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Am 1. Juli 2015 wurde das sogenannte Schutzalter in Spanien von 13 auf 16 gehoben.
Zuvor war Spanien eines der tolerantesten Länder in Europa. Doch der Mord einer 13-Jährigen durch ihren 39-jährigen Partner entfachte eine landesweite Debatte. Denn die Eltern hatten die Beziehung zuvor angezeigt, die Polizei war jedoch machtlos, da das Mädchen nicht gezwungen wurde.

Viele Länder mit niedrigen Schutzaltern überprüfen in den letzten Jahren ihre Regelungen. 2013 zum Beispiel erhöhte Papst Franziskus das Schutzalter in Vatikanstadt von 12 (das damals niedrigste Alter in ganz Europa) auf 18 Jahre.

Trotzdem gibt es immer noch große Unterschiede zwischen den europäischen Ländern: 14 Jahre in Deutschland und Österreich, 15 in Kroatien, 16 in Belgien, 17 auf Zypern und 18 auf Malta.

Ab wann sollte Sex also legal sein? Wir haben diese Frage Peter Tatchell gestellt, ein britischer Menschenrechtsaktivist, der intensiv im Bereich LGBT-Rechte und Rechte von Jugendlichen bezüglich Sex und Beziehungen gearbeitet hat. Auf seiner Webseite (in Englisch) kann man viel über das Thema und seine Meinung dazu erfahren. Wir haben ihn gefragt: Welches Alter ist das richtige Schutzalter?

peter-tatchellÜberall in Europa gibt es unterschiedliche Schutzalter, meisten zwischen 14 und 18 Jahren. Und in all diesen Ländern passt das vorgeschriebene Alter nicht zum tatsächlichen Leben der Menschen. Ob es uns gefällt oder nicht, die meisten Jugendlichen haben sexuelle Beziehungen vor dem gesetzlichen Schutzalter.

Was ich vorschlage, ist das Schutzalter zu verringern, damit es mehr mit dem tatsächlichen Leben der jungen Menschen übereinstimmt und um die Kriminalisierung zu beenden, von Jugendlichen aber auch von Lehrern und Sozialarbeitern, die Kindern Hilfe und Unterstützung anbieten. Aber das sollte nur passieren, wenn Jugendliche früher und besser in Sexualkunde unterrichtet werden. Damit die jungen Menschen die Fähigkeiten, das Wissen und das Vertrauen haben, weise und verantwortungsvolle Entscheidungen zu treffen.

Vielleicht wäre es also eine gute Idee, ein einheitliches Schutzalter in ganz Europa zu haben, zum Beispiel 16 Jahre. Aber gleichzeitig sollte es auch Ausnahmen geben: Wenn zum Beispiel unter 16-Jährige Sex haben, und vorausgesetzt, dass nicht mehr als zwei Jahre Altersunterschied bestehen, sollte es keine Strafverfolgung geben. Das würde Gleichaltrige nicht kriminalisieren und sie gleichzeitig vor dem Missbrauch von wesentlich Älteren schützen.

Um darauf eine Antwort zu bekommen, haben wir auch mit Dr. Sarah Nelson gesprochen. Sie ist Spezialistin im Bereich Kindesmissbrauch, außerdem Forscherin, Schriftstellerin und Journalistin und arbeitete bereits als Beraterin für die schottische Regierung. Was hat sie dazu zu sagen?

Ich respektiere diese Meinung, und ich respektiere Peter sehr. Und tatsächlich hat er seine Position geändert – zuvor glaubte er nicht, dass ein [Schutzalter] beibehalten werden sollte. Ich arbeite im Bereich sexuellen Missbrauchs und Ausbeutung, und ich sage nicht, dass die meisten sexuellen Aktivitäten aus Zwang entstehen, aber es gibt enormen Druck. Der Sinn eines vorgeschriebenen Alters ist es, Schutz zu gewähren, wenn er gebraucht wird.

Nun, da ich eben in diesem Bereich arbeite, weiß ich, dass es leider häufig vorkommt, dass Kinder unter 16 häufig durch, zum Beispiel, Geschwister sexuell missbraucht werden. Ich finde nicht, dass Kinder unter 16 schwer bestraft werden sollten, aber es ist nun mal sehr wahrscheinlich, dass Zwang eingesetzt wird, vor allem durch Jungs, die Mädchen zu Sex zwingen. Ich glaube, jedes Mädchen ist sich dessen bewusst. Und daher glaube ich, dass wir die Möglichkeit zum gesetzlichen Vorgehen beibehalten und je nach Fall einsetzen sollten. Ich glaube es wäre falsch zu behaupten, niemand würde Schaden erleiden…

Christos hat uns auch geschrieben. Er meint, dass Sexualkunde zum Pflichtfach werden sollte. Und auch Unterricht in Beziehungen und LGBT-Rechten sollte mit dabei sein. In manchen europäischen Ländern ist diese Form von Unterricht bereits fester Bestandteil, doch nicht überall.

Wir wollten hören, was Peter Tatchell  dazu zu sagen hat.

peter-tatchellBei Bildung geht es darum, junge Menschen auf das Erwachsenwerden vorzubereiten und einige der wichtigsten Dinge dabei sind Sex und Beziehungen. Und es ist sehr wichtig, dass junge Menschen vorbereitet sind und verstehen, was Sex und Beziehungen sind. Damit sie selbst und ihre Partner glückliche, gesunde und befriedigende sexuelle und emotionale Beziehungen führen können. Ich denke also, dass Sexual- und Beziehungsunterricht zur Pflicht in Schulen werden sollte. Und er sollte auch schwule, lesbische, bisexuelle und Transgender-Angelegenheiten beinhalten, weil Jugendliche, die LGBT sind auch ein Recht auf Informationen, Schutz und Rat haben.

Wir haben die gleiche Frage auch Dr. Sarah Nelson gestellt. Das hat sie geantwortet:

Ja, ich stimme zu. Sexualkunde sollte Pflicht in allen Schulen sein. Aber die wichtigere Debatte ist, was dieser Unterricht alles beinhaltet. Und ich glaube, dass es nicht einfach nur um das rein Mechanische der Verhütung und so gehen sollte, sondern es sollte auch Beziehungsunterricht beinhaltet sein. Und außerdem sollten auch Informationen zum Schutz vor Missbrauch und Ausbeutung gegeben werden…

Und ich denke, dass wir auch über gegenseitigen Respekt reden sollten und über die verschiedenen Bilder, zu denen Jugendliche heute Zugang haben. Unter anderem Hardcore-Pornographie, was nicht die Art und Weise widerspiegelt, wie wir miteinander umgehen sollten. Der Unterricht muss also viele Bereiche umfassen und ich glaube wenn der Schwerpunkt auf Respekt und Sicherheit liegt, dann sind auch verschiedene religiöse Gruppen schneller mit dabei – denn Katholiken, Muslime und andere Gruppen stehen Sexualunterricht vielleicht sehr misstrauisch gegenüber.

Ein weiterer Kommentar kam von Catherine. Sie meint, dass trotz Aufklärungsunterricht, Großbritannien eine der höchsten Schwangerschaftsraten unter Jugendlichen in Westeuropa hat. Wir sollten die Jugendliche lieber dazu ermutigen, zu warten und erst Sex zu haben, wenn sie mit den Konsequenzen umgehen können.

Was würde Peter Tatchell Catherine antworten?

peter-tatchellAlso, das Problem ist, dass in Großbritannien, wie auch in vielen anderen europäischen Ländern, der Sex- und Beziehungsunterricht von sehr, sehr schlechter Qualität ist. Viele junge Menschen sagen selbst, dass der Unterricht nicht explizit und informativ genug ist, oder zu sehr wissenschaftlich.

Ich denke, wenn wir besseren Sexual- und Beziehungsunterricht hätten, wären die Schwangerschafts- und Abtreibungsraten von Jugendlichen in Großbritannien wesentlich niedriger. Und letztendlich ist es das, was ich sehen möchte. Und ich habe immer gesagt, dass ich nicht Jugendliche zum Sex ermutige. Ich denke, es ist gut zu warten. Aber wenn sie nicht warten wollen, dann sollten sie nicht kriminalisiert werden und sie sollten vorbereitet sein, um kluge Entscheidungen zu treffen und sich selbst vor ungewollten Schwangerschaften, HIV und anderen sexuell übertragbaren Krankheiten zu schützen.

Jungen Menschen sollte gezeigt werden, dass Sex und Beziehungen auf gegenseitigem Einverständnis, Respekt und Befriedigung beruhen. Dass sie das Recht haben, „Nein“ zu sagen und dass missbräuchliche sexuelle Beziehungen falsch sind und der Polizei gemeldet werden sollten.

Und zum Schluss, was sagt Dr. Sarah Nelson dazu?

Man sollte nicht versuchen, Kinder mit Predigten oder mit moralischen und religiösen Gründen zum Warten zu überreden. Ich glaube es ist äußerst wichtig, Mädchen beim Warten zu unterstützen, besonders weil es sowieso das ist, was sie wirklich wollen, anstatt hinter den Fahrradständern zum Sex gezwungen zu werden.

Bildung sollte also Mädchen das Selbstvertrauen geben, „Nein“ zu sagen und beiden Geschlechtern beibringen, respektvoll miteinander umzugehen. Wenn man einfach nur Verhütungsmittel verteilt, dann sagt man nicht nur, dass diese anderen Dinge egal sind, sondern auch dass wir uns nicht dafür interessieren, ob Zwang eingesetzt wird oder nicht. Ich glaube also nicht, dass man aus moralischen Gründen warten sollte, sondern weil es ein gewisses Alter und Reife benötigt, um mit einer sexuellen Beziehung umgehen zu können…

Ab welchem Alter sollte Sex legal sein? Sollte die Regulierung überall in Europa gleich sein? Teile uns deine Gedanken in einem Kommentar weiter unten mit, und wir fragen Europas Experten, was sie dazu zu sagen haben.

FOTO: CC / Flickr – martinak15


4 Kommentare Schreib einen KommentarKommentare

Was denkst du?

  1. avatar
    Patrik Spurzem

    Die Frage welche sich stellt, ist eher: Ab wann ist jemand zu einer eigenständigen Person geworden, um darüber entscheiden zu können, wem er/sie seine Körperlichkeit hingeben möchte. Dabei ist dieser Wille, an die Voraussetzugen geknüpft sich selbst als Mensch und das Ganzheitlich erkennen zu können. Eine Selbstfindung findet erst in der Pubertät statt. Ohne diese Selbstfindung, ist die Entscheidung über die Selbstvergabe nur dann möglich, wenn man dabei unbedingt Fehler machen möchte. Dies zu vermitteln ist möglich und bedarf deswegen weniger eine Doktrin als eine reifegerechte Bildung. Und diese sollte als Angebot und nicht als Vergabe existieren. Man sollte daher eher jedem heranwachsenden Menschen selber entscheiden lassen, wann er sich als indessen Mündig erklärt.Dies aber nur nach einer Prüfung dieser Mündigkeit. Hierbei sollte man auch in betracht ziehen zu erörtern, ob der Wille zur Erklärung der Mündigkeit von dem jenigen selbst kommt, oder dieser Erzeugt wurde. Denn hier ist bereits eine Grenzüberschreitung eines Missbrauchs zu verzeichen.

  2. avatar
    Thorsten Kann

    vierzehn ? uff. Da haben die leuts aus meinem Jahrzehnt grad mal an der ersten Kippe im Rauchereck gezogen.

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