Vor 500 Jahren soll Martin Luther seine 95 Thesen  an die Kirchentür in Wittenberg geschlagen haben. Über den freien Tag 2017 freuten sich sicherlich alle, aber feierten auch alle mit? Der Reformationstag ist ein religiöser Feiertag der evangelischen Kirche, er soll jetzt auf Dauer ein Feiertag In Norddeutschland werden. Er gilt als Stunde null der Reformation. Aber warum hat die Bedeutung?

Im Jahr 1517 wollte der Mönch Martin Luther den geschäftsmäßigen Ablasshandel der katholischen Kirche nicht mehr mitansehen. Sich von Sünden freikaufen? Das war für ihn mit der christlichen Lehre nicht vereinbar. Mit seinen Thesen wollte Luther die Kirche verändern, aber es kam letzten Endes zur von ihm ungewollten Spaltung, dabei wollte er weder Revolutionär noch Politiker sein.

Im Reformationsjahr wurde auch viel Negatives über Luther aufgearbeitet: sein Hass gegen Juden, die Stellung der Kirche über allem – ein Vorbild für die heutige Zeit ist er sicherlich nicht. Trotzdem lässt sich mit Luther viel Geld verdienen: Die Reformationsfeierlichkeiten sollten den Tourismus ankurbeln, es werden Kerzen, Bücher, Filme und Socken verkauft. Die Rekordverkaufszahlen von Luther als Playmobilfigur verdeutlichen das Interesse.

Woher kommt das Interesse? Wir haben mit Prof. Dr. Dorothea Wendebourg über eure Fragen und Kommentare gesprochen. Was sagt die Expertin für Kirchengeschichte an der Humboldt-Universität zu Berlin?

Wir haben einen Kommentar von Ingo erhalten, er führt unsere heutige Religionsfreiheit auf den Augsburger Religionsfrieden von 1555 und letzten Endes auch auf Luthers Wirken zurück. Stimmt Prof. Wendebourg zu?

Ich würde insofern zustimmen, als wesentliche Elemente der Religionsfreiheit auf Luther und den Religionsfrieden zurückzuführen sind. Allerdings nicht die umfassenden Regelungen der Religionsfreiheit im heutigen Sinn. Sie sind ein Produkt der Aufklärung. Aber es wird heute gesagt, dass letztlich nur das Gewissen des einzelnen über die Religion entscheiden kann und dass der Staat darauf keinen Einfluss nehmen darf. Das hat Luther von Anfang an betont und es war einer der Gründe, die zu seiner Exkommunikation geführt haben.

Christian findet es dagegen viel wichtiger, dass wir uns durch die Reformation und Aufklärung vom „Joch der Kirche“ befreit haben und daher heute so leben können, wie wir wollen.

Selbstverständlich ist es so, dass nicht einem Mann und einem Ereignis aus dem 16. Jahrhundert all das zuzuschreiben ist, was wir heute als moderne Errungenschaften haben. Wir sind in vielerlei Hinsicht weit über Luther und die Reformation hinausgegangen. Insofern trennt uns hier ein tiefer Graben. Aber die Denkanstöße für die spätere Zeit liegen definitiv in der Reformation. Diese haben unter den Bedingungen des 16. Jahrhunderts Freiräume geschaffen, die wir heute unter modernen Bedingungen nicht mehr als solche empfinden würden. Es waren Denkanstöße für eine patriarchalische, stark kirchlich geprägte Gesellschaft.

Sven ist der Meinung, dass Martin Luther heute als Populist bezeichnet werden würde. Ist er vielleicht deshalb bis heute „populär“?

Sicherlich, seine Maxime „dem Volk aufs Maul“ zu schauen, ist – wenn man so will – eine Maxime des Populismus. Man muss gucken, was wollen die Leute und welche Sprache sprechen sie. Luther hat dann aber, mit dem was er gelehrt und verkündigt hat, vieles gesagt, was dem Volk nicht passte. Das kann man im Bauernkrieg sehen oder darin, dass das Evangelium im Zentrum des Lebens stehen solle, und dergleichen mehr. Er hat dem Volk also nicht alles gegeben, was es wollte, und ihm auch widersprochen. Insofern war Luther ein kritischer Populist.

Warum feiern wir Luther noch heute? Ist der Einfluss der Reformation in unserer Gesellschaft verankert oder ist das alles Marketing zum Jubiläum? Gibt es auch Gründe für Katholiken mitzufeiern? Was meint ihr?

Foto: CC0/ Pixarbay – mrapsch



6 Kommentare Schreib einen KommentarKommentare

Was denkst du?

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    Adalar Schmidt

    also ich feiere Luther nicht. Ich feiere Attila den Hunnenkönig. Ich als Deutscher muss sagen das ist mein Vorfahre. :D Was interessiert mich irgendein religiöser ? :D

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    Maria Remmers

    Da wir in einem christlichen Land leben , werden auch die dazu gehörenden Gedenk- und Feiertage gefeiert, so einfach ist das

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    Holleman Wiberg

    Luther kann man mit einem lachenden und einem weinenden Auge sehen. Sicherlich war er eine Schlüsselfigur des christlichen Glaubens, allerdings auch ein enormer Fundamentalist und einer der größten Antisemiten seiner Zeit.

    Mir persönlich ist der Reformationstag egal, bin nur auf dem Papier evangelischer Christ.

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    Klaus Schemmerling

    Na klar, weil auch durch die Reformation ein Denkprozess eingeleitet wurde- bei jedem normalen Katholiken bis hin zu Johannes XXIII und Franziskus – außerdem gehört Gott keiner Konfession
    Allein der Glaube- Allein das Wort (Bibell) und allein aus Gnade rechtfertigt uns vor Gott – aber das war ja der Ursprung des reformatorischen Gedankens und der hat einiges in Bewegung gesetzt immer noch

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    Elajah Till

    Die reformation war prägend für Deutschland, die Menschen heutzutage können jedoch nichts mehr damit anfangen. – fehlende Bildung

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    Hans Michael Wittkowski

    Das alle Menschen vor G’tt und dem Gesetz gleich sein sollen stammt aus dem Judentum. An Eretz Yisrael sieht man die Verwirklichung zur Verbesserung der Welt, wo alle gleiche Rchte und Pflichten haben.

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