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In der EU warten über 60.000 Menschen auf Spenderorgane. Aber nur ein kleiner Bruchteil der Europäer registriert sich tatsächlich als Organspender, was zur traurigen Tatsache führt, dass tausende Menschen jedes Jahr sterben, während sie auf ein passendes Organ warten. In Deutschland ist die Zahl der Organspenden in den letzten Jahren sogar zurückgegangen.

Stirbt ein Mensch ohne Angaben zum Thema Organspende gemacht zu haben, wenden sich Ärzte an die nächsten Familienangehörigen. Diese wissen oft nicht, wie sie entscheiden sollen und entscheiden sich dann häufig für ein Nein. So werden gesunde Organe begraben oder eingeäschert. Es ist zwar eine schwierige ethische Frage und es fällt schwer in diesem Zusammenhang von „verschwendet“ zu reden, aber es ist nun mal wahr: Tausende Leben könnten jedes Jahr gerettet werden.

In Europa gibt es verschiedene Regelungen und es liegt im Entscheidungsbereich jedes einzelnen Mitgliedlandes damit umzugehen. Im Allgemeinen gibt es aber zwei Möglichkeiten: Die Zustimmungsregelung erfordert eine Zustimmung zur Spende zur Lebzeiten, die Widerspruchsregelung betrachtet jeden als potentiellen Organspender, wenn nicht aktiv widersprochen wurde.

Sollten mehr Länder die Widerspruchsregelung einführen? Diese Frage haben wir Professor Anthony Warrens, Dekan der Barts and the London School of Medicine und Mediziner am Royal London Hospital. Was hält er von diesem Vorschlag?

warrensDas ist nicht unbedingt meine Meinung. Ich ziehe eine aktive Entscheidung vor. Und was wir erreichen wollen, ist dass die Menschen die Möglichkeit so bewusst wie möglich machen… Bei so einem wichtigen Thema, sollte man keine Mutmaßungen anstellen, und daher bin ich gegen die Widerspruchsregelung.

Um auch eine andere Meinung zu hören, sprachen wir auch mit Willem Weimar, Professor für Innere Medizin an der Erasmus Universität Rotterdam und Mitglied im kleinen Rat der Europäischen Gesellschaft für Organtransplantationen (ESOT). Was hält er von der Widerspruchsregelung?

weimarAlso eine Widerspruchsregelung mag eine gute Lösung für den Mangel an Organspenden sein, aber sie wirft ethische Fragen über die Eigenständigkeit von Menschen auf. Wenn man individuelle Autonomie als Quintessenz von ethischem Verhalten sieht, dann sollten Menschen immer angeben, ob sie spenden wollen oder nicht.

Als letztes haben wir auch mit Bernadette Haase gesprochen, Direktorin der niederländischen Transplantationsstiftung. Findet sie, dass Leute automatisch zu Spendern werden sollten, mit der Möglichkeit Widerspruch einzulegen?

haase-200x200Das ist eine schwierige Frage. Meine persönliche Meinung ist, dass das eine gute Lösung sein könnte. In den Niederlanden haben wir das Problem, dass eine große Nummer von Angehörigen eine Spende ablehnen, wenn sie mit der Entscheidung konfrontiert werden. Viele Menschen haben noch nie über eine Spende nachgedacht, bis sie wirklich mit der Frage konfrontiert werden. Daher lehnen sie oft ab, weil sie nicht wissen, was der Wille des Verstorbenen gewesen wäre.

Wenn man die Widerspruchsregelung hat, dann geht man davon aus, dass die Menschen einer Spende zustimmen,  es sei denn sie widersprechen. Und das kann einen großen Unterschied machen. Momentan ist es in den Niederlanden genau andersrum. Und die Ablehnungsrate ist sehr hoch: mehr als 60%.

Aber man sollte beachten, dass es nicht nur um die Zustimmung des Spenders oder der Familie geht, sondern auch um das Umfeld im Krankenhaus. Man muss beispielsweise sicherstellen, dass wenn man stirbt, das Krankenhaus auch erkennt, dass man ein Spender ist. Das ist der erste Schritt. Der nächste Schritt ist, dass Krankenhäuser eine Umgebung schaffen sollten, in der Angehörige sich sicher fühlen können und sie den Ärzten trauen können und wissen, dass der Verstorbene in guten Händen ist. Das hilft auch dabei, die Möglichkeit einer Spende zu erhöhen. Ein System mit automatischer Spende einzuführen, ist also nicht die einzige Lösung. Wir brauchen eine Kombination aus Gesetzgebung, öffentliche Aufklärung und die Unterrichtung von Ärzten in Krankenhäusern.

Sollte jeder als Organspender betrachtet werden, außer man widerspricht? Wie kann man mehr Menschen dazu bringen, sich als Spender zu registrieren? Schreib uns deine Ideen und wir bringen sie zu Europas Entscheidungsträger.

FOTO: CC / Flickr – Francesca Palazzi


44 Kommentare Schreib einen KommentarKommentare

Was denkst du?

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      Martin Rehntier

      Finde ich auch. Wenn ich recht informiert bin wird es in bei mir Österreich nicht so gehandhabt, also bei uns müsste man (so denke ich zumindest) einen widerspruch deponieren. Wie dies gehandhabt werden wird wenn es neue Staatsbürger betrifft könnte interessant werden.

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      Martin Behnke

      Kann er ja. Er wird erstmal als Organspender angesehen und er kann sich jederzeit dazu entscheiden, dem zu widersprechen

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    Holleman Wiberg

    Einfache Kiste: Jeden als Totspender ansehen, außer, er widerspricht ausdrücklich. Habe selber einen Ausweis, bin bei der DKMS eingetragen und spende regelmäßig Blut. Alles raus, was keine Miete zahlt! Mehr noch, wenn es anderen Leuten das Leben retten kann :-)

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    Martin Behnke

    Die Entscheidungsfreiheit wird ja nicht eingeschränkt, wer es nicht will, widerspricht dem einfach und gut ist. Sehe dabei das Problem nicht.

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    Conny Winkler

    nein, ich spende nichts, auch nicht nach meinem Tod,
    und ich möchte auch keine Spende haben…..

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      Carl

      Das bleibt in jedem Fall dein Recht.

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    Kristin Punga

    Impfzwang und bald Organspendezwang! Bald hat keiner mehr ein Recht und ist gläsern wie eine klare Brühe! Jawoll

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    Phillip Thern

    Durch eine Widerspruchsregelung sehe ich gegenüber dem Vorteil, dass potentiell mehr Organe zur Verfügung stehen, vor allem das Problem, dass man nicht unbedingt immer ein Widerspruchsschreiben zur Hand hat. Wenn man daraus eine im Testament festgelegte Erklärung machen will, kann es Tage dauern, bis die Organe freigegeben werden, und bis dahin sind möglicherweise die benötigten Organe nicht mehr brauchbar. Ein Organspender hat dagegen seinen Ausweis für gewöhnlich dabei, und die Transplantationschirurgen können dann sofort handeln. Andererseits könnten bei einer Widerspruchsregelung Organe auf Vorrat entnommen werden – rein logistisch wäre dies sinnvoll, aber es ergäben sich dadurch wahrscheinlich noch in anderen Gebieten ethische Komplikationen

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    Tommy Jark

    Dürfte man solch eine Regelung überhaupt einführen? Die eigenen Organe sind ja nicht nur eigenes Eigentum, sondern Teil des Körpers. Nach dem Tod zentral darüber zu bestimmen bzw. anzunehmen, dass sie anders verwandt werden können, scheint mir spontan einer Enteignung gleichzukommen. Demnach könnte man auch für alles andere nach dem Tod bestimmen, nach dem Motto: is ja eh tot, brauch er nich!

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    Erna Götze

    Das würde ich richtig finden.Jeder sollte als Organspender gelten,wenn er nicht ausdrücklich widersprochen hat.

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      Carl

      Genau! Da stimme ich auf jeden Fall zu! Medizin ist ja auch scheiße! Alle die Krank werden einfach sterben lassen! Wirklich revolutionär… hm oder vielleicht doch lieber die Wahl geben? Ne! Tod durch Natur! Jawohl!

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    Anonymous

    Das sollte auf nationaler Ebene geregelt werden und immer die Entscheidung des Einzelnen bleiben.

    Wie so sollte die EU auch noch so etwas regulieren? Gruselig….

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      Anonymous

      Gerade das ist etwas, was die EU regeln soll, schließlich haben wir ein europaweites Organspende-System.

      Du kriegst auch deine Niere von einem Niederländer, falls du mal eine brauchst.

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      Anonymous

      Ich will keine Organe von anderen und meine Organe auch nicht spenden. Ganz einfach, das nennt man Selbstbestimmung und der Staat hat mich nicht zur lebenden Organbank zu machen – fertig.
      Das ausgewählt Bild zum Beitrag ist wieder treffen gewählt :D – hier geht es nur um eine gute Sache, nicht?!
      Das Abfeiern des starken Staates, die Aufgabe der Freiheit scheint in Europa wirklich Trend zu sein, gut ist, wenn man weg kann und geht.

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      Anonymous

      Jochen Metzger mein Problem ist nicht der internationale Organaustausch, sondern die Kompetenzfrage.
      Ich behaupte auch dass eine Organspende an sich auch weitgehend ohne Koordination durch Politik möglich ist.

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      Anonymous

      Anne Müller ich frage mich, ob Sie diese Meinung noch haben, wenn Sie oder einer Ihrer Angehörigen eine Niere bräuchte? Stellen Sie sich vor Ihr Kind ist schwerst krank, denken Sie dann immer noch so oder würden Sie alles unternehmen, daß Ihr Kind gesund wird?

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      Anonymous

      Andrea Scheinig dann könnte sie ihre Meinung ggF freiwillig ändern.

      Bei mir in Ö. gilt Einverständnis bis auf Widerruf, ich habe nicht widerrufen.

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      Anonymous

      Mein Punkt:
      Jeder sollte das selbst entscheiden.
      Jeder sollte spenden dürfen aber niemand sollte müssen.

      Die EU hat das nicht zu regeln.
      Die Kompetenzen der EU wurden schon genug ausgedehnt.

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    Anonymous

    Also die Regelung in diesem Bereich ist ja insgesamt von Land zu Land unterschiedlich. Im übrigen ist ja dieser Bereich gar nicht von der EU zu erledigen. Das obliegt den Ländern. Weil auch die EU ja nicht alles regeln kann, was sie will ☺️

    Ich persönlich bin für eine Umkehr auf das Widerspruchsverfahren – das Recht auf Selbstbestimmung bleibt erhalten und man kann mehr Leben retten. Win-Win-Situation

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    Anonymous

    Ja, jeder sollte grundsätzlich und EU-weit Organspender sein. Aber es muss eine einfache, möglichst unbürokratische opt-out Möglichkeit geben.

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      Anonymous

      Für Geld bekommt man alles

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    Anonymous

    Sind wir jetzt ein Ersatzteillager…?
    Solltenur mit Organspendepass auf freiwillerr Basis stattfinden!

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    Anonymous

    Gerade das ist etwas, was die EU regeln soll, schließlich haben wir ein europaweites Organspende-System.

    Du kriegst auch deine Niere von einem Niederländer, falls du mal eine brauchst.

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    Anonymous

    Nein.eine Frechheit,wie sich die Regierung anmaßt, Menschen als verfügbares Eigentum zu betrachten.

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    Anonymous

    Meiner Meinung nach definitiv ja…wie, vorbildlicherweise, in Österreich u. Spanien entsprechend geregelt

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    Anonymous

    Unbedingt! Man sieht ja, dass das „freiwillige“ eine Nullnummer ist. Solange ein Widerspruch und dadurch immer noch eine Option möglich ist, eben nicht zu spenden, bin ich dafür. Natürlich müsste man aktiv werden, wenn man nicht spenden will und das ist anstrengend, aber es wäre immer noch möglich.

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    Anonymous

    der Hammer. mhhhh der Patient auf 102 schafft es“vielleicht“aber man weiß es nicht. dann nehmen wir lieber seine Organe und pflanzen es dem und dem ein. den verwandten sagen wir er hätte“eigentlich“ keine Chance. dieses Szenario kann man sich gut und auch SEHR gerne vorstellen. wenn ein Arzt den einen gegen den anderen abwägen muss und du bist“der andere“ dann gute Nacht. ;-)

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      Anonymous

      Organe werden jetzt und wohl auch in Zukunft nicht auf den Verdacht hin entnommen, dass jemand nicht überleben könnte. Zur Zeit braucht es dazu einen unumkehrbaren Hirntod, eine Spendermeldung an die DSO, ein Angehörigengespräch und die Zustimmung zur Organspende. Letztere würde entfallen, alle anderen Hürden müssten weiter genommen werden.
      Im OP dann wird noch einmal der Hirntod festgestellt, allerdings darf das nicht durch den gleichen Arzt geschehen, wie bei der ersten Diagnose.

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    Thorsten

    ajo. warum nicht ? Hat doch jeder die Freiheit, Nee zu sagen.

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    Phillip

    Und wie soll ich dann mein Haus finanzieren, wenn das Angebot an Nieren plötzlich ansteigt?

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    Daniel Fechner

    Eine schwierige Frage, doch sollte sich jeder darüber im klaren sein, was nach dem Tod mit den Organen geschieht … sie werden zu „Wurmfutter“, früher (als Asche oder im Erdreich) oder später (wenn der Organempfänger stirbt).
    Meiner Meinung sind die fehlenden Organspenden damit begründet, dass sich die Menschen zu wenig Gedanken (und zu wenig Anstrengungen) um Bedürftigte machen, deshalb füllen sie den Antrag nicht aus.
    Ich bin für die Widerspruchslösung, jeder sollte spenden, außer man will nicht (Motto: Dein Körper, dein Wille).
    P.s.:
    Aber hier sind unglaublich viele mit dem gleichen Namen unterwegs … Anonymus … es geht immerhin nicht um ein Diskussion, die in 2 unerbitterlich gespaltene Lager aufgeteilt ist, im denen das jeweilig andere verteufelt wird.

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      DebatingEurope/DE

      Hallo Daniel,
      „Anonymus“ war einem Fehler im Plugin geschuldet, der inzwischen behoben ist.
      Vielen Dank für Deinen Kommenar!

  20. avatar
    Michael

    Etwas Spenden wäre ja eine aktive Aktion , dass man automatisch Organspender wird ….. ist alles ,außer Spenden ! Was für ein Einfall kommt vom Staat als nächstes ???

  21. avatar
    Florian

    Ja.

    Leute sollten aktiv werden müssen wenn sie explizit dagegen sind.

    Ansonsten sollte es automatisch möglich sein Organe zu entnehmen.

    Das heißt die bisherige Regel umdrehen. Für Vertrauen werben und sich das Vertrauen auch verdienen.

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