Wir leben im „postfaktischen Zeitalter“! Das zumindest wird seit Trump und Brexit immer häufiger behauptet. Und nicht nur von irgendwem, sondern auch Angela Merkel hat das Wort bereits in den Mund genommen. 2016 wurde das Wort „postfaktisch“ sogar zum Wort des Jahres gewählt. Doch was bedeutet es eigentlich?

In der postfaktischen Welt geht es um die Vermischung von Tatsachen mit Gefühlen und Spekulationen und was dabei herauskommt. Für den Bereich der Politik bedeutet das, dass Fakten nicht länger im Mittelpunkt stehen, sondern der emotionale Effekt einer Aussage immer wichtiger wird. Dass wir aktuell immer mehr über dieses Thema diskutieren, hat vor allem mit Donald Trump zu tun. Während des US-Präsidentschaftswahlkampfs letztes Jahr widersprach beispielsweise Newt Gingrich, ranghoher Republikaner und Unterstützer Trumps, einer offiziellen Statistik des FBI und meinte, es möge ja sein, dass dies Fakten seien, er jedoch verlasse sich auf das Gefühl der Menschen.

Ähnliche Aussagen wurden auch schon von deutschen Politikern gemacht. Im Vorfeld der Berlin-Wahlen sagte AfD-Spitzenkandidat Georg Pazderski, es gehe eben „nicht nur um die reine Statistik, sondern darum, was der Bürger empfindet“. Doch was denken die Bürgerinnen und Bürger darüber? Haben die Menschen wirklich das Vertrauen in Statistiken verloren?

Willst du mehr über postfaktische Politik erfahren? Klicke auf unsere Infographik, wir haben ein paar interessante Fakten zusammengestellt:

Studien zeigen beispielsweise, dass 68% der Trump-Unterstützer offiziellen Statistiken der Regierung misstrauen. Und auch in Deutschland sank das Vertrauen in die Regierung und in andere Institutionen. 71% der Deutschen gaben an, der Regierung wenig bis gar nicht zu trauen. Bei politischen Parteien ist der Wert noch höher und gut die Hälfte der Befragten misstrauen Gerichten.

Sind wir also auch in Deutschland in der postfaktischen Politik angekommen? Wie viele Emotionen sind gut in der Politik? Auch bei dieser Debatte haben wir mit der Schwarzkopf-Stiftung zusammengearbeitet, die in ihrem Projekt Europa Verstehen in 14 Ländern EU-Kompakt-Kurse durchführt, die ein grundlegendes Verständnis europäischer Politik interaktiv vermitteln möchten. Dabei sammelt die Stiftung zahlreiche Fragen und Kommentare von Schülern und Schülerinnen. Wir haben diese Fragen genommen und sie Politikern und Experten der EU gestellt.

Die erste Schülerfrage lautete: Ist Politik in den letzten Jahren emotionaler geworden?

Zuerst sprachen wir mit Gary Schaal, Professor für Politikwissenschaften an der Helmut-Schmidt-Universität/Universität der Bundeswehr in Hamburg. Er fokussiert sich in seiner Forschung vor allem auf politische Theorie und Emotionen. Was sagt er dazu?

Erstens, ich glaube nicht daran, dass wir in einem postfaktischen Zeitalter leben. Sondern das sind eher Entwicklungen, die sich vor allem in den USA abzeichnen und viel weniger in Deutschland. Zweitens, ich glaube tatsächlich daran, dass wir es mit einer größeren Emotionalität in der deutschen Politik zu tun haben. Allerdings muss man schauen, ob diese Emotionalität stärker auf Seiten der Politik oder auf Seiten der Bürger verortet ist. Ich möchte daran erinnern, dass Politik in den 70er- und 80er-Jahren auch schon sehr emotional war, zum Beispiel die „Stoppt Strauß“-Kampagne oder „Freiheit statt Kapitalismus“. All das war hoch emotional. Daher haben wir es heute nicht mit einem neuen Phänomen zu tun, sondern einfach mit einem Phänomen, das wieder auftaucht.

Ich glaube, dass man heute mit Emotionen stärker spielt, als dass man es in den 70er- oder 80er-Jahren gemacht hat. Damals war man noch zu stark unter dem Eindruck des Dritten Reiches und der Verführung der Bürger durch Demagogie. Heutzutage ist es auch einfacher die Emotionen der Bürger direkt anzusprechen, weil es einfach durch Big Data viel bessere Möglichkeiten gibt, zu verstehen, was der einzelne Bürger wissen will. Und zwar nicht nur auf der rationalen, sondern auch auf der emotionalen Ebene.

Für eine weitere Antwort sprachen wir auch mit Dr. Felix Heidenreich, Wissenschaftler am Internationalen Zentrum für Kultur- und Technikforschung (IZKT) der Universität Stuttgart. Was sagt er dazu?

Ich denke schon, dass die Medienöffentlichkeit tendenziell emotionaler geworden ist und wir einen gewissen Prozess der Boulevardisierung beobachten können. Dies hat zum einen mit dem wachsenden ökonomischen Druck zu tun, der sich durch die Digitalisierung weiter verschärft. Die BILD-Zeitung war natürlich immer sehr emotional. Aber jetzt haben wir eine Situation, in der jeder Klick einzeln gezählt werden kann und dies führt dazu dass zumindest manche Medienunternehmen durch eine emotionalisierte Darstellung und eine entsprechende Themenwahl möglichst viele Klicks zu produzieren versuchen. Qualitätsjournalismus gibt es natürlich in ökologischen Nischen wie bei ARTE oder den großen Qualitätszeitungen. Aber ich fürchte insgesamt wird die Boulevardisierung unserer Öffentlichkeit eher zunehmen.

Die zweite Frage lautete: Wie sollte Europa mit einem Politiker wie Donald Trump umgehen, der Berichten und Fakten vieler etablierten Medien und Institutionen nicht traut, und hauptsächlich an die Emotionen der Menschen appelliert?

Wie würde Prof. Gary Schaal diese Frage beantworten?

Das eine ist Lügen, das andere ist Emotionalität. Trump lügt schlicht und ergreifend. Das hat nichts damit zu tun, dass er emotional ist oder nicht. Man kann sich eine emotionale Politik vorstellen, die trotzdem faktenbasiert ist. Eine Politik, die nicht auf Fakten basiert, ist nicht verlässlich. Und dem entsprechend ist Trump auch kein politisch verlässlicher Partner. Vor dem Hintergrund glaube ich, dass sich Deutschland und die EU möglichst stark durch eine faktenbasierte Politik auszeichnen sollte.

Wir wollten auch eine Antwort von Dr. Felix Heidenreich hören:

Wie schwierig es ist, darauf angemessen zu reagieren, sieht man bei Donald Trump. Es scheint ja so zu sein, dass das Lügen ihm in der amerikanischen Öffentlichkeit zwar bei manchen aber keineswegs bei allen Leuten zum Nachteil gereicht. Dabei schadet es ihm auch nicht, wenn beispielsweise die New York Times alle seine Falschaussagen auflistet. Meine Hoffnung ist, […] dass sich irgendwann das Rechtssystem wie eine Nadel in den aufgeplusterten Ballon des postfaktischen Kommunizierens hineinpickt und diesem Treiben mit einem lauten Knall Einhalt gebietet.

Die Hoffnung wäre, dass Trump oder die Leute um ihn herum irgendwann über eidesstattliche Falschaussagen stolpern. In der politischen Öffentlichkeit falsches Zeug daherzureden kann man in der Demokratie nicht verbieten. Aber die eidesstattliche Aussage ist eben genau der Punkt, wo faktische Wahrheit gefragt ist. Und spätestens dort wird es dann für Trump eng.

Als letztes wollten wir von Debating Europe noch wissen, ob Emotionen in der Politik immer negativ sind? Oder können sie auch einen Nutzen haben?

Was sagt Professor Gary Schaal dazu?

Emotionen motivieren Menschen überhaupt nur dazu zu handeln. Wenn die Politik rein rational wäre, dann würden sich sehr viel weniger Menschen für Politik überhaupt interessieren. Und ich glaube daher auch nicht, dass Politik ohne Emotionen überhaupt funktioniert. Hintergrund ist, dass wir in Deutschland uns aus unterschiedlichen Gründen nicht trauen, darüber zu sprechen, welche Bedeutung positive Emotionen für Politik haben können. Und Emotionen sind ja nicht nur einfach nur da, manche sind erwünscht, manche sind weniger erwünscht. Aber solange wir Angst vor Emotionen auf einer gesellschaftlichen Ebene haben, können wir keinen wirklichen Diskurs darüber führen, welche Art von Emotionen wir für demokratisch relevant und welche für demokratisch irrelevant halten.

Wie viele Emotionen sind gut für die Politik? Findest du Emotionen in der politischen Welt schädlich oder können sie auch einen Nutzen haben? Glaubst du wir leben im postfaktischen Zeitalter, in dem Emotionen mehr zählen als Fakten? Schreib uns deine Meinung und wir fragen Europas Politiker und Experten nach ihrer.

Diese Debatte wurde in Kooperation mit dem Projekt Europa Verstehen der Schwarzkopf-Stiftung veröffentlicht. Disclaimer
ECPA
FOTO: CC / Flickr – Mikeledray


12 Kommentare Schreib einen KommentarKommentare

Was denkst du?

  1. Paul Tobias Dahlmann

    Das Problem sind die Propaganda-Experten (neudeutsch: PR-Berater). Die wollen immer möglichst viel davon, egal, was die Menschen brauchen. Denn das BRAUCHEN, nicht das WOLLEN ist der entscheidende Faktor.

  2. Pierre Gummersheimer

    Trump ist mit dem Medium TV bestens vertraut. Zahlen interessieren ihn nicht. Maximal wird er von seinen Beratern über die Lage im jeweiligen Bundesstaat.
    Der Löwe, der am lajute

  3. Christian Rogler

    Authentische immer gerne, etwa wie im Fall von Trump oder Höcke. Da merkt man, dass Herz dahinter ist. Dieses aufgesetzte „Moral“-, „Empörungs“- und „Betroffenheits“-Gepose von Claudia Roth bis Norbert Röttgen kann mir hingegen gestohlen bleiben.

  4. Stephan Fiedler

    Ich wünschte es wäre mein Gefühl das mir sagt Statistiken werden gefälscht ;) – aber es ist mein Verstand.

  5. Frieder Maier

    Statistiken zu vertrauen ist schlecht, man muss sich ein Bild der Lage machen das geht aber nicht nur mit einer Statistik den das ist schon ein Blickwinkel einer Person und damit nur ein Bildausschnitt. Auch kann man viel an Statistiken drehen, angefangen bei der Datenerhebung. Wenn man eine Statistik macht in Washington oder Kalifornien zu Trump wird er immer schlechter dastehen als Beispielsweise in den ehemaligen Stahlindustriestaaten. Schon dadurch sind in solche Statistiken Emotionen hineintransportiert die aber eben kaum stimmen. Um zu vermeiden das man bei einer statistischen Erhebung zu viele Daten bekommt muss man kürzen damit wird dann die emotionale Stimmung der erstellenden Person in der Statistik umgesetzt. Dann existiert zwar mal eine Statistik aber nun kommt es darauf an wer diese Statistik publiziert/ verbreitet. Denn hier wird schon wieder eine emotionale Entscheidung getroffen und schon wieder spielen in der angeblich genauen und mathematischen Statistik die Emotionen. Wenn also Statistiken emotional sind und die anderen „Nichtstatistiker“ emotional ihre Meinung herbeiführen kommt es auf so ziemlich das gleiche heraus.

  6. Denis Benjamin Holters

    Warum kann man nicht einfach beides wichtig finden? Ich will, dass Menschen mir glauben. Dafür muss ich sie emotional erreichen. Und dazu kommt, dass ich andere nicht anlügen will. Also brauche ich die Statistiken, die Lage vor Ort: kurz, die Fakten.

    Deshalb erwarte ich das auch von Politikern und anderen Verantwortungsträgern

  7. Marcel Heldt

    Ich vertraue Statistiken. Und Statistiken können Fehler haben. Warum? Weil es ein Mensch erstellt der selber nicht perfekt ist.

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