrektheit”. Andererseits hat sich der Ton in den letzten Jahren sicher geändert. Während „Asyltourismus“ noch vor einigen Jahren undenkbar und schockierend gewesen wäre, ist solch eine Worterfindung heute anscheinend kein Tabu mehr.

Als Antwort auf Yvettas Kommentar, haben wir Jean-Philippe Turpin gefragt, er leitet die französische Nichtregierungsorganisation La Cimade, die sich um Flüchtlinge in der Stadt Béziers kümmert. Stimmt er zu, dass politische Korrektheit es schwierig macht, über die Flüchtlingskrise zu diskutieren?

Dem stimme ich zu, in dem Sinne, dass es eine Debatte ist, in der es viele Emotionen gibt und die Menschen sich direkt mit Emotionen in die Debatte einmischen. In der Tat ist das, was sie sagt, nicht völlig falsch, denn wenn wir über Einwanderungsfragen debattieren, reagieren wir emotional darauf. Das ist heutzutage das Problem bei dieser Art von Debatte.

Für eine weitere Perspektive, stellen wir die gleiche Frage an Renaud Camus. Er ist ein umstrittener französischer Schriftsteller, der in seinen politischen Schriften von einem „großen Austausch“ durch die Einwanderung und damit einem Verlust nationaler Kultur ausgeht. Was sagt er dazu? Werden kritische Stimmen durch den Vorwurf des „Rassismus“ zum Schweigen gebracht?

Oh ja! Dem stimme ich definitiv zu! Ich denke, dass Anti-Rassismus viel mehr Zensur schafft als Rassismus selbst, welcher nicht in der Lage ist, irgendjemanden zum Stillschweigen zu bringen. Anti-Rassismus-Zensur ist umso effektiver, weil sie weitgehend intern, internalisiert, in Individuen und Bürgern verbreitet ist. Die Menschen haben nicht nur Angst davor, als Rassisten dargestellt zu werden, sondern sie fürchten sich auch vor ihrem eignen Urteil. Sie wagen es nicht nur zu sagen, was sie denken, sondern es auch nur zu denken. Sie wagen nicht zu sehen, was sie sehen. Sie wagen nicht zu verstehen, was sie verstehen. Sie wagen nicht einmal zu erleiden, was sie erleiden: Verbannung auf der Stelle, Entmachtung, dauerhafte Demütigung.

Grundsätzlich finde ich, dass die Frage der „Rasse“ insgeheim im Zentrum der gesamten ideologischen Debatte und somit der aktuellen Situation steht. Im letzten Jahrhundert wurde diese Frage zweimal missbraucht und gegeißelt. Sie wurde zunächst von Rassisten als Geisel genommen, die es ohne großes Interesse auf wissenschaftliche oder pseudowissenschaftliche Daten reduzierten und es von allen kulturellen und literarischen Dimensionen entgrenzten. Das erkläre ich in meiner Novelle ‚Das Wort „Rasse“‘. Danach wurde die Frage von den Antirassisten gegeißelt, die sich damit begnügten, die Weltanschauung der Rassisten zu stürzen und das genaue Gegenteil zu tun. Wie ich in meinem Buch ‚Die zweite Karriere Adolf Hitlers‘ schrieb – weniger verbrecherisch als das erstere, aber mit noch weiteren Konsequenzen. Rassismus hat Europa ruiniert; Antirassismus oder die Angst, als rassistisch bezeichnet zu werden, macht aus Europa, wie Ihr Leser sagt, ein Elendsviertel: Ein noch immer etwas privilegiertes Viertel – aber nicht für lange Zeit – einer globalen Elendsviertelstadt, der Slumsiedlung.

Als nächstes ein Kommentar von Manuela: Sie sagt, das Problem sei nicht politische Korrektheit, sondern vielmehr das nationalistisch-geprägte Sprachgut von Politikern. Ihrer Meinung nach, benutzen Politiker Nationalismus nur um Stimmen zu gewinnen und nicht, weil ihnen das Interesse der Wähler am Herzen liegt.

Was sagt Jean-Philippe Turpin, von der französischen Pro-Flüchtling und Pro-Migrationsorganisation La Cimade dazu?

Ich würde sagen, dass es komplizierter ist als das. Ich denke, dass Immigration heute ein Thema ist, das es bestimmten Menschen ermöglicht, gewählt zu werden. Es ist also ein Wahlthema, das für die Wahlkampagne sehr interessant ist. Das grundlegende Problem ist, dass diese Menschen diese Frage nicht mit der nötigen Reife und Intelligenz angehen. Einwanderung ist eine Tatsache; es sollte nicht einfach als ein ideologisches Problem betrachtet werden. Also ist es falsch zu sagen, dass es nur nationalistische Rhetorik ist, aber es wird tatsächlich von den Politikern aus Wahlgründen benutzt.

Der Nationalismus nutzt die Ängste der Bevölkerung aus Wahlkampfgründen, aber Angst ist ein schlechter Ratgeber. Das ist das eigentliche Problem. Sie können „für“ oder „gegen“ etwas sein, aber es gibt auch Fakten zu beachten. Die Politik sollte so handeln, wie sie – angesichts dieser Tatsachen – pragmatisch handeln kann. Das sollten die Politiker tun, aber das ist es nicht, was sie tun. Sie schüren allein Ängste vor diesem Thema.

Hier ist die Antwort von Renaud Camus auf diesen Kommentar:

Ich weiß nicht, was Nationalismus wirklich ist und es ist mir eigentlich auch egal. Das Bedürfnis, seine Leute vor dem Verschwinden durch Aussiebung zu bewahren, und sein Land vor der Invasion durch Verschmelzung mit Einwanderern zu schätzen, dieses Verlangen hat nichts mit Nationalismus zu tun. Es ist vielmehr Verzweiflung, Patriotismus, Liebe oder Überlebensinstinkt, entscheiden sie selbst. Wenn sich Politiker auf dieses Bedürfnis verlassen, um Wählerstimmen zu erhalten, gut, schön für sie. Aber nur unter der Prämisse, dass sie nicht die Stimmen verraten, die sie so erhielten.

Schränkt politische Korrektheit die Flüchtlingsdebatte ein?  Oder ist nationalistisches Sprachgut das tatsächliche Problem? Hat Populismus einen vitalen Platz in der Demokratie? Lass uns deine Meinung wissen, diskutiere mit!

Foto: (c) BigStock – hadrian; Portrait: Camus – CC / Flickr – Renaud Camus



12 Kommentare Schreib einen KommentarKommentare

Was denkst du?

  1. avatar
    Daniel

    Nein, da es nicht möglich ist, eine Diskusion zu verhindern da man sich an einige Regeln hält.
    Allerdings wird der Begriff „politische Korrektheit“ missbraucht, auf der einen Seite wird er als Redeverbot dargestellt auf der anderen Seite sehr wohl als solche verwendet.
    Es kann doch nicht sein, dass bestimmte Fragen oder Argumente in der Diskusion nicht mehr verwendet werden dürfen.
    Aber es darf genauso wenig zutreffen, dass es erlaubt sei, andere zu beleidigen oder Unwahrheiten zu behaupten (bspw. Messerschwinger). Auch manche Vergleiche sollten vermieden werden, da sie nur teilweise zutreffen, aber die gesamte Vergangenheit des Begriffs verwendet wird (bspw. Hitler würde AfD wählen).
    In alle Tabus gebrochen wurden … nicht von allen Teilnehmern auf beiden Seiten.
    Wir müssen aufhören in Kategorien zu denken, die anderen in Schubladen abzulegen und einen gemeinsamen Weg finden (Wer nimmt Flüchtlinge auf? Wie wird das finanziert? Was erwarten wir davon? Wie gehen wir gehen Missbrauch vor? Wie ist es mir problematischen Fällen? Bspw. Mehrfach verurteilt, abgelehnter Asylgesuch und nach der Abschiedung durch Suizid das Leben genommen.)
    Fragen über Fragen, und immer noch nicht gibt es eine Antwort.
    Ob die Antwort, die man jetzt finden könnte auch in Zukunft zutrifft, sollte nicht als Grund genommen werden lieber keine Entscheidung zu treffen.

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    Christian

    Da stehen sich zwei Extreme gegenüber: Die Pseudolinke Verbotsbewegung die über allem.möglichen Rede- und denkverbote sowie ihren Schönsprech z.B die völlig überflüssige Genderdsprache errichten möchte, und die völlig entgleisten Rechten die über allem ihrern Hass ausschütten ….

    Beides kann weg….. Danke….

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      Stefan

      ist doch mal ein guter Diskussionsansatz :-)

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    Hans

    Es würde helfen wenn man nicht krampfhaft versucht alles schlechte über Flüchtlinge tot zu schweigen.
    Natürlich ist nicht jeder Flüchtling ein Mörder oder Vergewaltiger aber wenn etwas passiert glaubt doch niemand mehr an einen Einzelfall. Es ist auch nicht jeder ein Nazi der damit ein Problem hat.

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      Nardo

      Und nicht jeder ein linker der keine Menschen im Mittelmeer ersaufen lassen will

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      Hans

      Linker war für mich nie eine Beleidigung. Mittlerweile ist aber leider die Diskussionskultur dermaßen unterirdisch das nur noch radikal gedacht wird. Ich habe kein Problem damit Menschen aus Kriegs- oder Katastrophengebieten hier aufzunehmen. Wenn sich die „geretteten“ aber nicht benehmen können oder bei ihrer Fluchtursache betrügen dann müssen diese auf direktem Wege auch wieder nach Hause geschickt werden können.

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      Matze

      Nardo, ganz ehrlich: Gerade die „linke“ Raison, die indirekt zu diesen Totesopfern führt.

      Kein Mensch hat was dagegen, in Seenot geratene Personen aus dem Wasser zu fischen…das gebietet die Menschlichkeit!

      Aber diese nun Geretteten dann nicht 20km weit zum nächsten afrikanischen Hafen – sondern 300km weit nach Europa zu bringen hat NICHTS mehr mit der vorangegangenen Rettung zu tun. Die war mit der Auflesung beendet.

      Diese Menschen nun nach Europa zu bringen ist ein an die Rettung angeschlossener Schlepper-Akt. Es ist eine eigenständige Handlung, die in KEINEM Zusammenhang mit der vorangegangenen Rettung steht.

      Und so lange Retter diese „Dienstleistung“ im Anschluss der Rettung anbieten, wird es für Flüchtlinge und Abenteurer eine attraktive Option sein ihr Leben mit so einer zum kentern verurteilten Überfahrt zu riskieren. Hunderte Menschen bezahlten diesen Übermut alleine in den vergangenen Wochen mit ihrem Leben!

      Familienväter, Brüder und Söhne die noch am Leben wären, wenn die Linken die Schlepper-Dienstleistung im Anschluss der Rettung nicht anbieten würden.

      Und ich finde es widerlich, wie sich ausgerechnet diese linken Schlepper-Organisationen als Humanisten profilieren und sich feiern lassen für ihre Menschenverachtung. Diesen NGOs geht es nicht darum Menschen zu retten, sondern Europa zu verändern! Auf dem Rücken der Menschen, die dafür ihr Leben gaben…

  4. avatar
    Enrico Meissner

    Ich bin der Meinung, das political correctnes… unsere Fähigkeit des besprechens raubt.
    Es kann nicht sein , das jemand der gegen Massenmigration und No-Go arreas ist und das auch aus Angst davor öffentlich äußert, im privaten oder schlimmer noch im beruflichen Umfeld geächtet wird, nur weil “ man darüber nicht sprechen darf “ und gleich mit der nazikeule geschlagen wird … obwohl wir ja angeblich “ FREIE MEINUNG“ äußern dürfen…
    Wie kann es sein das von Politikern und Gewerkschaften das denunzieren , wieder entdeckt wurde um Heimatliebende Personen zu entdecken und auszuschalten.
    Das sorgt definitiv für gegen Strömungen die sich verstecken und dann los brechen in Bahnen die keiner erwartet hätte .
    Freies reden aussprechen dürfen was mich beschäftigt oder sogar ängstigt ist wichtig und darf nicht erstickt werden nur weil “ Angst kein guter Ratgeber“ sein DARF!!!!

  5. avatar
    Nilza

    Vor lauter politische Korrektheit vertraue ich keinem Europäer mehr. Sie haben verlernt, klar und direkt ihre Meinung zu äußern. Sorry, wir haben fast nur noch Waschlappen.

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    Raphael

    Begrifflichkeiten, die mich endlos nerven: politische Korrektheit.

    Ein Mensch kann sich entweder korrekt verhalten oder nicht. Welches Verhalten als korrekt wahrgenommen wird und welches nicht, hängt natürlich stark vom jeweiligen Umfeld ab, aber meistens dürfte es Konsens sein, dass korrekt ist, was niemanden verletzt, herabwürdigt oder ausgrenzt.
    Wir alle haben die Möglichkeit, uns zu entscheiden, ob wir uns gegenüber anderen korrekt (unter Umständen sogar wertschätzend, aber das verlangt niemand) verhalten oder nicht. Das hat absolut nichts mit Politik zu tun, wie es suggeriert wird. Dadurch, dass der Korrektheit das Wort „politische“ vorangestellt wird, wird der Eindruck vermittelt, es handle sich dabei um eine ernsthaft diskutierbare Option. Natürlich kann man darüber diskutieren, aber wer die sogenannte „politische Korrektheit“ ablehnt, lehnt schlicht und ergreifend Anstand ab.

    “ Politische Korrektheit“ ist der Schlachtruf derer, die keinen Anstand besitzen.

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