Wachstum bedeutet Geld – nicht Glück oder Nachhaltigkeit. So ist das Bruttoinlandsprodukt der USA pro Kopf viel höher als das der EU. Aber schaut man auf den Weltglücksbericht, rangieren die USA mit Deutschland weit hinten, während die glücklichsten Menschen in Skandinavien leben. Für Glück zählt eben mehr als genereller Wohlstand. Der Index nimmt beispielsweise noch Einkommen, Lebenserwartung, das soziale Netz, Freiheit und Vertrauen in Behörden mit in die Rechnung auf.

Kritiker sehen für unser Wachstumsmodell keine Zukunft mehr, da es nicht nachhaltig ist. Vielmehr sollten wir das Wachstum drosseln, um unseren Planeten zu retten. Eine Verringerung des Wachstums würde dem Klimawandel entgegenwirken und Ressourcen schonen. Ökonomisches Wachstum von drei bis vier Prozent im Jahr führt zu einer Verdopplung des Konsums alle 20 Jahre. Nach einigen Schätzungen bräuchten wir bis 2030 also 2 Erden, um so weitermachen zu können, wie jetzt.

Aber die (dritte) Welt will nicht arm bleiben. Millionen in Asien, Afrika und Südamerika streben nach unserem Wohlstand – mit iPads, Klimaanlagen und den neuesten Flachbildfernsehern. Kann die (erste) Welt in dem Moment einen Wachstumsstopp verlangen, in dem Millionen von Menschen in den Genuss von dem Wohlstand kommen, den wir für selbstverständlich halten? China ist vielleicht das beste Beispiel: Die Wachstumsraten erreichen dort schwindelerregende Höhen. So lag 1970 das BIP pro Kopf von China bei 148 US-Dollar, während es 2015 schon 4.132 Dollar waren. Damit haben sie die westliche Welt noch lange nicht eingeholt, aber weniger Wachstum würde für viele Menschen Armut bedeuten.

Was denken unsere Leser? Tom hat uns geschrieben, dass wir Erfolg falsch messen. Ökonomisches Wachstum sei das falsche Maß, soziale und ökologische Kosten sollten dringend mit in die Rechnung einbezogen werden.

Für eine Antwort sprachen wir mit Alessandro Magnoli Bocchi, dem Gründer und Vorstandschef von Foresight Advisors und früherer Ökonom bei der Weltbank. Wie reagiert er auf Toms Kommentar?

Tom hat recht. Wir müssen Erfolg auf verschiedene Arten Messen. Das BIP ist nur ein Indikator von vielen. Es ist ein notwendiger Faktor aber allein nicht aussagekräftig.

Ersten sollten wir wissen, was für eine Art von Gesellschaft wir aufbauen wollen. Dann wird Erfolg danach bewertet, wie nah wir dem Ziel sind. Ich verstehe Tom so, dass es Wachstum noch geben soll, also bleibt das BIP wichtig. Aber es muss ein inklusives Wachstum sein, und dann wird der Gini-Koeffizient wichtig. Es müssen Umweltverschmutzung, Ausbildung, Gesundheit und Gleichberechtigung – also die Millenniumsziele – miteinberechnet werden. Ich finde das BIP wichtig, aber nur in Kombination mit anderen Faktoren. Wenn man nur nach dem BIP schaut, riskiert man ein unvollständiges Bild der Situation. Aber Institutionen wie die Weltbank nutzen mehr als den BIP, um Erfolg zu messen. Wenn wir als Ziel haben, eine inklusive Gesellschaft zu schaffen, müssen wir all die genannten Faktoren miteinbeziehen.

Für eine weitere Meinung sprachen wir mit Wolfgang Büscher, dem Pressesprecher der ARCHE, die sich gegen Kinderarmut in Deutschland engagiert und sozial benachteiligte Kinder fördert. Sollten wir uns mehr auf das allgemeine Wohlbefinden konzentreieren?

Was ich in der Arche mit den Familien erlebe, die meisten Menschen identifizieren sich über ihren Job. Ich liebe meinen Beruf und dann fühle ich mich sauwohl. Man muss nur auch so viel in seinem Job verdienen, um davon leben zu können. Das sollte einfach so sein, alles andere ist schwierig. Deswegen ist ein gewisser Mindestsatz beim Stundenlohn moralisch gegeben. Das Wohlbefinden hängt daher auch mit der Wirtschaft und Wachstum zusammen. Die Leute wollen gebraucht werden, sie wollen arbeiten, aber ich muss auch von meinem Job meine Familie versorgen können, sonst ist das eine Schande. Das Wohlbefinden hat damit schon auch mit Jobs zu tun.

Sollten wir weniger auf Wachstum und mehr auf Wohlbefinden achten? Was meint ihr, ist zu viel Wachstum schlecht? Schreibt uns eure Meinung und wir geben sie weiter!

Foto: CC / Flickr – Hamza Butt

 

Dieser Beitrag wurde von der Fondazione Cariplo finanziert. Alle Details stehen im FAQ. Fondazione Cariplo


14 Kommentare Schreib einen KommentarKommentare

Was denkst du?

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    Pius Stark

    wär scho ned schlecht , aber da is der Mensch zu gierig , des kends jedz glauben oder ned .

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    Pro Jet Corp

    Never! Das Wachstum ist viel zu gering! Es sollte ermöglichen SozialLeistungen des Staates weiter aus zu bauen, zB. Bildung/ kostenlos studieren, BGE, Entwicklungshilfe.

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    Mert Katapult

    Naja, irgendwann wird wohl Schluss sein. Die Frage ist, wie überlebt man denn, wenn man anderen beim Wachsen nur zusieht. Kann man keine bessere Alternative finden, oder warten wir ab,bis noch mehr Länder so auf der Strecke bleiben, dass ihnen quasi nicht mehr zu helfen ist. Haben wir bzw. weiterhin Wachstum, wenn Leute auf finantzieller Hoffnungslosigkeit zu uns kommem müssen? Und selbst wenn wir weiter wachsen, können wir es vielleicht so tun, dass afrikanische Länder ihre Tomaten und Hühner nicht von uns kaufen müssen, weil es hier automatisiert viel günstiger hergestellt wird. Schön wäre es, wenn man es jedem einigermaßen gerecht machen könnte.

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    Martin Reim

    Zu viel Wachstum in der Natur ist ein Problem. In unserem Körper z.B. nennt man es Krebs. Da wir als Menschen teil eines Ökosystems sind, ist unsere Vorstellung vom Wachtum der Ökonomie nicht nur falsch, sondern lebensgefährlich.

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    Martin Reim

    Die Menschheit muss mit den Ressourcen auskommen die ihr zur Verfügung stehen. Es muss ein weg gefunden werden, damit alle Menschen an diesen Ressourcen teilhaben können. Unsere Modelle von Wirtschaft, Geld usw. sind dafür nicht geeignet. Wenn wir als Spezies erfolgreich sein wollen ohne Werte wie Menschenrechte, Chancengleichheit u.ä. aufgeben zu wollen, müssen wir die Methoden des letzten Jahrtausends endlich hinter uns lassen.

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    Udo Rosenkranz

    Die Gier eines Teiles der Menschen – wie z.B. Trump und Schaeuble * muss umgelenckt werden sonst ist der Weltkrieg nicht mehr weit weg .

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    Franz Josef Manderfeld

    Wohlbefinden und Glück ist wichtiger als ständiges Wachstum; Leider haben das nicht alle verstanden. Nur eine Art des Wachstums darf unendlich wachsen: Kultur und Wissen können gerne immer wachsen! Und das Angebot an der Kuchentheke ;-)

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    Anonymous

    Wenn das Wohlbefinden da ist dann ist das Wachstum natürlich – die Welt stagniert nicht plötzlich, wenn es allen gut geht, vielmehr haben alle dann am Wachstum ihren Anteil. Das Wachstum könnte dann möglicherweise sogar deutlich anziehen, weil dann auch mehr Menschen am wissenschaftlichen Prozess teilnehmen können, und neue Technologien bedeuten mehr Produktion – und vielleicht können wir die Erde dadurch schützen, dass wir andere Welten bewohnbar machen oder sogar erschaffen

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    Christian

    Wachstum findet nur für.die 10% am oberen Ende der Fresskette statt… wir haben davon nichts,.seit 15 Jahren schon…

    Trickle Down war von Beginn an eine Lüge…. Du kannst Reich werden, aber.nicht alle … kann also weg, Wohlbefinden ist unbezahlbar und ni ht käuflich….

    http://www.meudalismus.dr-wo.de/

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