Die Prognose ist nicht gut. Wenn die europäischen Gesundheitssysteme nicht bald ihre Arbeitsweise ändern, schwebt über ihnen ein großes Fragezeichen, wie lange sie noch funktionieren können. Betrachtet man die Altersentwicklung sowie die Verbreitung chronischer Krankheiten in Europa und die damit verbundenen Gesundheitskosten, müssen die Krankenkassen bald mehr mit weniger erreichen.

Vor allem die “Vergreisung” der Bevölkerung wird die Gesundheitsausgaben bis 2060 auf 10% des europäischen Bruttoinlandsproduktes steigen lassen, prognostiziert die Europäische Kommission. Schon jetzt vermehren sich die Anzeichen, dass mehrere Systeme der EU Mitgliedsländer ins Straucheln geraten.

Wir erhielten einen Kommentar von Mac, der sich fragt, warum die Gesundheitskosten nicht aufhören zu steigen. Die Ausgaben der öffentlichen Gesundheitssysteme machten 2014 14% der staatlichen Ausgaben in der Europäischen Union aus, während es 1995 noch 12% waren. Wird sich dieser Trend fortsetzen?

Wir stellten John Bowis Macs Frage, der 1993-1996 der britische Gesundheitsminister war. Was antwortet er?

Ich würde zu Mac sagen, dass die derzeitigen Prognosen zeigen, dass wir bei der Gesundheitspolitik umsteuern müssen, da sie sonst nicht nachhaltig ist.  Der Grund dafür ist natürlich die steigende Lebenserwartung der Menschen und den damit häufiger werdenden neurodegenerativen Krankheiten und so weiter. Wir wissen, wie schnell die Wissenschaft voranschreitet, das sind gute Neuigkeiten, aber das bringt auch steigende Kosten für Medikamente, Ausstattung und Therapien. Das erhöht immer mehr den Druck auf die öffentlichen Ausgaben, in einer Zeit in der in Europa gespart werden muss, da wir uns noch von den ökonomischen Problemen der vergangenen Jahre erholen.

Dieser Druck wird sich noch weiter erhöhen. Was machen wir also? Ich glaube, dass wir mehr ausgeben müssen, aber dafür müssen wir die Regierungen und die Europäische Union davon überzeugen, dass Gesundheit nicht nur ein Kostenpunkt sondern eine Investition ist. Wenn man in eine gute Gesundheit investiert, fördert man ökonomisches Wachstum, weil Kranke nicht nur in Bezug auf Medikamente Kosten verursachen sondern auch keinen Beitrag leisten. Sie können nicht arbeiten, keine Steuern zahlen und so weiter, das ist ein Teufelskreis. Wir müssen die Regierungen überzeugen, dass sie in Gesundheit investieren und wir alle später davon profitieren.

Ich glaube, wir müssen auch sehen, wie Individuen eine größere Rolle bei ihrem eigenen Gesundheitsmanagement spielen können. Es braucht Aufklärung und gemeinsame Anstrengungen um zu verstehen, dass Patienten praktisch die besten Experten ihrer eigenen Gesundheit sind, da sie die direkte Erfahrung haben, anders als wissenschaftliche Untersuchungen. Wenn wir das besser organisieren, können wir Kosten senken…

Wir bekamen außerdem einen Kommentar von Rita, die mehr öffentliche Gelder in Prävention investieren würde. Zurzeit sind das 3% der Gesamtausgaben im europäischen Gesundheitswesen. Sollten wir mehr Geld für Informationskampagnen, Sport und Fahrradwege statt für Krankenhäuser, Ärzte und Medikamente ausgeben?

Wir fragten Ain Aaviksoo, den stellvertretenden Generalsekretär für E-Services und Innovation im estnischen Sozialministerium. Die Gesundheitsausgaben in Estland liegen weit unter dem Schnitt der OECD obwohl die Bevölkerung auch in Estland versorgt ist. Wie reagiert er auf Ritas Frage?

Ich würde Rita sagen, dass wir von Menschen wie ihr mehr hören wollen, damit wir diese Ideen bei den Politikern einfordern können. Ob man das nun glauben will oder nicht, eines der Probleme ist, dass die Menschen erst über ihre Gesundheit nachdenken, wenn sie schon krank sind. Klar gibt es eine unmittelbare Nachfrage, wenn Menschen an die Tür des Arztes anklopfen, aber wir müssen auch realisieren, dass eine starke Industrie hinter Medikamenten und Technologie steht.

Wir brauchen einen Paradigmenwechsel, der kommt aber nicht ohne die Unterstützung der verschiedenen Interessenvertreter und Bürger. Ich würde noch nicht sagen, das Glas sei halbvoll aber es wird wenigstens voller … Menschen wie Rita unterstützen Veränderung, indem sie mit Freunden und Nachbarn sprechen, weil Prävention nur funktioniert, wenn die Leute ihren Beitrag leisten. Es ist leicht zu erwarten, dass der Arzt etwas verschreibt, die Regierung bezahlt dafür und dann wirst du wieder gesund. Aber wenn dir der Arzt sagt, dass du joggen oder Fahrrad fahren sollst, kann niemand anderes als der Patient selbst das Rad nehmen und tatsächlich damit fahren. Es ist also eine Kombination aus neuem Gesellschaftsvertrag zwischen Bürgern und Entscheidungsträgern als auch Forderungen von Bürgern, wie hier so gut von Rita vorgetragen.

Sind die Gesundheitssysteme in Europa krank? Sind einige Modelle nachhaltiger als andere? Warum wird nicht mehr in Prävention investiert? Lass uns deine Meinung wissen und wir stellen den Entscheidungsträgern Europas deine Fragen!

FOTO: cc / flickr – Hamza Butt

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12 Kommentare Schreib einen KommentarKommentare

Was denkst du?

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    Krisztina Juhasz

    Alle, die in diesem System arbeiten, egal ob Krankenschwester oder Arzt, sollten besser bezahlt werden.

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    Bibi Marx

    wenn unsere Unternehmen so lahm wären, wie die Verwaltungen, bräuchten wir keine Verwaltungen mehr..

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    Elajah Till

    Es bedarf einer Krankenkasse in die alle einzahlen. Wer sich zusätzlich versichern will, darf das gerne tun.

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    Thorsten Kann

    Die Frage ist schon eine sehr starke vereinfachung. Warum nichbt gleich ragen, ob die Welt perfekt ist….

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