Haben wir jetzt die Technologie, Internetpiraterie zu stoppen? Verlagshäuser und Medienunternehmen suchen schon seit geraumer Zeit nach wirksamen Mitteln, dass Inhalte nicht illegal im Netz geteilt werden. Mit neuen Algorithmen, „Uploadfiltern“ und maschinellem Lernen scheint die Lösung zum Greifen nah. Sollten wir diese Mittel aber auch nutzen?

Die Frage ist keine theoretische mehr. Mit der neuen Direktive der EU zum Urheberschutz, die gerade ihre erste Hürde im Gesetzgebungsprozess genommen hat, werden sich die Regeln sehr ändern. Noch muss das Europäische Parlament am 5. Juli zustimmen, damit aus dem Vorschlag ein Gesetz wird. Die Diskussion tobt vor allem im Netz.

Am umstrittensten sind wohl die „Uploadfilter“. Das Gesetz macht Internetplattformen wie Youtube oder Facebook verantwortlich für Inhalte, die von den Nutzern hochgeladen werden. Es soll vor Veröffentlichung dafür gesorgt werden, dass keine illegalen oder geschützten Inhalte hochgeladen werden. Netzaktivisten fürchten Zensur, da die Plattformen ihre Filter übervorsichtig einstellen könnten oder das System von den Falschen missbraucht werden könnte.

Das glaubt auch unser Leser Matej. Er glaubt, dass mit der neuen Regelung alles vor Veröffentlichung im Internet überprüft werden wird. Aber ist Zensur vielleicht doch ein zu starkes Urteil? Warum wird über das neue Gesetz überhaupt verhandelt?

Wir sprachen mit dem Netzaktivisten Cory Doctorow, der regelmäßig seine Ansichten auf Boing Boing veröffentlicht, eines der am höchsten frequentierten Blogs im Netz. Was glaubt er?

Die Absicht hinter dem neuen Gesetz ist ein System zu schaffen, in dem Software entscheidet, ob ein Inhalt Urheberrechte verletzt und dieser dann nicht veröffentlicht wird. Software kann aber nicht unterscheiden, ob ein Bild jetzt eine illegale Kopie ist oder für einen kritischen Kommentar oder Parodie genutzt wird. Dann würde nämlich „fair use“ statt des Urheberrechts greifen.

Parlamente der ganzen Welt setzten sich seit den ersten Gesetzen zu Urheberrecht für „fair use“ ein und sorgen so für den Erhalt von Meinungsfreiheit. Damit wird sichergestellt, dass Inhalte auch ohne oder sogar gegen die Zustimmung des Rechteinhabers genutzt werden können. Es muss doch jedem klar sein, dass eine Person, die öffentlich kritisiert wird, nicht ihr Einverständnis geben wird.

Es wird aber auch dazu kommen, dass extrem viele Inhalte nicht geteilt werden können, obwohl der Rechtehalter damit einverstanden wäre. Die Fehlerrate der Software liegt im Schnitt bei 40 Prozent. Damit sprechen wir über Milliarden von Tweets, Facebookbeiträgen, Fotos und Millionen von Fotos. Das wird eine unbeabsichtigte Konsequenz.

Noch beunruhigter ist aber etwas anderes: Man könnte taktische Zensur ausüben und so wichtige Inhalte vor der Öffentlichkeit fernhalten. Vor Wahlen und Referenda könnte man einfach sein Urheberrecht über bestimmte Dokumente, Videos oder anderes Material anmelden und so verhindern, dass kritische Inhalte geteilt werden. Wir erschaffen gerade eine Waffe der Zensur, daher denke ich, dass dieser Begriff gerechtfertigt ist.

Daher sollte sich jeder auf Saveyourinternet.eu informieren und seinen Europaabgeordneten kontaktieren!

Wir erhielten auch einen Kommentar von Michalis. Urheberrecht ist nach seiner Meinung wichtig für Innovationen und neue Ideen. Mykolas wiederspricht, er will weiterhin alles umsonst im Netz runterladen.

Wir fragten Maud Sacquet, die Sprecherin der Computer and Communications Industry Association. Wie schätzt sie Urheberrecht und die neuen Regeln ein?

Die Leute sind angesichts der Komplexität von Urheberrecht frustriert, aber alle Anreize für Kreativität zu zerstören, ist auch keine Lösung. Die beste Lösung für Internetpiraterie ist ein robuster Markt mit legalen Alternativen und angemessene Regeln für Urheberrechte.

Wir sind aber klar gegen die neue Regelung, da sie weder angemessen noch zeitgemäß für das digitale Zeitalter ist. Es wird dann zur Pflicht, Uploadfilter auf offenen Plattformen einzusetzen. Das könnte zu einer groß angelegten Zensur führen. Völlig legale Inhalte europäischer Nutzer könnten aus dem Netz genommen werden, weil Filter einfach keine Ausnahmen im Urheberrecht wie Parodie und Zitate erkennen können.

Wird das neue Urheberrecht eine Generation kriminalisieren? Wird das neue EU-Gesetz das Internet zensieren? Wie erhalten wir Ausnahmen der Meinungsfreiheit? Schreibt uns eure Ideen!

Fotos: (c) BigStock – Javier Brosch; Portraits: Maud Sacquet (cc) Flickr – Lisbon Council; Cory Doctorow (cc) Wikimedia – Salimfadhley

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4 Kommentare Schreib einen KommentarKommentare

Was denkst du?

  1. avatar
    Samy

    Was meint ihr, warum es die Piratenpartei gibt? Helft mit gegen Zensur und unangemessene Beschränkungen!

  2. avatar
    Thomas

    Dieses Gesetz ist schlimmer als alles was die Stasi in der DDR je geschaffen hat. Dieses Gesetz ist Zensur pur.

    • avatar
      Alexander

      Stimmt: schlimmer als im Kommunismus!

  3. avatar
    Phillip

    Kriminalisieren wird es uns nicht, aber es wird vermutlich unsere kulturelle Entwicklung behindern. Für den Endbenutzer entstehen keine neuen Verbote, sondern es entstehen Pflichten für die Platformbetreiber, und diese können nicht realistisch den rechtmäßigen Gebrauch von Inhalten anderer Schöpfer, z.B. die Darstellung von Szenen aus einem Film zum Zwecke des Kommentars oder der Kritik, von unerlaubter Vervielfältigung unterscheiden, zumindest noch nicht. Deswegen wird ja dieses neue Gesetz effektiv als Zensurgesetz eingestuft.

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