Warum kommt diese Diskussion immer wieder zu Sprache? Fakt ist: Die Hälfte der Menschheit ist nicht mit 50 Prozent im Arbeitsleben repräsentiert. Es wird von einer „gläsernen Decke gesprochen“, an die Frauen in ihrer Karriere immer wieder stoßen. Nur eine von drei Führungskräften in der EU ist eine Frau und sie verdient im Schnitt fast ein Viertel weniger als ein Mann. Aber mal abgesehen davon, dass sich diese Studienergebnisse ungerecht anfühlen, haben sie auch ungewollte Konsequenzen für uns alle?

Es gibt sehr große Unterschiede zwischen den Staaten: So sind in Lettland 53 Prozent der Führungskräfte weiblich, das einzige EU-Mitgliedsland, in dem die Frauen eine Mehrheit in dem Bereich sind. Bulgarien, Polen und Irland folgen mit über 40 Prozent. Schlusslichter mit nicht einmal einem Viertel weiblichen Führungspersonals sind Deutschland, Italien und Zypern. Warum ist die Situation so unterschiedlich? Frauen und Männer können ihre Berufe – bis auf wenige Ausnahmen – frei wählen, aber zum Beispiel Frauenquoten sind sehr unterschiedlich geregelt: so war Nachbarland Norwegen bereits 2003 Vorreiter mit verbindlichen 40 Prozent in Aufsichtsräten.

In Deutschland müssen seit 2016 einige Unternehmen bei Neubesetzungen in Aufsichtsräten eine Frauenquote erreichen. Hier hat die gesetzliche Regelung gewirkt, inzwischen sind die circa 150 betroffenen Unternehmen ihrer Verpflichtung von 30 Prozent nachgekommen. Anders sieht es jedoch bei den Unternehmen aus, die sich der Initiative freiwillig angeschlossen hatten: Der Frauenanteil stagniert hier zwischen 8 bis 13 Prozent. Angesichts der wirkungslosen unverbindlichen Quoten stellt sich die Frage erneut: Brauchen wir Frauenquoten?

Was denken unsere Leser zum Thema? Wir haben die Europaabgeordneten Terry Reintke von den Grünen und Barbara Matera von den Christdemokraten eure Fragen zur Frauenquote gestellt. Beide setzen sich als Expertinnen im FEMM Ausschuss des Europäischen Parlaments für Gleichberechtigung ein. Was antworten sie?

Leserin Me sieht die Frauenquote kritisch, sie hat von ihren Erfahrungen in der IT-Branche in Nordeuropa geschrieben und glaubt daher, beide Seiten zu kennen: Sie will nicht als “Quotenfrau” wahrgenommen werden sieht aber gleichzeitig, wie sich die Männer gegenseitig fördern. Sie glaubt, dass wir Quoten brauchen, um strukturelle Probleme zu überwinden, will aber auch überlegen, wann wir sie wieder abschaffen. Was denkt Terry Reintke? Wann brauchen wir Frauenquoten und wann nicht mehr?

Für eine weitere Perspektive fragten wir auch Europaabgeordnete Barbara Matera.

Heute brauchen wir überall hier und da Quoten. Zum Beispiel in Firmen, Unternehmen, Schulen und in der freien Wirtschaft. Wenn man sich jetzt fragt, wann diese Quoten nicht mehr notwendig sind ist das so, wie wenn ich frage, wann wir Gleichberechtigung erreicht haben werden. Auf diese Frage habe ich leider keine Antwort. Ich kann nur versichern, dass ich jeden Tag hart daran arbeite, dass wir immer gleichberechtigter werden. Ich hoffe, dass wir bald keine Quoten mehr brauchen.

Leser Christos ist wiederum gegen eine Frauenquote, da sie für ihn „umgekehrte Diskriminierung“ ist. Wie reagiert Frau Matera?

Christos, ich glaube nicht, dass Quoten eine Form der Diskriminierung sind. Ich glaube, dass sie zur Gleichberechtigung beitragen. Das kann man natürlich diskutieren. Das Grundkonzept von Quoten löst Ängste aus, ob unqualifizierte Kandidaten den Job bekommen oder Männer diskriminiert werden, aber oft resultieren diese Ängste aus der Annahme, Frauen seien weniger qualifiziert. Andere fürchten Männerquoten im Gegenzug, so dass zum Beispiel weniger Frauen an Universitäten zugelassen werden, obwohl sie bessere Noten haben.

Für eine weitere Meinung sprachen wir mit der Journalistin Birgit Kelle, die sich für traditionelle Rollenbilder einsetzt. Lest ihre Reaktion:

Ich glaube, dass die Gründe für wenige Frauen in Führungsposition sehr vielschichtig sind. Der Hauptgrund ist, dass wir Frauen überhaupt erst später angefangen haben mit dem Berufsleben. Also ist das schon rein historisch begründet, dass wir lange in einer Männerwelt gelebt haben. Frauen und Männer setzen unterschiedliche Prioritäten. Wir sehen, dass die Frauen selbst bei einer gezielten Frauenförderung nicht unbedingt auf die Spitzenpositionen wollen. Selbst in Ländern wie Norwegen, wo Frauen gezielt gefördert werden, ist es nicht leichter, die offenen Stellen mit Frauen zu besetzen. Natürlich werden wir von den Rollenbildern oder auch sogenannten Stereotypen beeinflusst, wir sehen aber auch gerade in Deutschland und Europa, wie wir von mächtigen Frauen regiert werden. Diese Frauen haben sich nicht abschrecken lassen und früh behauptet, daher müssen wir das Thema viel breiter diskutieren, warum weniger Frauen in Führungspositionen sind. Es ist ein Novum, dass Frauen im Erwerbsleben tätig sind. Daher gehe ich auch ohne ein Gesetz oder Quoten von einer ganz anderen Situation in 20 Jahren aus. Wir werden dann zur Hälfte vertreten sein.

Dionator spricht sich wiederum für eine Frauenquote aus, da nur dann der Status quo verändert werden kann. Er sagt, dass letztendlich auch die Wirtschaft von den qualifizierten Frauen profitieren wird. Gibt es wirtschaftliche Gründe für Frauenquoten?

Wozu brauchen wir Frauenquoten? Was denkt ihr? Wird sich das Problem von allein lösen oder ist es vielleicht gar keines? Oder sollten wir von der Erfahrung unserer europäischen Nachbarländer lernen? Diskutiert mit!

Foto: cc/ Flickr – Deutsche BankPortraits: c Kerstin Pukall (Kelle); c European Parliament (Matera)



3 Kommentare Schreib einen KommentarKommentare

Was denkst du?

  1. Phillip

    Wir brauchen Frauenquoten solange bis die Initiativen greifen um Frauen an die Felder näher heranzubringen, wo eben Frauen und Männer im krassen Ungleichgewicht arbeiten

  2. Susanne

    Wir brauchen keine Frauenquoten sondern Geschlechterquoten. Das schlechter repäsentiertere Geschlecht muss gefördert werden.

  3. Mary

    ich kann diese ganze Diskussion mit der Frauenquote nicht mehr hören….wer für eine Position qualifiziert ist, derjenige sollte sie bekommen und entsprechend entlohnt werden….egal welchen Geschlechts.

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