Bei der Diskussion um Graffiti geht es immer schnell um die Frage: Kunst oder Sachbeschädigung? Aber schließt das eine das andere aus? Kunst ist nach dem Duden „schöpferisches Gestalten aus den verschiedensten Materialien oder mit den Mitteln der Sprache, der Töne in Auseinandersetzung mit Natur und Welt.“ Damit ist der erste Teil der Frage geklärt, Graffiti ist Kunst. Ein Künstler gestaltet mit einem Material (Farbe) ein Graffiti in Auseinandersetzung mit der Welt. Wird etwas an fremdem Eigentum, wie einer Hauswand, illegal verändert, entspricht das aber auch der strafbaren Sachbeschädigung. Teil zwei der Frage trifft also ebenfalls zu.
Bei Graffiti stehen zwei Grundrechte im Konflikt miteinander, das wird auch bei Gerichtsverfahren gegen die Künstler deutlich. Die Richter wägen die Kunstfreiheit gegen die Gewährleistung von Eigentum ab. Der Schaden ist dabei nicht zu unterschätzen. So bezifferte beispielsweise der Zentralverband der Deutschen Haus- und Grundeigentümer die jährlichen Kosten auf 500 Millionen Euro, um Graffiti zu entfernen. Gleichzeitig macht aber seit dem Alten Ägypten Graffiti gerade aus, dass es oft illegal im öffentlichen Raum entsteht. Der Konflikt wird sich nicht so schnell lösen lassen.
Was denken unsere Leser? Wir haben vor allem Fragen dazu erhalten, wie Graffiti in die Kunstwelt passt. Wo sind die Gemeinsamkeiten und wo sind die Unterschiede? Eure Fragen haben die Experten Yasha Young und Alessio B. beantwortet. Frau Young ist die Direktorin des URBAN NATION Museum Art in Berlin und leitet das Projekt URBAN NATION. Alessio B. ist ein Graffitikünstler aus Italien.
Unsere Leserin Karolina ist davon überzeugt, dass in der Kunst auch immer die eigene Identität ausgedrückt wird. Trifft das auch auf die Graffitikünstler zu? Wie ist das bei dem Sprayer Alessio B.?
Das hängt von dem Künstler ab! Ich kann nur für mich sprechen, aber meine Kunst ist eine Erweiterung meiner Person. Ich fertige Graffiti aus dem Bedürfnis für Kommunikation an und weil es mir persönlich Freude bereitet. Diese Freude will ich weitergeben, vielleicht können Passanten für einen Moment ihre Alltagsprobleme vergessen, wenn sie mein Graffiti sehen. Das treibt mich an, weiterhin Wände zu bemalen.
Was sagt die Kuratorin Young?
Jeder Künstler hat immer seinen eigenen Anspruch und seine eigenen Idee, mit denen er an sein Werk herangeht. Das macht natürlich, ganz klar auch der Graffitikünstler. Die Individualität steht dabei im Vordergrund: Der eigene tag – der Name oder Graffitiname des Künstlers – ist dabei zentral. Andererseits können die Passanten das Graffiti meist nicht lesen, sondern empfinden es als Schmiererei oder Kunstwerk, die Individualität können sie aber nicht erkennen, weil sie den tag nicht lesen können. Graffiti hat eine ganz eigene Sprache, die von der Szene genutzt wird. Gleichzeitig zieht sich aber vor allem Individualität beim Graffiti wie bei allen Kunstformen durch und das muss auch so sein.
Milen beschreibt, wie Graffiti in seiner Heimatstadt Sofia eigentlich nur für Hassparolen und Diskriminierung der Roma genutzt wird. Ist Diskriminierung und Hass ein Problem der Szene?
Ich weiß, dass es in Sofia auch ganz anderes Graffiti gibt. Es ist in der Kunst generell so, dass man nicht sagen kann, diese Form steht für Hass und diese nicht. Kunst steht für das Gefühl und Ausdruck des Einzelnen, ob er dann auch wirklich für die Masse spricht, das kann man nicht sagen. Es ist der Ausdruck einer Meinung und vielleicht auch der Lage oder der Situation in der sich der Einzelne oder eine Gruppe befindet. Diese Ausdrucksform gibt es aber schon lange, zum Beispiel fanden sich im Alten Rom Sprüche gegen Cesar an den Wänden. Man sollte nicht alles über einen Kamm scheren. Graffiti hat viel mehr mit einer Community (Gemeinschaft) zu tun als mit Hass oder Gewalt. Es gibt wie überall im Leben Einzelne, die bestimmte Dinge nutzen, um ihre Hassparolen zu verbreiten. Man muss heute bei jeder Nachricht und jedem Post vorsichtig sein, für wen jetzt diese Aussage steht. Ob das dann repräsentativ für andere Menschen, eine bestimmte Gruppe oder Kunstform ist, das würde ich vorsichtig betrachten.
Was sagt der Künstler?
Streetart is sehr sichtbar und für viele zugänglich. Tragischerweise wird Graffiti auch als Propagandawerkzeug genutzt…manchmal für Werbezwecke und manchmal auch um andere zu diskriminieren.
Das ist dann aber sicher keine Straßenkunst!
Leserin Marlene ist der Meinung, dass Kunst immer Vorreiter ist. Künstler nutzen neueste Technologien und Medien, um ihre Botschaft zu verbreiten. Wie hat sich Graffiti entwickelt? Welche Trends nehmen die Künstler auf? Wie schätzt das Alessio B. ein?
Ja, es gab in den letzten 15 Jahren einen großen Wandel! Die Sozialen Medien haben massiv dazu beigetragen, Graffiti als Kunstbewegung zu zeigen und dem Mainstream Informationen zugänglich zu machen. Auch ist Graffiti inzwischen oft ein integraler Bestandteil der Städte geworden, der vergessene Stadteile verschönern und weiterentwickeln kann. Vor 15 Jahren wurde Graffiti meist nachts und unter gefährlichen Bedingungen angefertigt. Jetzt bin ich dabei viel entspannter und glücklicher.
Ich persönlich hoffe, dass ich immer der gleiche Künstler bleibe: Der kleine Junge, der seiner Passion nachgeht.
Erkennt Frau Young Trends?
Ich weiß nicht, ob das Trends sind. Jede Kunstform entwickelt sich weiter, aber Graffiti ist einfach zu erkennen: Man hat eine Sprühdose und damit sprüht man seinen Namen – seinen Tag – an die Züge oder Wände. Die Weiterentwicklung liegt weniger in der Botschaft, da die Message eigentlich relativ gleich bleibt, was auch gut ist. Für jede Generation steht gesehen und gehört werden im Vordergrund. Was sich aber verändert hat sind zum Beispiel die Farben, mit denen man heute arbeiten kann. Es gibt jetzt unglaublich viel Auswahl, da sich viele Firmen spezialisiert haben. Zum Beispiel gibt es Farben, die über die Wände springen wie ein Spinnennetz, im Dunkeln leuchten, abwaschbar oder weniger gesundheitsschädlich sind. Auch der Sprühkopf der Dosen, der Cap, hat sich stark verändert, er bietet heute sehr viel mehr Möglichkeiten für die Linienführung. Das Werkzeug der Künstler hat sich also stark verändert. Wenn man sich die Street Art anguckt, sind heute auch viel mehr Materialien im Einsatz, zum Beispiel Pinsel und Wandfarbe, Metallskulpturen oder Zement.
Ist Graffiti Kunst? Was denkt ihr? Freut ihr euch über die bunten Farbakzente der Streetart im Alltag oder seht ihr eher die Schäden der Schmiererei?
Foto: Copyright / Alessio B.
Das hängt von dem Künstler ab! Ich kann nur für mich sprechen, aber meine Kunst ist eine Erweiterung meiner Person. Ich fertige Graffiti aus dem Bedürfnis für Kommunikation an und weil es mir persönlich Freude bereitet. Diese Freude will ich weitergeben, vielleicht können Passanten für einen Moment ihre Alltagsprobleme vergessen, wenn sie mein Graffiti sehen. Das treibt mich an, weiterhin Wände zu bemalen.
Jeder Künstler hat immer seinen eigenen Anspruch und seine eigenen Idee, mit denen er an sein Werk herangeht. Das macht natürlich, ganz klar auch der Graffitikünstler. Die Individualität steht dabei im Vordergrund: Der eigene tag – der Name oder Graffitiname des Künstlers – ist dabei zentral. Andererseits können die Passanten das Graffiti meist nicht lesen, sondern empfinden es als Schmiererei oder Kunstwerk, die Individualität können sie aber nicht erkennen, weil sie den tag nicht lesen können. Graffiti hat eine ganz eigene Sprache, die von der Szene genutzt wird. Gleichzeitig zieht sich aber vor allem Individualität beim Graffiti wie bei allen Kunstformen durch und das muss auch so sein.
14 Kommentare Schreib einen KommentarKommentare
Kommt drauf an vor allem an Bahnhöfen kann man manchmal echt mega gute Werke sehen aber finde dieses stupide nur seinen Namen in Grafiti schrift ohne ausschmückung relativ grässlich
Das hängt vom Motiv und den künstlerischen Fähigkeiten dahinter ab… Es gibt wirklich wunderschöne Graffiti, aber andererseits eben auch Schmierereien Marke ‚*** ist ein H****sohn!‘ , und DIE sind dann überhaupt nicht schön und verschandeln eine Wand!
Die Frage ist wie „Ist Bildhauerei Kunst?“ einfach falsch gestellt.
Graffiti schafft Angstträume! #MarionWalsmann
Angstträume? Haste ihr nachts ins Gesicht gesprüht?
ins gesicht???
Was zur Hölle hat denn Street Art mit Graffiti zutun?? Mehr als nur ein Widerspruch.
Streetart ist eine Form des Graffiti bei der auf Schablonen gesprüht wird
Kommt darauf an.
Für diesen Diskurs muss man erstmal unterscheiden zwischen Graffiti -Malern und den Tagging-Kids, die vor Graffitis auch keinen Halt machen….
klar doch, Graffiti kann auch Kunst sein. :)
Der Begriff KUNST ist ja relativ/Geschmackssache. Ich wünschte, es würden mehr Flächen für die Künstler ausgewiesen… Nach meinem Empfinden ist es teilweise Kunst vom Feinsten 👌. Aber, wie hier bereits erwähnt, nur einfaches Gekritzel etc. sollte nicht gestattet werden.
Ich finde es schön
Ich sehe hinter den Strichmännchen von H. Nägeli nichts künstlerisches, jedes Vorschulkind zeichnet dieselben Strichmännchen, Nägelis Graffitis sind Provokation aus Langeweile, was das Auge beim sehen beleidigt geht nicht unter Kunst, meine Meinung.