Anlässlich der vielen Jubiläen wird Karl Marx in diesem Jahr als großer Denker gefeiert. Für die einen scheinen seine zweihundert Jahre alten Ideen noch heute alles erklären zu können, während ihn andere für überholt halten. Er hat sich doch schließlich geirrt, oder wann müssen wir die Revolution gegen den Kapitalismus erwarten? Andererseits finden wir global  noch immer große Ungerechtigkeiten bei der Verteilung des Reichtums.

Marx Anklage gegen den Kapitalismus hat noch heute bestand. Laut der Hilfsorganisation OXFAM haben im letzten Jahr lediglich die reichsten 1 Prozent der Bevölkerung von 82 Prozent des weltweit erwirtschafteten Vermögens profitiert. Auch die Anzahl der Milliardäre wächst stetig. Wie lange machen die Ärmsten der Armen so ein System noch mit?

Es ist aber keine Revolution in Sicht. Die meisten haben sich mit dem Kapitalismus arrangiert, der stetig mehr Wachstum schafft. Auch von der Finanzkrise haben wir uns inzwischen erholt, das Vertrauen in die globalen Finanzmärkte scheint wieder zu steigen und wird sich wohl nicht selbst abschaffen.

Im Mai 2018 jährt sich Karl Marx Geburtstag zum 200. Mal. Im Februar ist sein Kommunistisches Manifest seit 170 Jahren veröffentlicht. In Erinnerung an diese Jubiläen werden wir eine Debattenserie zu Karl Marx Vermächtnis veröffentlichen.

Was denken unsere Leser? Zu unseren Debatten haben wir sehr viele Kommentare von euch erhalten. Von blühenden Verehrern, über Opfer von vermeintlich marxistischen Diktaturen bis hin zu Kritikern seid ihr zu Wort gekommen. Unsere Experten Ulrike Herrmann und Adrian Wooldridge wollten gerne auf eure Fragen und Kommentare eingehen. Lest ihre Reaktion und diskutiert mit!

Leser Carlos schreibt, dass die Gefahren des Kapitalismus heute noch genauso drohen wie zu Marx Lebzeiten. Er ist der Meinung, dass die Reichen reicher und die Armen ärmer werden. Stimmt die Autorin und taz-Journalistin Ulrike Herrmann ihm zu?

Ja, natürlich sind die Warnungen von Marx vor dem Kapitalismus noch aktuell, deshalb werden Marx und auch Engels noch heute gelesen. Schon im „kommunistischen Manifest“ war eine der Leitfragen: Wie kann es sein, dass in reichen Ländern Armut existiert? Das ist heute immer noch die Frage und auch die Frage, die Carlos gestellt hat. Es gibt sehr, sehr viel Reichtum und trotzdem kommt dieser bei vielen nicht an. Wie kann das sein? Das hat Marx versucht zu erklären. Eine wesentliche Erkenntnis aus seinem Buch „ Das Kapital“ lautet, dass wenige Großkonzerne die gesamte Produktionskette von Produkten kontrollieren, so kommt es im Kapitalismus immer zur Konzentration von Reichtum. Das ist noch aktuell, wir leben noch immer in einer Welt der Großkonzerne.

Für eine zweite Meinung fragten wir Adrian Wooldridge, er ist Journalist und Redakteur für den Economist.

Ich glaube, Carlos hat recht, wir sehen extrem viel Reichtum bei sehr wenigen Leuten. Es gibt Zeiten, in denen Jeff Bezos eine Milliarde Dollar am Tag verdient. Es gibt diese gigantischen Reichtümer in Silicon Valley.  Da brauchen wir eine Erbschaftssteuer, damit diese Reichtümer nicht so erhalten bleiben.

Dann gibt es diesen Trend Richtung Gelegenheitsbeschäftigung, wie bei Uber, die das Internet schafft. Die prekären Bedingungen gefährden die Stabilität der Gesellschaft. Wir müssen an Regelungen festhalten, dass Arbeitnehmer für ihre Rente einzahlen, Steuern zahlen, es Grenzen für Arbeitsstunden gibt und weitere formale Regeln für diese Art der Beschäftigung eingeführt werden. Wir brauchen eine stabile Mittelklasse als Fundament jeder Gesellschaft.

Marx hat keine guten Lösungen auf diese Herausforderungen gefunden: Privateigentum abschaffen, die Produktion verstaatlichen und Umverteilung wurden versucht und sind gescheitert. Wir brauchen eine ganze Reihe an Lösungen, die Probleme des Kapitalismus lösen ohne ihn abzuschaffen. Angesichts von Krisen im 19. und 20. Jahrhundert wurden Reformen umgesetzt, das können wir heute auch. Aber Reformen und keine Revolution.

 

Bart widerspricht. Er sehe zwar die Fehler des Kapitalismus, gleichzeitig ist er aber davon überzeugt, dass der moderne Kapitalismus  das beste System sei, das wir je hatten. Es bringe mehr Menschen mehr Wohlstand und Wachstum als jemals zuvor. Wie reagiert Herr Wooldridge?

Absolut, da stimme ich zu! Kapitalismus ist bisher die einzige Wahl. Wenn man die Menschheitsgeschichte bis zum 18. Jahrhundert betrachtet war die Wirtschaft wenig erfolgreich darin, Reichtum zu schaffen. Wir hatten im Prinzip eine statische Gesellschaft, in der sich die Geschichte nur selbst wiederholt hat. Dann kam der Kapitalismus und wir haben stetiges Wachstum für eine lange Zeit gehabt. Die ganze Welt hat Fortschritte beim Kampf gegen Armut gemacht. Aber das bedeutet keinesfalls, dass der Kapitalismus unfehlbar ist. Viele Schwachpunkte müssen von Regierungen repariert werden. Diese Intervention muss sein.

Wie schätzt Frau Herrmann Marx Reaktion auf unsere Zeit ein? Würde Marx die positiven Seiten des Kapitalismus erkennen?

Marx hätte das auch so gesehen. Er war ein großer Fan der Technik, er hat sich enorm für neue Erfindungen interessiert und fand den Kapitalismus gut. Das muss man deutlich sagen: Marx war kein Kritiker des Kapitalismus. Er hat vielmehr versucht, den Kapitalismus wissenschaftlich zu beschreiben. Marx hat auch gesehen, dass der Kapitalismus zu enormen Wohlstand führt, aber eben nur bei einigen wenigen und nicht bei allen. Die Fähigkeit des Kapitalismus, Wohlstand zu erzeugen fand er gut. Nach Marx Auffassung könnte man diesen Wohlstand dann aber im Kommunismus verteilen. Aber Marx dachte, wenn es ab einem gewissen Punkt nur noch sehr wenige Großeigentümer gäbe, wäre es leichter diese wenigen im Sinne des Kommunismus zu enteignen. Aber das ist offensichtlich nicht so gekommen. Das System der Großkonzerne – das Oligopol – hat sich als extrem stabil erwiesen.

Was würde Marx über unsere heutige Zeit sagen? Wäre er fasziniert von den Errungenschaften des Kapitalismus und Sozialstaates oder wäre er erschrocken angesichts der globalen Ungerechtigkeit? Schreibt uns eure Meinung und wir diskutieren!

Foto: wikimedia (cc) – Alan D Cirker; Portraits: Hermann (c) WDR – Herby Sachs; Wooldridge (c) The Economist



3 Kommentare Schreib einen KommentarKommentare

Was denkst du?

  1. avatar
    Danilo

    Die heutigen Kapitalisten sind politisch andere als er zu seiner Zeit vermutet hätte.

  2. avatar
    Michael

    Ich denke er wird sich bestätigt fühlen, dass viele seiner Befürchtungen wahr geworden sind und er wäre erschrocken, dass die Ärmsten der Armen immer noch nicht aufbegehren gegen das himmelschreiende Unrecht.
    Proletarier aller Länder vereinigt euch!!!

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