In diesem Jahr liegen die berühmten Proteste von 1968 genau ein halbes Jahrhundert hinter uns. Sie sind als größte globale Jugendprotestbewegung in die Geschichte eingegangen und haben viele Spuren hinterlassen. Oft wird der heutigen Jugend vorgeworfen, im Gegensatz zu den Eltern nicht mehr politisch genug zu sein. Aber stimmt das?

Der Protest richtete sich zuerst gegen den Vietnamkrieg in den USA. Die grausamen Bilder brachten junge Menschen aus der ganzen Welt auf die Straße. Es bildete sich eine kritische linke Jugend, die auf die Suche nach neuen Modellen für die Gesellschaft und auch ihr Privatleben ging. Wobei die unterschiedlichen Teile der Welt schnell eigene Akzente setzten: In Deutschland fing die Jugend vor allem an, den eigenen Eltern kritische Fragen zu ihrer Rolle während der NS-Zeit zu stellen. Gesellschaftlich gab es ein Aufbegehren gegen die einflussreichen früheren NS-Kader in Gesellschaft, Politik und staatlicher Verwaltung, das politische Aktivisten wie Benno Ohnesorg mit dem Leben bezahlten. Die Rote Armee Fraktion wollte mit Terror zurückschlagen, während andere versuchten, den Widerstand institutionell zu organisieren.

Willst du sehen, welche jungen Menschen sich heute für Europa engagieren? Unser Partner Friends of Europe lädt jedes Jahr die zukünftigen Entscheidungsträger mit seinem Projekt European Young Leaders ein, um gemeinsam eine bessere Zukunft zu planen.

Was ist von den Protesten geblieben? Die Jugend der 1986er hinterfragte alles, von alten Rollenmodellen, über Sexualität oder auch den Konsum der boomenden Wirtschaftsjahre. Neue Parteien wie die Grünen wurden gegründet und Organisationen wie Ärzte ohne Grenzen und Greenpeace organisieren sich weltweit. Heute sind die ehemaligen Jungrevolutionäre im Rentenalter und fordern von ihren Kindern und Enkeln mehr politisches Engagement. Haben sie recht?

Was denken unsere Leser? Enric ist der Meinung, dass die Generation der 1968er uns kein Vorbild sein sollten, da sie Moral und Anstand in Europa abgeschafft haben.

Was sagt ihr zu Enrics Kommentar? Wir haben Professor Gesine Schwan gefragt. Sie ist eine Vertreterin der 1986er Generation und seither politisch aktiv, einige erinnern sich vielleicht noch an ihre Kandidatur zur Bundespräsidentin in den Jahren 2004 und 2009. Aktuell ist sie Präsidentin der Humboldt-Viadrina Governance Platform und leitet dort den Bereich der Trialoge.

Was sagt die jüngere Generation zu Enrics Kommentar? Wir haben Dominik Kirchdorfer gefragt, der sich als amtierender Präsident des Europäischen Zukunftsforums und Redakteur bei Euro Babble engagiert.

Also Eric, ich finde, dass Ethik und Moral eine sehr subjektive Angelegenheit sind. Persönlich stimme ich zwar nicht allem zu, was die Generation 1968 getan hat, aber ich bin eher auf der Seite dieser Generation als derer, die davor kamen. Das waren die Generationen, die an zwei Weltkriegen teilgenommen haben. Daher stimme ich nicht zu.

Leserin Frieder findet das politische Engagement der Jüngeren wiederum nicht so wichtig, da sie ohnehin kaum wählen gehen und durch die Geburtenzahlen eine krasse Minderheit werden. Brauchen wir das politische Engagement der Jugend nicht?

Also ganz generell kann man nicht sagen, dass sich jemand nicht engagieren braucht nur weil er einer Minderheit angehört. Man braucht die Teilhabe jeder Minderheit, vor allem wenn es um die Jugend geht. Sie sind die Zukunft!

Auch wenn wir jetzt in der Unterzahl sind, werden wir wahrscheinlich die Mehrheit der Zukunft. Wenn sich die Jugend nicht engagiert führt das zu politischer Lethargie, sie werden ihren eigenen Kindern später kein Vorbild sein können und dann bringt sich niemand mehr ein. Daher ist jugendliches Engagement sehr wichtig.

Tom macht sich ganz generell darum Sorgen, dass politisches Engagement abnimmt. Zum Beispiel binde das Internet Millionen Stunden von potentiellem gesellschaftspolitischen Engagement. Stimmt das? Surfen die jüngeren lieber, als zu protestieren? Was sagt Herr Kirchdorfer?

Dazu habe ich zwei Punkte: Erstens können wir selbst über unsere Freizeit entscheiden. Menschen haben neben ihrem Engagement schon immer auch etwas anderes getan. Wir haben nicht ohne Grund repräsentative Demokratien. Unsere gewählten Vertreter müssen sich mit Politik auseinandersetzen, damit wir es nicht jeden Tag tun müssen. Das ist völlig okay.

Zweitens gibt es sicherlich mehr Inhalte. Das bedeutet aber auch, dass wir besser informiert sind. Es gibt zum Beispiel so viele Leaks, die aus der Verwaltung ans Licht gebracht werden. Wir sind besser über Politik informiert als jemals zuvor – besser als in den 50ern und 60ern.

Das befeuert natürlich auch Politikverdrossenheit, weil die Menschen den Institutionen nicht mehr so stark vertrauen wie früher. Aber ich glaube nicht, dass dies zu weniger politischem Engagement führt.

Stimmt Frau Schwan zu, dass wir neuen Versuchungen trotzen müssen?

Ist Europas Jugend noch politisch engagiert? Warum ist es wichtig, dass sich auch junge Menschen einbringen? Oder hat der Stellenwert von Freizeit zu sehr zugenommen? Ist das heute anders als 1968? Schreibt uns eure Meinung!

Foto: wikimedia (cc) – Stiftung Haus der Geschichte; Portrait: Kirchdorfer Flickr (cc) – European Committee of the Regions



10 Kommentare Schreib einen KommentarKommentare

Was denkst du?

  1. avatar
    Erwin

    Nein, denn sie ist durch Indoktrination zur Verblödung degradiert worden.

    • avatar
      Hannes

      Oder bekommt eben das immer wieder eingetrichtert von einer zahlenmäßig überlegenen älteren Generation, damit sie nicht zweifelt und nicht fragt.

      Ielleicht sind wir gar nicht so uninteressiert, wie man uns immer einredet? Vielleicht haben wir Hoffnungen, Träume, Ideen und Ideale, aber bekommen so viel anderes vorgelegt, dass wirkeine Zeit haben, uns damit zu befassen?
      Vielleicht sind wir auch tatsächlich faul und degeneriert, wie man es der jeweils exiatierenden Jugend seit Jahrtausenden von Generation zu Generation nachsagt?

  2. avatar
    Herbert

    Während des Kalten Krieges gab es eine Gesprächsplattform “ Framework of European Youth and Student Cooperation“zwischen Ost und West. Da wurde regelmäßig über alles gesprochen trotz mitunter sehr unterschiedlicher Auffassungen. Und es wurde der Konsens gesucht : Was gemeinsam tun für die Erhaltung des Friedens. Ist wahrscheinlich nach dem Ende des KK eingeschlafen. Man kann bei der Sozialistischen Jugendinternationale in Wien (wenn es sie noch gibt), beim Rat der Nationalen Jugenkomitees (CENYC), bei der internationalen Föderation der Liberalen Jugend (IFLRY), bei der Nordischen Zentrumsjugend(NCY)oder /und beim Weltbund der Deokratischen Jugend (WFDY) in Budapest nachfragen.Weshalb nicht eine Neuauflage starten. Europa und die Welt können es gebrauchen.

  3. avatar
    Richard

    Ausländische Kindern leiden in Deutschland. Beim Bewerbungen manche erhalten Antwort dass die Deutsche sprache nicht mächtig sind. Im politischen bereich die sind auch ausgegrentzt. Ich schreibe hier über die Kinder die doch hier geboren sind aber die Eltern kommen aus fremden Länder.

  4. avatar
    Markus

    Wozu sollte man sich noch für politische Bildung interessieren??? Egal was man wählt es kommt dich eh nur scheisse dabei raus.

  5. avatar
    Öz

    Europas Jugend wird dazu erzogen unpolitisch und dumm zu bleiben weil sie dann besser lenkbar ist….

  6. avatar
    Petr

    Dank Artikel 13 und Ernennung von von der Leyen zur EU Kommissionspräsidentin, geht mir Demokratie im größeren Stil, am A**** vorbei, ohne eine Machtposition kann man eh nichts ändern. Dann lieber die richtige Partei wählen und sich kommunal einbringen.

  7. avatar
    Daniel Fechner

    Nein, sie organisieren sich eben anders als die anderen Generationen, nicht mehr nur auf der Straße.
    Geht die junge Generation nicht auf die Straße … ich erinnere einfach mal an die Demonstrationen zu Paragraph 13 oder F4F.
    Ach stimmt … das sind nur Schulschwänzer und „bezahlte Bots“.
    Es ist definitiv nicht so, dass die junge Generation nicht politisch aktiv ist … sie ist nur an den alten Politikern nicht interessiert, wie auch anders rum.

  8. avatar
    Daniel

    Und welches Bild wird als Aufhängdr verwendet … Schülerproteste … mh … also von den lieben “ Schulschwänzern“, wenn man manchen Vertretern unserer ach so politisch aktiven älteren Generation glaubt (inklusive unserer Politiker).

  9. avatar
    Blust

    Nein, sie haben andere Probleme (Smartphone, Urlaub, Fliegen, etc

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Notify me of new comments. You can also subscribe without commenting.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.

By continuing to use this website, you consent to the use of cookies on your device as described in our Privacy Policy unless you have disabled them. You can change your cookie settings at any time but parts of our site will not function correctly without them.