Sind wir jetzt alle Populisten? Der Begriff scheint bei hitzigen Debatten in aller Munde und wird oftmals gebraucht, um einen politischen Gegner verstummen zu lassen. Auch neue politische Bewegungen werden schnell herablassend so bezeichnet. Aber was ist Populismus?

Es geht beim Populismus um das „Volk“. Das verbirgt sich schon im lateinischen Begriff. Populisten beanspruchen für sich, nur sie allein wüssten, was der „Volkswille“ ist und wie er umzusetzen sei. Moderne Demokratien sind von Kompromissen geprägt, unterschiedliche Meinungen, auch die von Minderheiten, sollen bei neuen Gesetzen berücksichtigt werden. Das ist natürlich kompliziert. Populisten bieten einfache Antworten auf komplexe Fragen, die sind vielleicht nicht wirklich die Lösung aber verständlich!

In Deutschland wird oft der AfD Populismus vorgeworfen. Aber auch in unseren europäischen Nachbarländern finden sich Beispiele: Viktor Orbàn hat gerade mit rechten Parolen den ungarischen Wahlkampf gewonnen, in Österreich sitzt die rechtspopulistische FPÖ mit in der Regierung und in Polen baut die nationalkonservative PiS Partei gerade das Rechtssystem um.

Diese Entwicklung wird oft als Bedrohung gesehen. Aber was denken unsere Leser? Ivo ist sich zum Beispiel sicher, dass man die „ungewaschene Masse hinter sich bringen“ muss, damit Politik in der Demokratie etwas erreichen kann, sie sei schließlich eine „Mehrheitsveranstaltung“. Das ist für ihn Populismus. Wenn nun populistische Ansichten salonfähig werden, fühlen sich Bürger dann besser vertreten oder darin bestärkt, Populisten zu wählen?

Wir haben uns umgehört und als erste die Europaabgeordnete Terry Reintke gefragt. Was sagt sie zu Ivos Kommentar? Könnte die Politik etwas Populismus vertragen oder ist er gefährlich?

Als nächstes fragten wir Renaud Camus. Er ist ein französischer Schriftsteller, der in seinen umstrittenen politischen Schriften von einem „großen Austausch“ durch die Einwanderung und damit einem Verlust nationaler Kultur ausgeht.

Nein, das glaube ich nicht, aber ich bin kein Experte auf diesem Feld. Ich wurde bisher schon als vieles beschimpft aber bisher nicht als Populist. Ich weiß nicht, ob Populismus für die Demokratie wichtig ist, aber ich bin davon überzeugt, dass die Menschen ein wichtiges Element für das Überleben von Nationen sind. Wenn wir Völker verändern, da brauchen wir uns keine Illusionen machen, schaffen wir neue Nationen. Bis sich die Bevölkerung nicht dagegen erhebt wird ihr Austausch weiter fortschreiten.

Abschließend haben wir Ivos Kommentar mit Jean-Philippe Turpin besprochen. Er leitet die französische Nichtregierungsorganisation La Cimade, die sich um Flüchtlinge in der Stadt Béziers kümmert.

Nein, ich glaube nicht, dass der Populismus ein wichtiger Teil der Demokratie ist. Demokratie basiert auf Vernunft und vernünftigen Debatten. Populismus ist das Gegenteil: er basiert auf Irrationalem, der Abwesenheit von Debatten und Emotionen. Populismus bedroht die Demokratie und nährt sich an ihren Schwächen. Mit populistischer Rhetorik wird die Demokratie geschwächt.

Aber wir sollten nicht nur die Populisten kritisieren. Das Umfeld, in dem die Populisten erfolgreich sind, ist oft von den heuten liberalen Politikern geschaffen worden.

Ist Populismus wichtiger Bestandteil der Politik? Geht es eurer Meinung nach um „Volksnähe“ oder wird der politische Dialog auf Augenhöhe zerstört?

Foto: (CC) Flickr – Katryna ColePortrait: Camus (CC) Flickr – Renaud Camus



15 Kommentare Schreib einen KommentarKommentare

Was denkst du?

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    Gottfried

    Dass ist ein ganz “ Heisses Eisen“ wenn man/frau die Definition Populismus als die Grundbasis aber auch als Schwäche der alten Griechischen Demokratie sieht. Und die Demokratie mit der Manipulation des Wähler/Bürger hat sich im Grunde bis heute nicht geändert ! Ich erinnere nur an die demokratische Wahl der Hamas im Gazastreifen !

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    Peter

    Wir brauchen Frieden und Politik für die Menschen – ganz einfach…

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    Martin

    Populismus hat es schon immer gegeben, ob im Wahlkampf, in Koalitionsverträgen oder auf internationalen diplomatischen Parkett.
    Darüber hinaus ist der Populismus kein Alleinstellungsmerkmal einer bestimmten politischen Ausrichtung.

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    Elke

    Dem Volk die Dinge sachlich und verständlich zu erklären ist zu bejahen. Kommt ja ursprünglich von Populus.
    Vielleicht erhält ein kleines Bespiel das Ganze.
    Arzt zum resignierten, schmerzerfüllten Patient: sie erhalten jetzt eine intraarterielle Injektion in die Arteria femoralis, da ihre Angiografie eine Mönckeberg Sklerose ergeben hat, die nicht verbessert werden kann, wohl aber ihre Claudicatio intermittens, die auch bedingt ist durch eine hämodynamisch wirksame Stenose mit Plaquebildung im proximalen Anteil der Arteria femoralis. Ein Stent ist nicht sinnvoll, aber nach der Spritzenserie wird ihre Claudicatio gebessert sein.
    Der Patient versteht Bahnhof und weigert sich, die Spritze in die Leistengegend durchführen zu lassen ( übrigens ein Beispiel aus der Klinik mit einem erklärenden Jungarzt, der offensichtlich zufrieden war, die Fachbegriffe zu beherrschen). Dann
    volkstümliche Aufklärung der Sachlage und schon war der Patient einverstanden.

    Missbrauch der korrekten Gegebenheiten bleibt Missbrauch.
    Und das ist leider heute Standard vor allem in der Politik und wird mit Populismus belegt.
    Schade, denn dafür gibt es auch ein treffenderes Wort: Propaganda, um Menschen willfährig zu manipulieren.
    Pseudoeliten benutzen das, um ihren Schwachsinn unter die Menschen mit einfachen Worten zu bringen,
    Hingegen gestandene und geradlinige Menschen auch einfach sprechen können, um Menschen aufzuklären und sich einer Diskussion mit „normalen Speak“ stellen können, damit auch Nichtgebildete oder Studierte den Sinn und Zweck begreifen.

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    Daniel Fechner

    Ich denke, dass es sehr wichtig für die Demokratie wäre, dass die Wähler zum einen verstehen, worum geht es, aber auch im das, wieso wurde jetzt so abgestimmt.
    Richtig Problematisch wird es im Nachhinein wenn bekannt wird, dass zu der Zeit, davor oder danach Wahlkampfspenden durch die Begünstigten dieser Entscheidungen entrichtet werden.
    Sowas ist mir als Bürger wichtig.
    Das die politische Bühne von manchen missbraucht wird, der einzig und allein deswegen gewählt wird, weil man sich einfach ausdrückt und klar sagt, wieso will ich dieses und jenes, und dies auch einleuchtend ist, war zu erwarten.
    Vielleicht braucht die Politik ein bisschen mehr „volksnähe“ damit die politischen Diskussionen wieder ruhiger und sachlicher von der Bühne gehen.
    P.s.: Der Begriff Volksnähe ist zumindest in Deutschland sehr negativ konnotiert, da er meist als Eigenschaft für Parteien oder Personen verwendet wird, die gleichzeitig als rechtsradikal, fremdenfeindlich oder Schlimmeres bezeichnet werden, und nicht als „für den Normalbürger verständlich“.

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    Martin

    Populismus ist kein wichtiger sondern fester Bestandteil der Politik.
    Ohne Populismus gäbe es keine Wahlen und politische Karrieren.

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    Elke

    Natürlich. Polemik ebenfalls. Die Frage ist, ob es dahinter brauchbare Konzepte gibt oder ob da nichts als heiße Luft wabert.

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    Martin

    Möglicherweise sollten Politiker mal wieder den Dialog auf Augenhöhe mit den einfachen Menschen suchen, um zu begreifen wo unsere Gesellschaft zur Zeit steht.

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    Martin

    Populismus ist kein wichtiger sondern fester Bestandteil der Politik.
    Ohne Populismus gäbe es keine Wahlen und politische Karrieren.

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    Elke

    Natürlich. Polemik ebenfalls. Die Frage ist, ob es dahinter brauchbare Konzepte gibt oder ob da nichts als heiße Luft wabert.

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    Martin

    Möglicherweise sollten Politiker mal wieder den Dialog auf Augenhöhe mit den einfachen Menschen suchen, um zu begreifen wo unsere Gesellschaft zur Zeit steht.

  12. avatar
    Mario

    Dazu fällt mir nur ein : mach den Leuten Angst und du kannst sie besser manipulieren und regieren.

  13. avatar
    Juri

    Solange geopolitische Interessen der Großmächte Flüchtlingsströme als festen Bestandteil ihrer Expansionspläne einbeziehen müssen ist Populismus als Bestandteil der Politik und des gesellschaftlichen Lebens nicht weg zu denken. Da spielt die Frage des brauchen s eine untergeordnete Rolle. Für Leiden wird ein Feindbild gesucht. Möglichst eines was auch „besiegt “ werden könnte.

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