Germany’s Next Topmodel, Danmarks Næste Topmodel, Top Model Polksa…die Sendung scheint ein weltweiter Trend zu sein. Publikum finden diese Sendungen meist bei den Jüngeren, im letzten Jahr schauten in Deutschland 42 Prozent aller Mädchen und jungen Frauen zwischen zwölf und 22 Jahren die Castingshow. Bleibt das ohne Folgen oder haben wir es hier mit einem populären Frauenbild zu tun? Organisationen wie Pinkstinks warnen vor einem schlechten Einfluss auf die jungen Frauen und Mädchen.

Es ist ja nur eine TV-Sendung, sagen wohl die meisten. Aber wie sieht es mit alternativen Vorbildern aus? Für die Kleinen gibt es bei den hübschen Disneyprinzessinen und Barbies kaum Auswahl, die Werbung bietet Powerfrauen, die gute Hausfrau oder die sexy Frau, natürlich immer perfekt gestylt. Aber auch in den Nachrichten sieht es nicht besser aus, bei Berichten über Frauen in Führungspositionen spielen Aussehen und familiäre Situation stets eine wichtigere Rolle als bei den männlichen Kollegen, wenn die Frauen in Führungspositionen überhaupt sichtbar werden.

Die Realität ist doch aber immer komplexer als in den Medien dargestellt! Das gilt ja schließlich auch für die Männer, die klischeehaft „starke“ Ernährer sein müssen und in der Werbung zu dumm für den Haushalt sind. Dennoch scheinen die Konsequenzen für Frauen andere: in Führungspositionen sind sie seit Jahren unterrepräsentiert, auch wenn sie bei Bildungsabschlüssen längst aufgeholt haben. Der Gender Pay Gap bleibt mit 21 Prozent Lohnunterschied in Deutschland auch eine Tatsache und selbst wenn Frauen die typischen Männerberufe ergreifen, bezeugen gerichtliche Klagen eine hartnäckige Ungleichbehandlung im Gehalt und Aufstiegschancen. Erfolg außerhalb der eigenen vier Wände ist eben nicht weiblich, oder was?

Was denken unsere Leser? Monica glaubt, dass der Anfang in den Kinderzimmern und Spielzeugläden gemacht werden muss, damit Frauen neue Rollen und traditionelle Männerberufe für sich entdecken. Christos denkt, dass wir so wenige Frauen in Führungspositionen haben, weil dem gängige Stereotype von Männern und Frauen widersprechen.

Wir haben Bundesjustizministerin Katarina Barley gefragt, wie sich solche Stereotype ändern lassen, als sie noch Bundesfamilienministerin war. Wie antwortet sie Christos?

Sexismus findet auf allen Ebenen statt: in der Familie, in der Schule, auf der Arbeitsstelle, im Freizeitbereich, in den Medien, in der Wirtschaft und in der Politik. Oft mischt sich Sexismus mit anderen Formen der Diskriminierung aufgrund von Herkunft, sexueller Identität, Alter oder Behinderung. Aktuelle Fälle rufen oft nur kurzzeitige empörte Reaktionen hervor, strukturelle Veränderungen bei der Bekämpfung von Sexismus bedürfen deshalb nachhaltiger Maßnahmen. Dazu gehören Gesetze, wie etwa der Grundsatz „Nein heißt Nein“, den wir in der letzten Legislaturperiode im Strafrecht verankert haben, genau wie eine Sensibilisierung für das Thema. Das muss auf allen Ebenen stattfinden – in der Familie, am Arbeitsplatz und im Freundeskreis. Ich würde mir wünschen, dass, wenn irgendwo ein sexistischer Spruch fällt, die anderen Anwesenden ganz selbstverständlich einschreiten.

Für eine zweite Meinung haben wir Christos Frage der Birgit Kelle gestellt. Die Journalistin und Publizistin setzt sich in ihren Artikeln und Büchern für ein positives Image traditioneller Frauenbilder ein. Stimmt sie Frau Barley zu, dass wir alle aktiv werden müssen?

Ich glaube, dass die Gründe für wenige Frauen in Führungsposition sehr vielschichtig sind. Der Hauptgrund ist, dass wir Frauen überhaupt erst später angefangen haben mit dem Berufsleben. Also ist das schon rein historisch begründet, dass wir lange in einer Männerwelt gelebt haben. Es hat sicher weniger mit Rollenbildern zu tun, sondern eher mit den unterschiedlichen Prioritäten von Männern und Frauen. Wir sehen, dass die Frauen selbst bei einer gezielten Frauenförderung nicht unbedingt auf die Spitzenpositionen wollen. Selbst in Ländern wie Norwegen, wo Frauen gezielt gefördert werden, ist es nicht leichter, die offenen Stellen mit Frauen zu besetzen. Natürlich werden wir von den Rollenbildern oder auch sogenannten Stereotypen beeinflusst, wir sehen aber auch gerade in Deutschland und Europa, wie wir von mächtigen Frauen regiert werden. Diese Frauen haben sich nicht abschrecken lassen und früh behauptet, daher müssen wir das Thema viel breiter diskutieren, warum weniger Frauen in Führungspositionen sind. Es ist ein Novum, dass Frauen im Erwerbsleben tätig sind. Daher gehe ich auch ohne ein Gesetz oder Quoten von einer ganz anderen Situation in 20 Jahren aus. Wir werden dann zur Hälfte vertreten sein.

Unser Leser Thijs hat wiederum angemerkt, dass auch Männer in gesellschaftliche Stereotype gezwungen werden können. Wenn Männer keinen Vollzeitjob haben und genug Geld verdienen, sind sie keine „richtigen“ Männer. Also müssen die Frauen für Kinder zu Hause bleiben. Wie holen wir also die Männer mit an Bord?

Die meisten Männer in unserer Gesellschaft sehen doch die Notwendigkeit, dass mehr für Gleichberechtigung getan werden muss. Damit das gelingt, brauchen wir mehr Vorbilder, gerade auch auf Seiten der Arbeitgeber. Es muss eine Selbstverständlichkeit werden, dass Väter längere Zeit in Elternzeit gehen, ihre Arbeitszeit reduzieren oder auch mal zu Hause bleiben, wenn das Kind krank ist. Das müssen sie selbst einfordern, es darf ihnen dabei aber auch niemand Steine in den Weg legen. Außerdem kann die Politik noch an wichtigen Stellschrauben drehen. Das beste Beispiel ist hier ein gesetzliches Rückkehrrecht von einer Teilzeitstelle in Vollzeit. Davon würden vor allem Frauen profitieren, die heute immer noch allzu oft nach der Erziehungszeit in der Teilzeitfalle hängen bleiben. Aber auch viele Männer würden sich dann sicherlich eher trauen, ihre Arbeitszeit für die Familie zu reduzieren. Das tun sie heute aus Angst vor beruflichen Nachteilen immer noch sehr selten.

Was sagt Frau Kelle zum männlichen Rollenbild?

Also nur weil ein Mann gut verdient, heißt das nicht, dass nicht auch die Frau gut verdienen kann! Was heißt denn, dass der Mann dann in einen Stereotyp gedrängt wird? Ich stelle eher fest, dass die meisten Männer gerne diese Rolle ausfüllen und viele Frauen nach solch einem Mann suchen. Manche dieser Debatten werden sehr theoretisch in einem luftleeren Raum geführt und wenn wir die Menschen dann ganz praktisch fragen, wie sie sich ihren Partner vorstellen, dann finden wir oft „Klischees“ oder „stereotype Rollenbilder“, aber – Oh Wunder – sie sind glücklich damit! Warum sollten wir etwas ändern, womit Menschen glücklich sind?

Haben stereotype Rollenbilder einen schlechten Einfluss? Was denkt ihr? Sind zum Beispiel Gehaltsunterschiede im Job eher historisch begründet, als dass Stereotype sie befeuern? Wird sich das Problem von allein lösen? Was sollten wir unternehmen?

Foto: cc/ Flickr – Julius Seelbach

Portraits: c Steffen Kugler (Barley), c Kerstin Pukall (Kelle)



5 Kommentare Schreib einen KommentarKommentare

Was denkst du?

  1. avatar
    Josi

    Ja! Ich denke stereotype Rollenbilder haben einen großen Einfluss. Leider. Damit muss endlich Schluss sein!

  2. avatar
    Miriam

    Klum&Kelle sind der Anrichrist ^^, für mich sind das zwei zynische, menschenverachtende Frauenhasserinnen. Es gibt mittlerweile viele Studien, die zeigen, dass Sendungen wie die von Heidi Klum einen hochgradig negativen Einfluss auf Rollen- und Körperbilder haben. Das ist lääängst bekannt. Die Magersuchtraten sind nicht zuletzt dadurch enorm gestiegen. Jede 10. Magersüchtige stirbt an ihrer Krankheit oder den Folgen. Eine der häufigsten Todesursachen junger Frauen in Deutschland.

  3. avatar
    Holger

    DebatingEurope/DE selbst das Spielzeug was ihr zitiert ist emanzipierter als die Teilnehmer dieser Sendungen oder gar deren Crew. So etwas sollte man wirklich verbieten! Und ja solche Formate haben einen äußerst schlechten Einfluss.

  4. avatar
    Phillip

    Ich denke die meisten jungen Menschen werden inzwischen die extremen Stereotypen als überzeichnet und lächerlich erkennen.

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